Gesellschaftskritik Über Truman Capotes Asche

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 42/2016

Es mag von Vorteil sein, zeitlebens als Exzentriker zu gelten. Dann trauen die Leute einem alles Mögliche zu. Später indes kann das zum Nachteil werden – wenn man nämlich über dieses alles Mögliche keine Kontrolle mehr hat. Wie Truman Capote. Der Schriftsteller, der im Jahr 1984 verstarb, war ein Bonvivant, lebenslang unberechenbar. Und offenbar wollte er posthum nicht unter die Erde.

Und so ruhte seine Asche in einem Holzkästchen auf dem Kaminsims seiner Vertrauten Joanne Carson. Diese war dafür bekannt, Capotes Reste mit sich herumzutragen, auf dass er in Gesellschaft sei. Als jedoch 2015 auch Carson verstarb, war das aschgraue Häuflein plötzlich ein Objekt wie jedes andere aus einem aufgelösten Promi-Haushalt: Memorabilia, mutmaßlich von Wert. Wie viel konkret, das wissen wir seit Ende September, als das Kästchen bei einer Auktion in Los Angeles 45.000 US-Dollar erbrachte.

Dass der Käufer anonym blieb, lädt zu Spekulationen ein. Wer ersteigert einen eingeäscherten Schriftsteller? Und wozu? Was könnte also dem exzentrischen Kremierten jetzt noch alles blühen? "We have not seen the last of Truman Capote", hat der Auktionator orakelt – da komme noch etwas. In Amerika, wo, anders als in Deutschland, keine Bestattungspflicht herrscht, kann man sich tatsächlich alles Mögliche vorstellen: Zurschaustellung, Weiterverkauf, Vermietung oder gar Leasing. Für Leute mit metaphysischer Leere auf dem Kaminsims.

Gerecht würde das dem Autor von Frühstück bei Tiffany’s und Kaltblütig natürlich nicht. Dafür müsste sich der Ersteigerer schon von den Aschegeschichten anderer Exzentriker inspirieren lassen: vom Rapper Tupac Shakur, der seinen Bandkollegen zu Lebzeiten präzise Anweisungen gegeben hatte ("Last wishes, niggas, smoke my ashes") und tatsächlich mit Marihuana vermischt als Joint geraucht wurde. Vom LSD-Entdecker Timothy Leary, dessen Asche per Rakete in den Erdorbit geschossen wurde. Begleitet von einem Teil der Asche des Star Trek- Erfinders Gene Roddenberry – die andere Hälfte blieb bei seiner Frau.

Selbst mag man das nun mehr oder weniger erstrebenswert finden. Aber Capote, müsste er sich, wenn er nur könnte, angesichts dieses ewigen Ausgeliefertseins nicht im Grabe umdrehen? Entweder weil ihm gar kein noch so origineller Ascheeinsatz gerecht werden kann. Oder weil ihn sein neuer Besitzer vielleicht am Ende ganz unprätentiös – begräbt.

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