Ich habe einen Traum Amanda Lear

"Angela Merkel und Hillary Clinton könnten so viel besser aussehen!"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 43/2016

Bevor ich ins Bett gehe, trinke ich immer ein großes Glas Mineralwasser, dann lege ich mich hin, schließe die Augen und beginne sofort zu träumen. Als ich jung war, schlief ich neun bis zehn Stunden. Damals war ich die ganze Nacht unterwegs, tanzte in Diskotheken, sang in Clubs und hatte überhaupt ein wildes Leben. Tagsüber schlief ich. Das ist lange her. Wilde Träume habe ich immer noch.

Zurzeit spiele ich in Paris die Hauptrolle in dem Theaterstück La Candidate. Da will eine Frau Präsidentin von Frankreich werden, was ja einen sehr aktuellen Bezug hat. Unser Stück ist eine Komödie. Ich verspreche da meinen Wählern, dass ich alle Steuern abschaffe und ähnlichen Blödsinn. Und dafür werde ich dann tatsächlich gewählt. Nach den ersten Aufführungen träumte ich jede Nacht intensiv davon, wie ich Frankreich regieren würde. Schlimmer, als es jetzt ist, würde ich es auch nicht machen. Ich träumte nächtelang, was ich alles tun würde, wenn ich an der Macht wäre: Im Traum versprach ich jedem Bürger ein Eigenheim, bessere Krankenhäuser und das Ende aller Terroranschläge. Ich log das Blaue vom Himmel herunter. Ich träumte von Kabinettssitzungen und allerlei offiziellen Terminen, die ich absolvierte.

Wäre ich Präsidentin, stünde in jedem Raum des Élysée-Palastes eine Statue von mir. Mein Gesicht würde auf alle Banknoten gedruckt werden. Ich würde Rapsongs mit aggressiven Texten verbieten und die EU verlassen, so wie es uns die Engländer vorgemacht haben. Ich hätte von nichts eine Ahnung, würde mich aber mit schlauen Beratern umgeben.

Um das Theaterstück zu bewerben, wurde ein Videoclip ins Netz gestellt, in dem ich verkünde, dass ich Präsidentin von Frankreich werden will. Das war ein Spaß, aber Millionen von Leuten nahmen es ernst. Ich bekam endlos viele Botschaften von Menschen, die ernsthaft versprachen, mich zu wählen. Ich möchte aber wirklich nur im Traum regieren. Als Präsident muss man vor allem auf Bildern gut aussehen und ab und zu Angela Merkel oder Barack Obama die Hand schütteln. Angela Merkel würde ich bei der Gelegenheit ein paar Modetipps geben. Diese furchtbaren Hosenanzüge! Ihr und auch Hillary Clinton würde ich zu eleganteren Schnitten raten – sie könnten so viel besser aussehen. So, wie es sich für große Politikerinnen eigentlich gehört.

Für mich wäre der Präsidentenjob eher ein Albtraum. Mein Freund Salvador Dalí hat seine Albträume auf Leinwände gemalt: Diese ganzen zerfließenden Uhren und Augen, die vom Himmel starren, hat er alle nach schlechten Träumen gemalt. Es sind schreckliche Bilder. Zumindest mir gefallen sie nicht. Ich mochte nur den Menschen Dalí, mit ihm war ich eng befreundet. Er sprach nicht über seine Träume, er malte sie. Ich male auch, aber meine Träume haben mich noch nie zu einem Bild inspiriert. Ich kann es nicht ausstehen, wenn andere Menschen mir ihre Träume erzählen wollen. Das langweilt mich tödlich. Ich träume lieber selber.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.

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