Das war meine Rettung "Seit ich boxe, fühle ich mich wie ein großer, kräftiger Mensch"

Die Schauspielerin Katharina Wackernagel hatte oft Angst, bis sie mit dem Boxen begann. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 44/2016

ZEITmagazin: Frau Wackernagel, Sie beschreiben sich als Kopfmenschen, würden aber lieber mehr aus dem Bauch heraus reagieren.

Katharina Wackernagel: Ich tue mich manchmal schwer, Entscheidungen zu treffen, weil ich sie über Tage und vor allem Nächte hin- und herschiebe. Ich denke oft, dass ich alles erst mal jemandem erzählen sollte, der es vielleicht besser weiß, und traue mich oft nicht, mir zu vertrauen. Je älter ich werde, desto zögerlicher werde ich. Am sichersten fühle ich mich in meiner Arbeit. Nur ich zu sein macht mich unruhig. Das merke ich schon, wenn ich zwei, drei Monate keine Arbeit habe.

ZEITmagazin: Sie sagen auch, dass Sie Hierarchien ablehnen. Was stört Sie daran?

Wackernagel: Es ist gar nicht so sehr, dass ich Hierarchien grundsätzlich nicht akzeptiere. Ich finde es ganz normal, dass ein Regisseur das letzte Wort hat – wenn er eine Vision hat. Wenn er einfach ein arroganter Schnösel ist und sagt: Ich bin hier der Chef, und deswegen müsst ihr alle nach meiner Pfeife tanzen, habe ich das Gefühl, dass man dem die Luft rauslassen muss. In meinem Leben gibt es auch keine Abhängigkeit von Männern. Ich möchte frei entscheiden können, wie ich mein Leben lebe, und eine Beziehung zu einem Mann sollte auf Augenhöhe stattfinden. Eine emotionale Abhängigkeit möchte ich nur zu meiner Mutter haben, sonst zu niemandem.

ZEITmagazin: Ihre Mutter lebt seit 38 Jahren mit zwei Männern zusammen. Wie haben Sie das als Kind erlebt?

Wackernagel: Ich habe das immer als Bereicherung empfunden. Es hat mir früh klargemacht, dass es möglich ist, zwei Menschen gleichermaßen zu lieben, und dass man dafür offener sein sollte. Meine Mutter ist noch immer mein Vorbild, und ich bewundere, dass sie zwei Beziehungen mit zwei Männern führen konnte, andererseits hat sie auch viel ausgleichen müssen. Wir Kinder haben das Lebenskonzept nicht übernommen, weil wir eben auch gesehen haben, wie viel Anstrengung es kostet, sich zu arrangieren. Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie das auch nicht vor uns verborgen haben. Wir sind zum Beispiel jedes Jahr im Sommer alle gemeinsam in den Urlaub gefahren. Das hat gut funktioniert, trotzdem gab es jedes Mal einen riesengroßen Krach. Das war unangenehm, gehörte aber dazu.

ZEITmagazin: Welcher Vater hat Sie mehr geprägt?

Wackernagel: Das war wirklich fifty-fifty. Erich, unser Erziehervater, hat mich meine Kindheit und Jugend über viel mehr begleitet. Wir haben auch noch immer ähnliche Gespräche wie damals, in denen er mir ins Gewissen redet. Möglicherweise ist der Kopfanteil in mir auch wegen Erich so stark. Er ist jemand, der sehr viel über den Kopf löst. Mit meinem leiblichen Vater Valentin habe ich eine kumpeligere Beziehung. Er ist eher ein Bauchmensch, impulsiver, was ich eben auch in mir drin spüre. Er war zwar auch in meiner Kindheit immer für mich da, als Vaterfigur kam er aber erst wirklich in mein Leben, als ich angefangen habe zu arbeiten. Darüber hatten wir dann einen Draht zueinander.

ZEITmagazin: Hatten Sie auch mal eine Krise, aus der Sie gerettet werden mussten?

Wackernagel: Eine schreckliche Erfahrung war, dass ich als Kind und als junge Erwachsene ganz häufig Exhibitionisten begegnet bin. Als Kind habe ich das natürlich nicht richtig gecheckt, aber ich bin dadurch ein richtiger Schisser geworden und immer weggerannt. Dann habe ich den Film Die Boxerin angeboten bekommen und musste dafür boxen lernen.

ZEITmagazin: Sie waren damals Mitte 20.

Wackernagel: Dabei habe ich gelernt, dass es gut ist, zu spüren, dass ich Kraft im Körper habe und bei Gefahr nicht wegzurennen brauche, sondern auch austeilen kann. Zu der Zeit musste ich einmal frühmorgens zum Bahnhof. Ich bin die Unterführung runter, und da begegnete mir ein Mann, der mir gleich komisch vorkam. Er drehte sich um und hatte exhibitionistenmäßig seinen Mantel auf. Der Schreck fuhr mir mit solcher Wucht durch den Körper, dass ich auf ihn zugegangen bin und ihn beschimpft habe, sodass er wegrannte. Das war für mich der alles verändernde Moment. Das Boxen hat mir die Möglichkeit eröffnet, mich wie ein ganz großer, kräftiger Mensch zu fühlen. Die Boxerin war ein Befreiungsschlag. Ich habe seitdem nicht mehr so viel Angst vor Konflikten und dem Neinsagen.

ZEITmagazin: Wenn Sie sich in ein Tier verwandeln könnten, was wären Sie gerne?

Wackernagel: Eine Möwe. Wenn ich auf einer Fähre bin und plötzlich eine sehe, denke ich, dass die sich einfach irgendwo auf dem Meer niederlassen, ein Stückchen schwimmen, dann wieder aufsteigen und weiterfliegen kann. Möwen sind so unabhängig und frei.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren
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Xaver Labude
#2  —  8. November 2016, 22:52 Uhr

Über Geschmacksfragen wäre zu reden,
wäre dies hier notwendig. Doch das ist es nicht:

"Am sichersten fühle ich mich in meiner Arbeit."

Das ist glaubhaft.
Es gelingt ihr, scheinbar ohne Mühe zu spielen - ganz so leicht ist das sicher nicht.

Außerdem: Eine Rolle besser und "teurer" zu spielen, als sie ist,
wäre wie ein Kleid, das besser ist, als die Trägerin; das Ergebnis wäre albern.
Frau Wackernagel macht es anders, sie spielt die Rollen so, daß die Rolle stimmt;
damit tut sie für die Filme das Beste, was eine Schauspielerin tun kann:
Etwas verkörpert, etwas darstellen. Ein Bild erzeugen.

Vielen Zuschauern fällt sie dadurch kaum auf; auch so etwas
kann eben manchmal der Preis von Kunst sein, wenn sie wirklich geliebt wird.

Viel Glück!

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Xaver Labude
#3.1  —  9. November 2016, 3:21 Uhr

Wirklich? Das ist schön.

Was Frau Gedeck betrifft, erklingt sie in mir etwas anders, als Frau Wackernagel, da sie für mich als Betrachter in eine andere Kategorie gehört: Sie fiel mir bereits in "Tiger, Löwe, Panther" auf, einem munter, besinnlich, kunterbunten Strauß an guten und grottenschlechten Szenen um Liebe, Männer-, Frauenfreundschaft und um Lebensweisheiten - es war ein Frühwerk aus dem Hause Graf (1989). Das ist ein paar Jährchen her und heute ist sie eine so prachtvolle Schauspielerin, die Rollen geradezu "leben" kann, wenn diese das Glück haben, von ihr verkörpert zu werden. Auch Frau Gedeck bringt eben bei den Menschen Saiten zum Schwingen und schenkt viel Sinn des Liebe Gebens, von der Bühne herab. Für mich ist es immer wieder eine Freude, so kunstfertig Unterhaltung und Anregung auf eine Weise zu erfahren, daß ich die Mühe, die dahintersteckt, bei der Betrachtung gar nicht merke.

So. Damit habe ich wohl diesen Sachverhalt (gleichgültig, ob es nun um Frau Wackernagel, Frau Gedeck oder Frau Köhler geht) so angemessen und "unexaltiert" wie möglich geschildert, denn das ist schließlich bei den zeitgenössischen ständigen Nörgeleien wirklich auch mal fällig.

Ihnen Alles Gute!

Mit freundlichen Grüßen,
Labude