Ich habe einen Traum Herb Alpert

"Die Trompete war ein Geschenk, sie war eine neue Sprache"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 47/2016

Auch wenn es in Santa Monica, wo ich lebe, zurzeit hochsommerlich heiß ist, träume ich gerade immer nur von Schnee, von Winter und von Weihnachten. Weihnachtsmänner und Rentiere verfolgen mich regelrecht im Schlaf, weil ich gerade an einem Album mit Weihnachtsliedern arbeite.

Mal abgesehen von den Albträumen, die von meiner Ex-Frau handeln, geht es in meinen Träumen seit vielen Jahren meistens um irgendetwas Praktisches. Ich mache ja nicht nur Musik, ich male auch und fertige Skulpturen an, und wenn ich dabei mal irgendwo nicht weiterkomme und mir eine Idee fehlt, lösen sich meine Probleme oft im Traum. Ich bin schon manchmal morgens aufgewacht und hatte die Lösung im Kopf, die ich am Vortag so dringend und vergeblich gesucht hatte. Ich habe dann im Traum tatsächlich ganz konkret daran gearbeitet und bin zu einer Lösung gekommen. Je nachdem, ob es um einen Song, ein Arrangement oder ein Gemälde geht, träume ich von Farben, Formen oder Melodien und davon, wie ich mit ihnen umgehen könnte.

Als ich jung war, habe ich noch anders geträumt. Als Kind verfolgte mich jahrelang der Albtraum, dass ich vor etwas Unheimlichem davonlaufen muss, aber meine Beine nicht so mitmachen, wie ich mir das wünsche. Viele meiner Tagträume hingegen, die ich in jungen Jahren hatte, sind tatsächlich in Erfüllung gegangen. Ich wollte immer ein Künstler sein, und von diesem Traum habe ich mich nie abbringen lassen. Als ich noch zur Schule ging, durften wir eines Tages allerlei Instrumente ausprobieren. Die lagen aufgereiht auf einem Tisch. Ich schnappte mir instinktiv die Trompete – und war sofort begeistert. Ich bekam zwar anfangs keinen Ton aus ihr heraus, aber das faszinierte mich nur noch mehr. Und als ich es dann raushatte, wie man auf diesem Instrument spielen kann, war es um mich geschehen.

Das Besondere war, dass die Trompete für mich ein echtes Ausdrucksmittel wurde, so etwas wie eine neue Sprache. Das war ein Geschenk für mich, da ich damals unfassbar schüchtern war. Mit der Trompete hatte ich einen neuen Weg gefunden, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Die Trompete sprach zu mir, und ich sprach durch sie. Ich war neun Jahre alt, als mir das klar wurde. Danach übte ich täglich eine Stunde. Meinen eigenen Sound fand ich, als ich Soldat war und Mitglied der Armee-Band wurde. Zuerst wollte ich klingen wie Louis Armstrong oder wie Miles Davis. Aber dann ging mir auf, dass es sinnlos ist, einen Sound zu kopieren, den es bereits gibt. Was soll das? Als Künstler muss man seine eigene Stimme, seinen Stil finden, egal ob man Musiker oder Maler ist.

Ich bekam neulich einen Brief aus Deutschland von einer netten Dame, die mir schrieb: "Danke, Mister Alpert, für all die aufregenden Reisen, auf die Sie mich mit Ihrer Musik mitgenommen haben."

Musik zu machen, die andere Menschen bewegt – das war immer mein Traum.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.

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