Harald Martenstein: Über Schuldgefühle, Scham und deutsche Eigenheiten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 43/2016

Im vergangenen Jahr sind etwa 890.000 Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, meist Muslime. Diese Menschen sollen jetzt integriert werden. Aber in was? Im Feuilleton las ich einen Artikel, der die These vertrat, dass es etwas speziell Deutsches eigentlich gar nicht mehr gibt. Sitten, Gebräuche, Bildungsbürgertum, Innerlichkeit, Frömmigkeit, dies alles sei doch längst futsch, und zwar nicht wegen der Zuwanderer, sondern wegen des Kapitalismus. Der Weltmarkt, ein viel größerer Gleichmacher als der Sozialismus oder die Migration.

Da ist was dran. Aber es stimmt nicht ganz.

Mit Anfang zwanzig arbeitete ich als Hilfslehrer für Deutsch in Frankreich, wir befinden uns in den siebziger Jahren. Einige Lehrer weigerten sich, mit mir zu reden oder mir gar die Hand zu geben. Nur ein Lehrer schien über mein Auftauchen erfreut zu sein, ein Elsässer, den das Schicksal mit dem Namen "Monsieur Fritz" geschlagen hatte. Wenn ich über den Flur ging, hörte ich mehr als einmal, wie mir das Schimpfwort boche nachgeflüstert wurde.

Dann verliebte ich mich in ein Mädchen aus der vorletzten Klasse. Ein Regelverstoß. Ich war 22, sie war 17. Wir hielten Händchen und waren sehr vorsichtig, aber es kam heraus, und ich musste zum Direktor. Er sagte, als ersten Satz: "Von einem deutschen Stück Scheiße wie dir lassen wir unsere Mädchen nicht anfassen."

Ich protestierte nicht gegen diese Gesprächseröffnung. Ich schämte mich. Ich schämte mich auch, als ich in Israel im Namen von "Aktion Sühnezeichen" als Sühnedienst Orangen pflückte. Leute drehten sich wortlos weg, wenn sie mitbekamen, dass ich Deutscher bin. Mein Orangenpflücken schien sie über den Verlust ihrer Familien nicht wirklich hinwegzutrösten.

Das Gefühl, irgendwie mitverantwortlich zu sein für diese Nazi-Scheiße, hat sich in mir festgesetzt, wie bei vielen Westdeutschen meiner Generation. Das hatte wenig mit Umerziehung zu tun, im Gegenteil. Die meisten Älteren schwiegen, in der Schule kamen die Nazis kaum vor, im Gegensatz zu heute. Es gab wahnsinnig viel gutes Gewissen damals. Umso wichtiger ist es, dachte ich, dass wenigstens du ein schlechtes Gewissen hast. Das ist typisch deutsch, zumindest westdeutsch, das ist meiner Ansicht nach der Kern unserer Identität, bei einer Mehrheit jedenfalls. Heute kommt mir die deutsche Buß-Ersatzreligion, die sich in den folgenden Jahrzehnten bei uns entwickelt hat, manchmal hohl und lächerlich vor. Aber ich sage mir: Besser so als andersherum. Hin und wieder ertappe ich mich bei etwas, das der deutsche Journalist Henryk M. Broder zutreffend "Sündenstolz" genannt hat. Immerhin, wir Deutschen gehen mit der Vergangenheit besser um als andere.

Wenn diese Beschreibung der deutschen Identität halbwegs stimmt, als einer Mischung aus Schuldgefühl, Scham und Sündenstolz, dann folgt daraus einiges für die Integration. Wenn ein islamistischer Terroranschlag geschieht, dann müssten sich, als gute Deutsche, alle deutschen Muslime mitschuldig fühlen. Es genügt nicht, das Verbrechen zu verurteilen, nein, man muss den Terroristen in sich selbst aufspüren. Man muss auf die Straße gehen und fordern, dass in Mekka ein Mahnmal für die Opfer des Islamismus errichtet wird. Wenn ein Muslim auf der Straße als "Scheiß-Ausländer" beschimpft wird, dürfte er nicht wütend werden, sondern müsste sich fragen, ob er nicht wirklich ein bisschen scheiße ist. Ausländer haben auf der Welt in den letzten Jahrhunderten viele Verbrechen begangen.

Sie finden das verrückt? Ich auch. Aber es ist unsere Identität.

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