Stilkolumne Die neue Musterung

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 45/2016

In der Mode geht es dieser Tage besonders eckig zu. Überall sind Karos zu sehen. Calvin Klein Collection präsentierte eine groß karierte Kombination aus Oberteil und Hose. Bei Isabel Marant gibt es lange, taillierte Mäntel mit großen Karos. Ob bei Balenciaga, Bottega Veneta, Chanel, Salvatore Ferragamo oder Giorgio Armani: Die Karos sind überall – sie sollen allerdings stets etwas anderes bedeuten. Während bei Marken wie Burberry das Karo auf die klassische Britishness verweist, steht es bei jungen Labels wie Vetements für Moderebellion. Dass dieses Muster in so vielen Zusammenhängen auftaucht, hat mit seiner Geschichte zu tun.

Der Ursprung des Karos reicht sehr weit zurück: Das älteste Stück Stoff mit dem Tartanmuster ist 4.000 Jahre alt und wurde bei Mumien in China gefunden. Der in Europa bekannte Glencheck, also das großzügige Muster, bei dem nebeneinander verlaufende Streifen über einem kleineren Unterkaro liegen, wurde im Mittelalter in Schottland etabliert. Dort trug man karierte Wollröcke, deren individuelles Muster auf den Clan verwies, dem man angehörte. Das Karo war also mit Macht und Herkunft verbunden. Die Herstellung des Tweedstoffes war eine Kunst.

In den siebziger Jahren war Karo das Konservativste, was man tragen konnte. Deshalb nahm sich bald die Punkbewegung des Musters an, um es zu persiflieren. Die Punkdesignerin Vivienne Westwood experimentierte mit dem traditionellen Muster, man trug zerrissene Karohosen, in den Neunzigern griff die Grungebewegung die karierten Flanellhemden wieder auf.

Karo kann also jeder tragen und alles damit meinen. Die Einzigen, die damit ein Problem haben, sind die Männer. Das Muster funktioniert auf Hemden und Kochhosen. Aber schon ein karierter Anzug wirkt seltsam deplatziert. Man sieht darin schell wie ein Dandydarsteller oder wie ein Teilnehmer eines Vintagegolfturniers aus. Karos verleihen gerne eine ironische Note – was die wenigsten Männer vertragen.

Das sagt viel über männliche Kleidung aus. Mit einem karierten Mantel macht man auf sich aufmerksam. Doch die bürgerliche Gesellschaft verdächtigt jeden Mann, der sich auffällig kleidet, ein oberflächlicher Geck zu sein und es an Tiefgang missen zu lassen. Somit gehört das einstige Männermuster Karo heute den Frauen.

Bis sich das ändert, empfiehlt es sich als männlicher Karoliebhaber, Koch zu werden oder Punk oder am besten beides.

Foto: Peter Langer / Karokleid von Calvin Klein Collection, 2.320 Euro

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

"in den Neunzigern griff die Grungebewegung die karierten Flanellhemden wieder auf. "
Diese Hemden waren genau das: sog. Holzfällerhemden als Protest gegen die seit den späten 80er-Jahren vorherrschende polierte Oberfläche. Die Hipstermode als Apotheose der Individualisierung durch Uniform, ist ironischerweise nicht nur hinsichtlich des Holzfällerhemdes eine eklektizistische Reprise früherer Protest-Modestatements.