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Das war meine Rettung: "Ich habe mich freigespielt"

Als Gastschülerin in den USA war Martina Gedeck unglücklich. Bis sie ihre erste Rolle bekam. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 43/2016

ZEITmagazin: Frau Gedeck, Sie haben einmal auf die Frage, was Sie an sich selbst gut finden, geantwortet: "Dass ich so viel Kraft habe und sie mir nie ausgeht." Haben Sie diese Kraft schon als Kind gespürt?

Martina Gedeck: Ich habe als Kind nicht darüber nachgedacht, wie ich bin. Aber es war schon immer so, dass ich mich mit einer Sache sehr lang und intensiv beschäftigen kann. Da können Stunden vergehen, ohne dass ich es merke.

ZEITmagazin: Sie versinken darin?

Gedeck: Wenn ich in etwas vollkommen abtauchen kann, ist das für mich ein Glückszustand. Als ich ungefähr sieben Jahre alt war, besuchte ich zum ersten Mal ein Kindertheater. Ich sah auf der Bühne Blumen und Pilze, die sprechen konnten, und war fasziniert davon, dass eine Welt, von der ich dachte, sie sei unsichtbar und existiere nur in meinem Kopf, plötzlich sichtbar war. Das hat mich später an der Schauspielerei ganz stark angezogen: Du stellst dir etwas vor, und dann ist es plötzlich sichtbar, wie durch ein Wunder, eine Verwandlung. Diese Welt der Wunder fand ich schon als Kind faszinierend, und dass ich mich in dieser Welt aufhalten durfte, hatte stark mit meinen Eltern, vor allem meiner Mutter, zu tun.

ZEITmagazin: Warum?

Gedeck: Meine Mutter war erst 21 Jahre alt, als ich auf die Welt kam. Auch wenn ich als Kind Dinge gemacht habe, die vielleicht etwas ungewöhnlich waren, hat sie das nie unterbunden. Sie hatte Zugang zu meiner Fantasiewelt, hat mit mir mitgespielt. Das war wahnsinnig schön.

ZEITmagazin: Wann haben Sie selbst zum ersten Mal auf der Bühne gestanden?

Gedeck: Das war in der Grundschule, aber daran kann ich mich nicht richtig erinnern. Richtig ernsthaft auf der Bühne gestanden habe ich, als ich 1977 ein Jahr als Austauschschülerin in den USA war.

ZEITmagazin: Ein Jahr lang im Ausland zur Schule zu gehen war damals etwas Besonderes.

Gedeck: Ja, das haben nur sehr wenige Mitschüler gemacht. Man musste sich bei einer Organisation bewerben, und ich wollte erst nach Frankreich, weil ich Französisch liebte. Aber dann bekam ich nur einen Platz in einer Familie in Schweden. Den habe ich abgelehnt. Als mir gesagt wurde, dass es noch eine Option für Übersee gebe, wollte ich das zunächst auch nicht. Zum Glück hat mein Vater mich dann überzeugt, es zu wagen.

ZEITmagazin: Wo kamen Sie hin?

Gedeck: Nach New Jersey, in so eine fürchterliche Suburbia. An der Schule dort konnte man Schauspiel als Schulfach wählen. Das wurde sehr ernst genommen. Die Schule war groß, hatte rund 2000 Schüler, und für die Aufführungen wurden richtige Castings gemacht. Wenn man dort eine Rolle bekam, dann war das schon was.

ZEITmagazin: Wie haben Sie es als Gastschülerin geschafft, dort auf der Bühne zu stehen?

Gedeck: Gespielt werden sollte ein Stück von Turgenjew, leider gab es darin nur wenige Frauenrollen. Ich wollte unbedingt die Hauptrolle spielen, die junge Heldin. Ich habe geübt und geübt, zu Hause, nach der Schule, und ich wusste genau, wie die Rolle zu spielen ist. Aber ich habe mich in der Schule nie getraut, mich zu melden, wenn es darum ging, etwas vorzuspielen, weil ich als Austauschschülerin nicht so richtig dazugehörte. Dann bin ich vor lauter Aufregung krank geworden, ich war richtig lange krank. Ich hatte Fieber und war in der entscheidenden Zeit, als es in die Endphase des Castings ging, gar nicht in der Schule. Als ich dann erfuhr, dass die Rolle vergeben war, war ich am Boden zerstört. Aber als ich wieder in die Schule ging, kam der Schauspiellehrer zu mir und fragte ganz direkt: "So, Martina, willst du jetzt mitspielen in dem Stück oder nicht?"

ZEITmagazin: Er hatte gemerkt, dass Sie sich nicht getraut hatten?

Gedeck: Ja, und dass es mich beschäftigte. Ich antwortete ihm: "Ja, ich will." Dann musste ich die Rolle einer russischen Magd vorspielen – nicht gerade die jugendliche Heldin, mit der man sich als 16-Jährige identifiziert, aber sie hatte tatsächlich den meisten Text im Stück. Ich habe die Rolle tatsächlich bekommen, und das war meine Rettung, weil ich vorher in der Schule wirklich sehr unglücklich gewesen war. Als die Proben anfingen, waren wir vom Unterricht befreit, wir haben eigentlich nur noch Theater gespielt. Ich war völlig integriert, habe viele Freunde gefunden und war am Ende des Austauschjahrs auch richtig glücklich dort. Die Aufführung war meine erste Erfahrung mit einem Auftritt vor großem Publikum. Bei der Premiere war ich noch etwas verkrampft. Aber dann habe ich mich freigespielt, und das war sehr schön.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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