Ich habe einen Traum Oliver Korittke

"In meinem Traum bekomme ich kaum einen Fuß vor den anderen"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 46/2016

Ich hatte in unterschiedlichen Lebensphasen verschiedene wiederkehrende Träume. In meiner Jugend habe ich häufig von Karussells oder Achterbahnen geträumt, bei denen Ketten reißen oder sich Schienen lösen. Kurz vor dem Aufschlag bin ich jedes Mal aufgewacht.

Später hatte ich mehrmals einen Traum, in dem ich eine Straße entlanggehe, vor mir laufen Freunde von mir, sie treiben mich an, ich solle mich beeilen. Aber ich bekomme kaum einen Fuß vor den anderen.

In den letzten Jahren war ich im Traum häufig eine Art Schleuser: Ich bringe Menschen, die auf der Flucht sind, durch Tunnel und Keller in Sicherheit. Eine interessante Entwicklung: Zuerst war ich in meinen Träumen ständig in Gefahr, ausgeliefert. Jetzt bin ich derjenige, der anderen aus der Gefahr hilft.

Diese Träume wurzeln ganz klar in meiner jeweiligen Situation. Als Junge war ich ziemlich wild unterwegs. Ich machte auf dem BMX-Rad die verrücktesten Sprünge und hielt beim Tauchen am längsten die Luft an. Ich versuchte, durch Waghalsigkeit hervorzustechen, weil ich immer einer der Kleinsten und Schmächtigsten war. Als Zehnjähriger hatte ich einen schweren Fahrradunfall, den ich nur mit Glück überlebt habe.

Der Traum, in dem ich keinen Fuß vor den anderen bekomme, hat mit meinen Ängsten und Unsicherheiten als Schauspieler zu tun. Vor allem zu Beginn meiner Karriere hatte ich Angst davor, abgehängt zu werden. Heute weiß ich, was ich kann. Zudem bin ich neulich Vater geworden, lebe in einer festen Beziehung, gerade habe ich für meine Familie ein Haus gekauft. Das alles fühlt sich stimmig an, auch wenn ich schon 48 bin. Ich bin eben ein Spätzünder. Daher glaube ich auch, dass ich meinen besten Film noch nicht gedreht habe.

Ich träume davon, einmal einen Musiker zu spielen. Musik ist mir sehr wichtig. Früher habe ich zusammen mit einem guten Freund, DJ Rutte, Platten aufgelegt. Vor sechs Jahren ist er vor meinen Augen hinter seinem Mischpult zusammengebrochen und gestorben. Das ist schwer zu verarbeiten und beschäftigt mich immer noch. Seit seinem Tod habe ich nicht mehr öffentlich aufgelegt. Ich denke, es wird noch etwas dauern, bis mir das wieder möglich ist. Aber ich werde mir im Keller meines Hauses einen Raum einrichten, in dem ich wieder DJ sein kann, erst mal nur für mich selbst.

Außerdem träume ich davon, mein Museum wieder zu eröffnen. Ich will den Dingen einen Raum geben, die für mich und meine Generation wichtig waren: den Sneakers, Comics, Actionfiguren, BMX-Rädern und Skateboards. Damit will ich uns die Möglichkeit bewahren, ab und zu auch in unserer Kinderwelt zu leben. Erwachsen sind wir ja sowieso. Ich werde auch mit 60 noch Sneakers und Bomberjacke tragen. Ich weiß inzwischen, dass ich ein erwachsener Mann und ein ernst zu nehmender Schauspieler bin. Um das anderen zu beweisen, muss ich nicht besonders erwachsen aussehen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.

Kommentare

7 Kommentare Kommentieren
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LiebchenMeyer
#3  —  27. November 2016, 14:18 Uhr

Lieber Herr Korittke,
was Sie hier erzählen ist ein tiefer Einblick in den Teil eines Männerbewusstsein, dass von großer Liebe und Unsicherheit geprägt ist. Und ich glaube, dass Sie mit diesem Artikel mehr Männern aus der Seele sprechen als allgemein angenommen. Gerade in einer feministischen Welt, wie sie sich in Europe immer weiter ausprägt, werden die Unsicherheiten, das 'Kind sein' im Manne und die Liebe, die Männer auch verletzlich macht, nicht wahrgenommen, sondern aktiv bekämpft. Das verunsichert junge Männer, denn so wie Sie hier schreiben, sind Sie ein junger Mann, der sich noch immer neu findet.
Guten Mut und alles Gute für Sie.

IndischCurry
#3.1  —  28. November 2016, 12:41 Uhr

"Gerade in einer feministischen Welt, wie sie sich in Europe immer weiter ausprägt, werden die Unsicherheiten, das 'Kind sein' im Manne und die Liebe, die Männer auch verletzlich macht, nicht wahrgenommen, sondern aktiv bekämpft. "

Feminismus tut eigentlich genau das Gegenteil. Ich verstehe nicht warum einige glauben er wäre männerfeindlich. Er steht doch dafür gerade das was Sie schreiben und zwar dafür, dass alte, kontraproduktive Rollenbilder aufgebrochen werden und dazu gehört auch der im Patriarchat stets weit verbreitete "harte Mann", der keine Gefühle zeigen darf.
Ich bin Feministin und ich bin sehr wohl dafür. dass Männer ihre Unsicherheiten und ihre Verletzlichkeit kommunizieren können. Das sollte jeder tun, dann wäre die Gesellschaft weit gesünder