Das war meine Rettung: "Je intelligenter, desto größer der Leidensdruck"

Gegen den Rat ihres Vater ging Feo Aladag zum Film. Dort lernte sie, ihrem Instinkt zu vertrauen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 48/2016

ZEITmagazin: Frau Aladag, Ihr Film Der Andere – Eine Familiengeschichte erzählt von einem jugendlichen Flüchtling aus Mali, der nach Deutschland kommt. Da haben Sie sich für ein Thema entschieden, das polarisiert wie nichts sonst.

Feo Aladag: Da ich mit so einem Film vom Drehbuch bis zur Veröffentlichung zwei bis vier Jahre verbringe, muss es etwas sein, was mich innerlich berührt und umtreibt, sonst würde ich mich damit nicht so lange beschäftigen wollen. Außerdem hat sich das politische Umfeld in kurzer Zeit sehr gewandelt: Von den Teddybären am Bahnhof zu den Reaktionen auf die Silvesternacht in Köln, das war ein großer gesellschaftlicher Paradigmenwechsel. Diese Ambivalenz spüren wir alle, und davon wollte ich eben auch in dem Film erzählen.

ZEITmagazin: Es ist Ihr dritter Film als Regisseurin. Begonnen haben Sie als Schauspielerin. Warum haben Sie das Fach gewechselt?

Aladag: Nicht gewechselt, erweitert. Weil ich mich jetzt umfassender in einem wesentlich breiteren Spektrum ausdrücken kann. Ich hatte schon immer ein starkes Bedürfnis nach Gesamtgestaltung: vom Finden eines Stoffes über das Schreiben des Drehbuchs, die Finanzierung des Films, die Auswahl derer, mit denen ich arbeiten möchte, bis zur Regie. All das macht mir Lust und Freude. Es ist Teil eines Films in seiner Gesamtheit, und darauf hatte ich als Schauspielerin eben nur sehr begrenzten Einfluss. Ich liebe den Beruf des Schauspielers, auch wenn mein eigener Vater, als ich mich an der Schauspielschule beworben hatte, meinte: "Das ist kein Beruf für jemanden, der auch nur ansatzweise was in der Birne hat."

ZEITmagazin: Hatte er recht?

Aladag: Ja und nein: Intelligente Schauspieler zeichnet meines Erachtens nicht nur die Gabe aus, empathiefähig zu sein, sie müssen auch an das glauben können, was sie tun und leben. Oft aber verzweifeln Schauspieler an flachen Rollen, an unstimmigen Drehbüchern, an stereotypen Besetzungsmustern und einem nicht prozessorientierten Arbeiten. Vielleicht ist es so: Je intelligenter, desto größer der Leidensdruck, desto schneller ist eine Toleranzgrenze erreicht.

ZEITmagazin: Wie haben Sie auf die Warnung Ihres Vaters reagiert?

Aladag: Natürlich eine Schauspielausbildung absolviert! Und nebenher auch noch etwas studiert, von dem ich hoffte, dass es am nächsten dran ist an der Feinmechanik der menschlichen Seele: Kommunikationswissenschaften, Psychologie und Theaterwissenschaften. Es ging mir immer ums Geschichtenerzählen, und das selbstbestimmt tun zu können war mein Ziel.

ZEITmagazin: Ist es Ihnen gelungen?

Aladag: Durch meinen ersten Kinofilm, Die Fremde mit Sibel Kekilli, hatte ich zahlreiche Begegnungen mit mir unbekannten Menschen, die sich stark geöffnet haben, die etwas von sich preisgegeben haben als Reaktion auf den Film. Die mir erzählt haben, was der Film in ihnen ausgelöst hat. Menschen, die mir vom Verhältnis zu ihren Eltern erzählt haben, von ihrer lebenslangen Suche nach Geborgenheit in der Familie, von Zerrissenheit, von Sehnsucht und Liebe. Es war sehr oft so persönlich, dass ich ein Gefühl dafür bekommen habe, was ein Film hervorrufen kann. In welcher Tiefe du auf diese Art und Weise mit Menschen kommunizieren kannst.

ZEITmagazin: Die Erfahrung hat Sie geprägt?

Aladag: Sie hat mir die Sicherheit gegeben, dass ich meinem Instinkt, meinem Bauchgefühl trauen kann. Ich hatte noch nie zuvor einen Film produziert, ich war, blöd gesagt, eine blonde Schauspielerin ohne Kurzfilm. Das Machen und die folgenden Reaktionen der Zuschauer haben mich in einer gesunden, kreativen Angstfreiheit bestärkt. Danach war dieses Gefühl des kreativen Getriebenseins weg, das mich so lange begleitet hatte.

ZEITmagazin: Das Thema Familie spielt in Ihren Filmen immer eine wichtige Rolle. Wie sind Sie selber aufgewachsen?

Aladag: Relativ bürgerlich, meine Mutter ist Malerin, mein Vater Architekt. Wie in vielen Familien war es an der Oberfläche aufgeräumt, darunter sah es ein bisschen anders aus. Aber etwas ist meinen Eltern gelungen, das ein wichtiger Motor für alles wurde, was ich tue: Ich durfte immer meine Gefühle leben. Alles war zugelassen, Wut, Freude, Verzweiflung, Begeisterung. Je lebendiger, desto besser. Das gehörte dazu, es wurde nicht gedeckelt, es wurde emotional zugelassen. Das führt zu Eskalationskurven, zu Höhen und Tiefen, aber die lehren dich, dass du kein Gefühl unterdrücken musst und deinem Instinkt vertrauen kannst.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Anna Kemper zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Klug und faul …

… sind Schlüsseladjektive für ein erfolgreiches und erfülltes Leben. Frau Aladags Selbstbeschreibung könnte man auf diese beiden reduzieren. Ein deutscher General nannte sie einmal die entscheidenden Attribute einer Führungsperson. Für John Lennon waren sie Voraussetzung zum glücklich Sein. Schade nur, dass man so etwas nicht in der Schule lernt. Es wäre möglich. Vielleicht so:
http://www.kamus-quantum.de/…

... "dass du kein Gefühl unterdrücken musst und deinem Instinkt vertrauen kannst"

Dazu möchte man dann doch, in politischen Systemen gesehen, warnend Bedenkzeit einfordern ...
(Wenn der Instinkt betrogen wurde, dann ist auch der Intellekt schlimmstenfalls nicht länger verläßlich, um ein zwischenmenschliches Mindestniveau zu erhalten?)
http://www.zeit.de/campus/20…

Das Interview finde ich arg kurz, weshalb mir wenig dazu einfällt. Eine astrein unsachliche Äußerung habe ich aber parat: Jesses! Was für eine attraktive Frau!

Ja,hinreißend schön, interessant und klug!
Wann findet man schon eine so tolle Zusammenstellung?
Uih,eine solche Unsachlichkeit macht Spaß...

Merkwürdig kurz, dieses Interview. Da hätte man durch feines Hinterfragen an Intensität aber noch sehr, sehr viel zur Freude der Leser ebenso herausholen können, wie die Persönlichkeit dahinter sicher auch für eine solche Qualität dann steht. Gabs am Ende zu wenig Geld fürs Zeilenhonorar?