Stilkolumne Zurück in die Wildnis

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 43/2016

Der Mensch hat die Mode erfunden, weil er mehr aus sich machen wollte. Formen annehmen wollte, die sein Körper nicht hergab, und sich vor allem mit Farben schmücken wollte, die ihn von anderen unterschieden. In der Mode ahmte der Bauer den Bürger nach und der Bürger den Adligen. Und stets kam es darauf an, sich mit den Kleidern möglichst weit vorn und möglichst weit oben zu positionieren.

Wer die heutige Vielfalt der modischen Ausdrucksweisen etwa vergleicht mit den Fellen, mit denen sich Gletschermann Ötzi vor über 5.000 Jahren kleidete, der weiß, was wir der Mode zu verdanken haben. Mode ist aber immer auch ein Kommentar zur jeweiligen Zeit. Und da geht es nicht nur nach vorn. So wie die Mode dem Fortschritt gehuldigt hat – etwa mit den glänzenden, futuristischen Rüstungen eines Paco Rabanne –, so drückt sich in ihr auch der Zweifel an der Zivilisation aus. In den sechziger Jahren wurde der Ethno-Look geboren. Junge Menschen besseren Einkommens kleideten sich plötzlich in Stoffe aus Kulturen, die mit dem westlichen Konsumstreben wenig zu tun hatten: die der nordamerikanischen Ureinwohner oder der Azteken. Wer alternativ sein wollte, der trug einen Poncho aus Alpaka-Wolle, eine Andenmütze mit Ohrenklappen oder eine Wildlederweste mit Fransen. Die Hippie-Kultur wollte sich abgrenzen von einer Gesellschaft, in der es immer nur um mehr ging. Sie trugen die Kleider der Opfer der westlichen Zivilisation.

Mittlerweile sind Ethno-Themen aus der Mode nicht mehr wegzudenken. Bei Valentino Red gibt es lange Pullover mit Fransen, die an Ponchos aus den Anden erinnern. Die Mailänder Marke Etro ist ohne Ethno-Muster gar nicht denkbar, und auch bei Ralph Lauren kommen die Jacken mit Anden-Musterung daher. Bei Tod’s sind die Loafer mit indianischem Muster im Kreuzstich geschmückt.

Nur hat dies heute nichts mehr mit Konsumkritik zu tun, sondern mit dem "mehr, mehr, mehr". Es will gar kein Ende nehmen mit den Ethno-Looks. Das Gefühl, irgendwie nichts mit der kurzlebigen, statusorientierten westlichen Produktwelt zu tun haben zu wollen, ist selbst zu einem kurzlebigen Produkt geworden. Die Mode geht eben immer dahin, wo es etwas zu holen gibt – auch wenn sie weit in der Geschichte zurückgehen muss. Sie würde sich auch vom Look Ötzis inspirieren lassen. Aber der trug Felle. Und Pelz geht ja nun glücklicherweise gar nicht mehr.

Foto: Peter Langer / Loafer im Ethno-Look von Tod’s, 770 Euro

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Niemand muss unterstützen, dass indigene Kulturen für oberflächliche und überteuerte Designer-Mode ausgebeutet werden. Einfach bei den ProduzentInnen selbst kaufen - dank Internetsuche kein Problem mehr. Dann klappts auch wieder mit der Konsumkritik.

"Many non-Native businesses and individuals falsely suggest that their products are Native-made in an attempt to garner more sales. This is illegal. [...] A non-Native business that states that their products are Native American or [that uses] Native names in product titles (for example, if they sell an "Apache Poncho," "Navajo Purse," or "Native American Earrings," etc.) [...] is in violation of trademark law. These brands are taking valuable business away from actual Native American artists and small businesses."
(Quelle: http://www.beyondbuckskin...)