Gesellschaftskritik Über Würde

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 47/2016

Fußball ist keine Frage von Leben und Tod. Er ist viel wichtiger. Diese Erkenntnis verdankt die Menschheit zwar einer Trainer-Legende aus Liverpool, Bill Shankly. Doch nirgends erweist sie sich als so wahr wie bei jenem Verein, den sie in Liverpool mit Hingabe hassen: Manchester United.

Bei ManU geht es derzeit um etwas, was ebenso wichtig ist wie Fußball:

Es geht um Würde. Und wie sie aus Verlierern Sieger macht.

Die Geschichte beginnt, als José Mourinho, jener Trainer, der sich selbst den Beinamen The Special One verpasst hat, im Sommer seinen neuen Job bei ManU antritt. Als erste Amtshandlung erklärt er Bastian Schweinsteiger, dem Weltmeister, Champions-League-Sieger, dem achtfachen Deutschen Meister, dem Spieler, dessen Bild als blutender Leidensmann des WM-Finales von Rio im Gedächtnis der globalen Fußballgemeinde präsent ist, dass er ihn nicht braucht. In Testspielen wird Schweinsteiger fortan nicht mehr eingesetzt, an seinem 32. Geburtstag muss er seinen Spind räumen, trainieren darf er zunächst nur noch mit der U 23, dann mit einem Betreuer. Auf dem offiziellen Mannschaftsfoto fehlt er. In der ManU-Bilanz taucht Schweinsteiger als Abschreibung auf, Wertverlust: acht Millionen Euro. Ein großer Fußballer, gefangen in einem Trainer-Ego, das gleichermaßen entgrenzt wie kleinkariert ist. Schweinsteiger reagiert auf den würdelosen Umgang würdevoll. Bei Heimspielen grüßt er gut gelaunt von der Tribüne des Old Trafford. Der Mannschaft, der er nicht mehr angehören darf, wünscht er über soziale Netzwerke stets viel Glück. Er beteuert, "bereit zu sein, wenn das Team mich braucht". Über den Trainer, der ihn demütigt, sagt er kein böses Wort. Immer kläglicher dümpelt ManU unterdessen im Mittelfeld der Premier League herum, selbst die Hartfüßler des FC Watford ziehen in der Tabelle vorbei. Der Ausgebootete hingegen wird immer beliebter. Fans schreien bei den Spielen seinen Namen, Experten fordern seine Rückkehr ins Team. Seit Oktober trainiert Schweinsteiger wieder mit der Mannschaft. Ob dies, wie viele Fans hoffen, zu einem echten Comeback führt oder ob er, wie andere fürchten, nur fit gemacht werden soll für einen Wechsel im Winter – das weiß wohl nur der Egomane Formerly Known As The Special One. Es ist aber auch egal. Das Urteil über seine ManU-Zeit steht eh schon fest: Schweinsteiger musste noch nicht einmal auf dem Platz stehen, um der beste Mann zu sein.

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