Kunst: Das Drama des leeren Blatts

Sein Beruf sei manchmal eine Qual, sagt der Künstler und Illustrator Christoph Niemann. Dabei wohnt seinen Arbeiten eine heitere Leichtigkeit inne. Diesem Gegensatz im kreativen Prozess widmet er viele seiner Werke: Niemann zeigt, wie aus Mühe am Ende großes Glück entsteht. Und das nicht nur für den Künstler. Von
ZEITmagazin Nr. 44/2016

Spaß gehört nicht zu meinem Beruf, und jeder Künstler, der etwas auf sich hält, tut nichts lieber, als über die Mühsal des kreativen Prozesses zu klagen – was unweigerlich zu der Frage führt: Wenn das alles so schrecklich ist, warum überhaupt Künstler werden?

Die Einstiegsdroge ist nicht, Kunst zu schaffen, sondern Kunst zu erleben: ein Bild zu sehen, ein Buch zu lesen oder Musik zu hören – Werke, die etwas ausdrücken, das man immer gewusst hat, ohne dass es einem klar war. Die ganze Welt erklärt (oder noch besser: auf den Kopf gestellt) zu bekommen, indem man ein paar Striche auf einem Stück Papier ansieht – etwas Großartigeres gibt es nicht. Wenn Kunst zu erleben schon so irre ist, wie toll muss es sein, das Zeug zu MACHEN?

Aber so fühlt es sich in Wirklichkeit an:

Man stelle sich einen Sportler vor. Das hier ist das Gesicht von jemandem, der an seine Grenzen geht.

Der rechts strengt sich offensichtlich nicht richtig an. Sagen wir, du bist der Trainer und siehst jemanden aus deiner Mannschaft mit diesem Gesicht. Auswechseln!

Leider gilt das Gleiche für die Kunst. Bei allem Brauchbaren, was ich je produziert habe, erinnere ich mich genau an meine schlechte Laune.

Schlimmer noch, wenn mir die Arbeit Spaß macht, werde ich sofort misstrauisch, denn ich weiß, da kann nichts Gutes rauskommen.

Woher diese Qual? Ich hatte hier einen Beruf, um den mich viele Menschen zu Recht beneideten, aber meine Arbeit bestand in erster Linie darin, miesepetrig am Schreibtisch zu hocken. Dabei hatte meine schlechte Laune sehr wenig mit der konkreten Herausforderung vor meiner Nase zu tun – es war eher eine Wolke aus diffusen Ängsten. Irgendwann schaffte ich es, diese Ängste in drei große Bereiche aufzuteilen.

1. Problem: Ich bin nicht gut genug

Ich verbringe viel Zeit damit, meine Arbeit anzustarren. Mit folgenden Konsequenzen: A. Ich bin immun gegen meinen eigenen Humor und meine Zeichentricks. (Schade. Aber immerhin eine nützliche professionelle Eigenschaft.) B. Alle Fehler stechen mir sofort ins Auge. (Auch schade. Aber auch professionell nützlich. Unterm Strich aber vor allem sehr deprimierend, besonders in der toxischen Kombination mit A.)

Lösung: Üben, üben, üben

Jeder Sportler, jeder Musiker übt jeden Tag. Warum soll das bei Künstlern anders sein? Schreiben, zeichnen, designen – darin IST man nicht einfach gut. Darin WIRD man gut. Und das ist sehr schwer, und es dauert genau 10 000 Stunden. Handwerk und Routine sind natürlich weniger sexy als properes künstlerisches Genie. Aber sie helfen einem dabei, nicht verrückt zu werden. Selbst ohne Talent und Inspiration – allein durch Übung – kannst du als Künstler so gut werden, dass du konstant sehr gute Arbeit ablieferst.

2. Problem: Meine Arbeit ist irrelevant, und ich bin bald pleite

Ich verbringe auch viel Zeit damit, die Arbeiten anderer anzuschauen. Oje, es gibt so großartige Kunst da draußen. Wie stehen meine Sachen daneben da? Bin ich gut und originell genug, um mitzuhalten? Und selbst wenn ich heute gut davon leben kann – die Welt verändert sich so schnell. Kräht in fünf Jahren noch ein Hahn danach? In zehn?

Lösung: Zweifeln, sorgen und sich den Kopf zerbrechen

Während ich arbeite, muss ich nachsichtig und liebevoll zu meinem empfindlichen Künstlerseelchen sein. Doch zwischendurch muss ich mir meine Arbeit durch die Brille eines misanthropischen alten Professors ansehen (oder durch die eines misanthropischen jungen Studenten). Ist meine Arbeit oberflächlich und anbiedernd? Gehe ich Risiken ein? Weiß ich, was zeitgemäß ist? Gebe ich, wenn etwas nicht funktioniert, den Lesern die Schuld?

Mit Social Media habe ich heute die Möglichkeit, alles, was ich tue – ob fertige Arbeiten oder schnelle Experimente –, zu posten und herauszufinden, was das Volk da draußen davon hält. Ich drücke einfach einen Knopf, und nach wenigen Minuten weiß ich ungefähr, ob die Welt meine Idee okay findet oder nicht. Wer sagt, er fühle sich nicht geschmeichelt, wenn ein Post viele Likes erhält, oder er sei nicht wenigstens ein bisschen verunsichert, wenn ein Post durchfällt, der lügt. Doch all die Algorithmen führen uns so perfekt an der Nase unserer Unsicherheiten herum, dass die Versuchung groß ist, irgendwann Likes und Faves mit echter Qualität zu verwechseln.

Online-Lob und sogar viraler Erfolg sind viel zu oberflächlich, um ein wahrer Maßstab für kreativen Wert zu sein. Natürlich freue ich mich, wenn etwas viel Aufmerksamkeit erhält, aber viel Aufmerksamkeit gibt’s auch für all die Katzenvideos und Best-of-Listen, nach deren Konsum man sich fühlt wie nach drei Tüten Chips. Und wenn ich tausend Likes für eine Zeichnung bekomme, die dazu anhalten soll, ein vom Aussterben bedrohtes Tier zu retten, wer hat da wirklich was davon: Mutter Erde oder mein künstlerisches Ego?

Doch auch wenn meine Arbeit weder Tyrannen noch die Erderwärmung aufhalten wird, trage ich dazu bei, wie unsere Welt wahrgenommen wird. Hier zum Beispiel eine unangenehme Frage: Wenn ich an Gleichberechtigung glaube und sowohl meine persönliche als auch meine professionelle Umwelt diesem Ideal recht nahe kommen, warum zeigen dann neunzig Prozent meiner Cartoons weiße Männer mittleren Alters? Das ist eine Zeichnung für den New Yorker über Menschen, die in finanziellen Dingen erschreckend ungebildet sind. Die Idee, die dahintersteckt, bedient sich einer Standardtechnik: Nimm ein visuelles Klischee (das Sparschwein, das für Finanzen steht), und verpass ihm einen kleinen Dreh (die Münze in den Mund statt in den Schlitz auf dem Rücken stecken).

Die Person auf der Zeichnung soll alle Menschen repräsentieren. Statistisch gesehen leben in den Vereinigten Staaten mehr Frauen als Männer. Wenn ich "Leute" darstellen will, sollte ich dann nicht lieber eine Frau als einen Mann zeichnen?

Doch welche Auswirkung hätte das auf die Botschaft? Würde sie immer noch lauten: "Alle sind dumm", oder steht da plötzlich: "Frauen sind dumm"? Ich spüre in den Medien immer noch die Tendenz, dass ein Mann auf einem lustigen Bild als "irgendjemand" wahrgenommen wird, während eine Frau für "irgendeine Frau" steht. Entscheide ich mich dafür, einen Mann zu zeichnen, versuche ich nur zu verhindern, dass die Leser das Bild falsch verstehen. Andererseits werden meine Illustrationen oft in großen Zeitschriften veröffentlicht, was mich irgendwie zu "den Medien" macht. Ich frage mich also, ob ich – trotz meiner guten Absichten – zum Erhalt eines reaktionären Weltbildes beitrage.

3. Problem: Ich habe keine Ideen mehr

Wenn mir etwas gut gelingt, müsste das mein Selbstvertrauen stärken. Doch ich stelle häufig fest, dass Erfolge der Vergangenheit eher eine Bürde sind. Das Publikum beurteilt dich immer nach deiner besten Arbeit und erwartet, dass dein nächstes Werk mindestens genauso gut wird. Vor der leeren Seite zu sitzen mit der Angst, dass ich meine letzte Kugel verschossen habe, ist die schwierigste Herausforderung und zugleich die, die am einfachsten zu meistern ist.

Lösung: Machen!

Die wichtigste Fähigkeit ist vielleicht: den Blick öffnen, so weit du kannst, tausend Dinge auf einmal sehen und dann jede Verbindung zwischen zwei Elementen ausprobieren. Die meisten Experimente gehen ins Leere, doch irgendwo im Ozean des Unsinns macht es vielleicht klick. Diese furchtlose Naivität aufrechtzuerhalten fällt immer schwer. Unter dem Druck von Abgabefristen und anspruchsvollen Kunden ist es jedoch praktisch unmöglich.

Damit dieser Prozess funktioniert, muss ich zwei entgegengesetzte Rollen spielen:
Freigeist vs. Feldwebel. Zuerst muss ich Künstler sein. Experimentieren ohne Rücksicht auf Verluste.

Den Weg zu etwas Neuem kann ich nicht strategisch angehen, weil ich auf das beschränkt bin, was ich weiß. Um etwas Frisches zu entdecken, muss ich mir die Hände schmutzig machen und darauf vertrauen, dass ein unbewusster Dreher oder ein dummer Zufall mir überraschend den Zugang zu Neuland gewährt. Irgendwann teile ich meine Entdeckung mit der Welt. Meistens ernte ich ein hilfloses Schulterzucken. Unangenehm wird es nicht, wenn sie die Idee nicht verstehen, sondern wenn sie nicht mal verstehen, dass es da was zu verstehen gab.

An dieser Stelle muss ich zum schonungslosen Kritiker werden, der die Idee zurückschneidet bis auf den Kern. Einfachheit heißt nicht, etwas ohne Ornamente zu machen, sondern etwas sehr Komplexes zu schaffen und dann die überflüssigen Elemente wegzuhobeln, bis die Essenz übrig bleibt. Und manchmal stellt man nach dem Zusammenstutzen fest, dass die Idee – jetzt, wo man sie klar sehen kann – nicht besonders gut war.

Das ist die Stelle, wo sich die Männer von den Knaben trennen: eine Idee loszulassen, in die man sich nach vielen leidenschaftlichen Nächten, Blut, Schweiß und Tränen verliebt hat. Selbst mit Routine wird der Abschied nicht leichter. Der schmerzhafte, aber wichtige Zwiespalt bleibt: mit kindlich offenem Gemüt kreativ sein, aber unsentimental und ruchlos die eigene Kreation beurteilen.

Einen Tag pro Woche versuche ich, spielerisch zu experimentieren. Es gibt nur wenige Regeln: Keine Kunden! Keine Deadlines! Publikumswahrnehmung und mögliche finanzielle Ziele dürfen kein Antrieb sein. Das Wichtigste: Es muss anders sein als das, was ich bisher gemacht habe. "Sunday Sketching" ist ein solches freies Projekt. Bei dieser Übung geht es darum, spontan einen Gegenstand auszuwählen und ihn so lange anzustarren, bis durch einen ungewohnten Winkel oder speziellen Lichteinfall et cetera eine neue Bedeutung entsteht, die ich dann mit einer einfachen Zeichnung zu enthüllen versuche. Es ist eine Übung des Sehens, und die größte Herausforderung ist, mich von der eigentlichen Funktion des Gegenstands frei zu machen.

Als Leser will ich Ideen, die groß und spontan scheinen. Darum ist es so schwer zu akzeptieren, dass der Weg dahin nur aus endlos vielen kleinen, unspektakulären Entscheidungen besteht. Ein winziger Unterschied in der Linienstärke kann darüber entscheiden, ob das Bild funktioniert oder nicht. Große Ideen lassen sich nicht erzwingen. Ich kann mich nur auf mein Handwerk konzentrieren, für eine angstfreie Umgebung sorgen und mir Zeit nehmen, um nachzudenken und zu experimentieren. Alles andere ist Zufall. Und manchmal sitze ich an meinem Schreibtisch und empfinde bei dieser Erkenntnis sogar so etwas wie Glück.

Übersetzung: Sophie Zeitz

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