Beginner: "Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss"

Als der Schriftsteller Thomas Pletzinger studierte, war die Musik der Beginner der Soundtrack seines Lebens. Dann verstummte die Band. Jetzt ist sie wieder da – und Pletzinger ging mit den Hip-Hoppern auf Tour. Von
ZEITmagazin Nr. 45/2016

Arfmann sieht auf den ersten Blick nicht so aus wie jemand, der deutsche Hip-Hop-Geschichte geschrieben hat. Feine Schuhe, dunkles Hemd. Es ist ein knallblauer Hamburger Sommermorgen, am Horizont guckt der Fernsehturm über die Dächer. Arfmann sammelt mich vor dem Café in Eimsbüttel ein, in dem ich als Student oft gesessen und gelesen habe. Ich bin hier, um über die Rückkehr der Beginner zu schreiben. Arfmann war mal ihr Produzent, heute ist er ihr Manager. "Arfmann an den Reglern macht den Shit tight", texteten die Beginner 1998 in ihrem Hit Hammerhart, aber Arfmann lächelt etwas gequält, als ich ihn damit von der Seite anrappe. Er kennt das, er hat solche pfiffigen Gesprächseinstiege schon oft gehört.

Matthias Arfmann kommt eigentlich aus einer anderen Ecke: Er hatte das Bandprojekt Kastrierte Philosophen, dann das Tonstudio Knochenhaus, irgendwann liefen ihm die jugendlichen Beginner über den Weg, gemeinsam nahmen sie 1998 ihr legendäres Album Bambule auf und 2003 mit Blast Action Heroes die erste Nummer eins des deutschen Raps. Arfmann wechselte ins Management, und heute ist er ein höflicher Mann mit einer Rap-Crew an den Hacken, die seit einer Dekade keine gemeinsame Platte mehr aufgenommen hat.

Ich hatte Bambule schon ein paar Jahre nicht mehr angehört, aber als ich es zur Vorbereitung wieder auflegte, kannte ich jede Zeile und jeden Reim auswendig. Die sauberen und dreckigen Endreime, die Wortspiele, Halb- und Binnenreime. "Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss: Luxus und Ruhm und rulen bis zum Schluss." Die Beats und Samples, der Rhythmus, der Flow. Das grandiose Lalalalala lalalalala lalalalala bei Das Boot, das Dididididididi bei Hammerhart, die Orgel in Liebeslied. Man muss das hören und mit dem Kopf dazu nicken. Die eigentümliche Rührung, wenn einem etwas gegenwärtig wird, was man längst vergessen wähnte.

Mitte der Neunziger war ich nach Hamburg gekommen, hatte vor mich hin studiert und Basketball gespielt, AMTV Rahlstedt, meine Mannschaftskameraden sprachen damals genauso, wie die Beginner rappten. Digga. Ahnma. Derbe. Wir hörten Bambule rauf und runter.

Die Beginner hießen zu dieser Zeit noch Absolute Beginners und waren zunächst drei Hamburger Halbstarke, die in Schulenglisch reimten, in autonomen Jugendzentren auftraten und alles aufsogen, was an Hip-Hop und Rap zu bekommen war. Platten, Tapes und Filme, Graffiti und Breakdance. Eizi Eiz, Denyo und Platin Martin. Irgendwann stieß Guido Weiß dazu, der sich DJ Mad nannte, ein paar Jahre älter und weiser.

Auf dem Höhepunkt des Hip-Hop-Booms hatten sie sich dann zurückgezogen, aber nie aufgelöst. Sie wurden zu einer Art Mysterium des Genres. Seitdem ist Hamburg eine andere Stadt geworden, die Musikindustrie hat sich verändert, der deutsche Hip-Hop hat sich etliche Male gehäutet, Karrieren gingen durch die Decke und brachen ein, Geld wurde verdient und verloren. Die Beginner stammen aus der Zeit vor Kommerzhype, Smartphone und Social Media.

Jan "Eizi Eiz" Eißfeldt nahm als Jan Delay eine Reihe sehr erfolgreicher Reggae-, Funk- und Rockplatten auf, Dennis "Denyo" Lisk war ebenfalls allein in anderen Genres unterwegs, hatte Hörfunk und Fernsehen gemacht, und Guido Weiß legte als DJ Mad Platten auf. Es gab spärliche Auftritte mit altem Material, ein paar Kollaborationen, immer wieder Andeutungen. Die Beginner waren nie ganz verschwunden, sie hatten sich vielmehr auf offener Bühne versteckt. Und jetzt, nach 13 langen Jahren: eine neue Platte, Advanced Chemistry.

Die Beginner und ich sind etwa gleich alt. Eißfeldt ist 40, Lisk ist 39, Weiß 44 Jahre alt. Ich schreibe bisweilen über Profisportler oder Künstler, also würde ich mir ein paar Proben und Konzerte ansehen und dann von den Schwierigkeiten des Älterwerdens in dieser knallharten Jugendkultur Hip-Hop erzählen, dem sportlich-kompetitivsten aller Musikgenres. Früher klang alles besser, natürlich, früher war alles geiler. Was auch sonst? Niemand wird als Profisportler alt, die wenigsten Musiker werden ihrer Legende auf Dauer gerecht.

Gemeinsam mit Arfmann betrete ich eine riesige Halle, in der sonst Fernsehproduktionen stattfinden. Alles ist vorbereitet, Kisten, Kästen, kalte Neonröhren, alles schwarz oder weiß. In der Mitte des Hangars ist die Bühne aufgebaut. Über allem hängt das Bandlogo, ein stilisiertes Fuchsgesicht. 1998 wurde genau hier das Video zu Liebeslied gedreht, alle erinnern sich heute ständig daran, danach ging es richtig los. Arfmann guckt, als ob es kein Zufall sei, dass wir hier sind. Die gesamte Beginner-Familie ist heute Morgen versammelt, alle Gewerke für eine ordentliche Tour-Produktion. Jeder hat hier eine Funktion, ich bin das Publikum. Als das Licht ausgeht und Jan, Dennis und Guido die Bühne betreten, bin ich überrascht von meiner eigenen Feierlichkeit. Und dann kracht es.

Die Beginner spielen in die Tiefe des Raums, in die Leere dieses Mittwochmorgens. Die alten Lieder kenne ich, die neuen fühlen sich so an, als würde ich sie bald kennen. Es ist laut, richtig laut. Eizi Eiz und Denyo tigern über die Bühne, rechts, links, rechts, links, mal nach vorne, dann wieder nach hinten. Denyo: als sei er aus Gummi. Ihre Handzeichen und Posen wirken so, als hätten die beiden nie etwas anderes gemacht. Eizi Eiz: als sei er aus Draht. Die beiden sind hier und jetzt genau das, was sie eigentlich sind: Rapper. Noch spielen sie für ein imaginäres Publikum, aber man ahnt, wie es reagieren wird. Die beiden lassen die Textstellen weg, die zukünftig ihr Publikum singen wird, und davon gibt es einige, sie heben die Hände, wo das Publikum springen soll, und das Publikum springt. Die Halle ist eine Kathedrale der Möglichkeiten.

Dreimal spielt das Team das Set, mit dem es morgen die Tournee starten wird, drei 75-Minuten-Konzerte hintereinander und danach folgen noch drei Videoanalysen des Gespielten. In den Pausen werden Witzchen gemacht, wird Wasser getrunken, später wird Pizza bestellt. Denyo wechselt seine durchgeschwitzten T-Shirts.

Nur Eißfeldt lässt nicht locker. Er schnürt durch die Halle, ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss, er bespricht jeden Takt und jedes Leuchten. Dirigiert Mad die Einsätze, stellt eine Frage zu den Monitoren, korrigiert die Position der Sängerinnen Yasmin Knoch und N’gone Thiam, kümmert sich um jedes noch so winzige Detail. Irgendwann tigert er rüber in die Küchenecke, schnappt sich eine Paprika, beißt im Gehen hinein wie in einen Apfel. Als ich mich vorstellen will, schüttelt er kurz den Kopf. "Jetzt nicht", sagt er mit vollem Mund. "Später, Digga. Morgen."

Am nächsten Tag sind wir in Gütersloh, wo das örtliche Kulturzentrum genau die richtige Größe für eine letzte Probe vor Publikum hat. Hier also wird die Dürre enden. Das Team baut nur die Spitze der Pyramide auf, mehr passt nicht rein in den Laden. Es ist ausverkauft, 600 Leute, aber niemand weiß, was für ein Publikum kommen wird. Nostalgiker? Teenager? Die Hip-Hop-Szene? Vor ein paar Wochen ist das Video zur ersten Single Ahnma erschienen, das die Beginner an ikonischen Orten Hamburgs zeigt, schwarz-weiße Drohnenfahrten, eine Kollaboration mit Gzuz von der 187 Straßenbande. 21 Millionen Klicks, ein paar Tausend Kommentare. Die Reaktionen sind gemischt, ein paar Exegeten, Hip-Hop-Polizisten und Kommentatoren halten das alles für verdächtig. Verdächtig "neu", verdächtig "nicht so wie damals", verdächtig "unterhaltsam", "unpolitisch", "lokal". Noch ist nicht klar, wohin der Weg führen wird. Alle sind angespannt, es wird nicht viel geredet.

Als alles aufgebaut und fertig ist, essen die Crew und die Band gemeinsam zu Abend, Steak und Salat für zwanzig Mann, wir trinken Rotwein, Eißfeldt und Denyo bleiben bei Wasser. Es gibt noch so viel zu tun. Als wir zurück zum Bühneneingang gehen, zieht sich eine lange Fanschlange um das Gebäude: Vierzigjährige, Zwanzigjährige, Teenager. Alle da.

Ich sehe zu, wie die Zuschauer langsam den Saal fluten, es wird voll und voller, in der ersten Reihe stehen ausschließlich Menschen, die 1998 noch nicht geboren waren. Hinter der Bühne herrscht geschäftige Stille. Denyo biegt und dehnt sich, er lässt sich verkabeln und starrt dabei konzentriert vor sich hin. DJ Mad stiert stoisch in irgendwelche Zettel und Notizen. Dann greift Eißfeldt seine Reisetasche, holt ein rotes Lederetui hervor, darin seine Goldkette, die er auf der Bühne immer trägt. Seine glitzernden Monitorkopfhörer. Heute eine schwarze Basecap. Die Sonnenbrille ist ein Superheldencape. Dann ist die Metamorphose des Eißfeldt komplett: Er ist Eizi Eiz. Mit Anzug wäre er Jan Delay. Die drei umarmen sich kurz und heftig, dann verschwindet Mad ins Dunkel der Bühne. Die leise Dudelmusik fadet aus. Es wird laut, es wird lauter. Ein paar Sekunden noch, und als dann die Nebelhörner am Anfang von Ahnma dunkel tuten, folgen ihm Denyo und Eizi nach, ins Licht.

Die Beginner sind zurück.

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