Gesellschaftskritik: Über Ausfälligkeiten

© Sylvain Lefevre/​Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 45/2016

In Frankreich ist soeben ein Buch erschienen, das übersetzt "Ein Präsident dürfte so etwas nicht sagen" heißt. Der Präsident ist in diesem Fall François Hollande, geschrieben wurde das Werk von zwei Journalisten der Zeitung Le Monde, nach mehr als 60 Gesprächen mit Hollande. Dessen ehemalige Lebensgefährtin ist erbost, die Würdenträger des Landes sind erschüttert, Politiker aller Parteien wütend – das Buch stecke voller Fiesheiten, heißt es, es gilt bereits jetzt als richtiges Skandalbuch.

Das Problem ist nur: In den bislang erschienenen Rezensionen des Buchs zu erkennen, was ein Präsident denn nun sagen dürfe und was nicht, kostet erhebliche Mühe.

Hallo? Was ist schon schlimm an einem "Mini-de-Gaulle", wie Hollande sinngemäß seinen Vorgänger Nicolas Sarkozy nennt? Es wirkt schon fast niedlich gegen das "Hurensohn", mit dem der philippinische Präsident Rodrigo Duterte neulich erst den Papst bedachte oder kurz darauf auch Barack Obama. (Duterte wollte von beiden nicht auf – wie soll man es nennen? – seine innenpolitischen Probleme angesprochen werden). Und was ist schon Hollandes kleines "feige" (über die französischen Richter und Staatsanwälte) gegen einen Kim Jong Un, der einmal sagte: "Die USA sollten sich entscheiden! Es liegt an euch, ob eine Nation namens Vereinigte Staaten auf diesem Planeten existiert oder nicht"?

Und, seien wir ehrlich, eigentlich ist es auch nicht so schlimm, der französischen Nationalmannschaft mal ein "Gehirntraining" zu empfehlen – jedenfalls ist das nichts im Vergleich zu dem Charakterurteil, das die syrische Präsidentengattin Asma al-Assad kürzlich über ihren Baschar fällte: "Er ist ein sehr uneigennütziger Mensch." (Vielleicht könnte jemand ihr mal ein "Gehirntraining" empfehlen?) Und dabei haben wir noch gar nicht von Donald Trump geredet. Wollen wir auch nicht, jedenfalls nicht heute.

Gegen so viel Diabolik jedenfalls wirkt François Hollande wie ein kleiner Schuljunge, der seiner Lehrerin beichten muss, dass er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, weil er leider mit seiner Xbox gespielt hat.

Fazit: Präsidenten und andere Politiker im guten alten Europa sagen in der Öffentlichkeit selten etwas, was sie nicht sagen dürfen. Nein, wirklich nicht. Und wenn doch, dann geht es meistens nur ganz harmlos darum, Bücher zu verkaufen. Was ja wohl noch erlaubt ist!

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren