Schimpfworte: Wir Kartoffeln

Früher hießen die Deutschen "Krauts", jetzt macht die Kartoffel als Schimpfwort Karriere. Was ist daran eigentlich so schlimm? Von
ZEITmagazin Nr. 48/2016

Seit einigen Jahren gibt es auf dem infantilen und eher unsubtilen Markt der kulinarischen Beleidigungen einen neuen Player: die Kartoffel. Sie hat das gute alte Krauts abgelöst, das die Amerikaner als abwertendes Synonym für die Deutschen ersannen. Fehlt nur noch die Bratwurst, und wir hätten immerhin schon ein leckeres Mittagessen.

Bei der Überlegung, seit wann die Knolle für Deutschland steht, hilft ein Blick in die Popkultur. 2006 sang Jan Delay in seinem Song Kartoffeln: "Wir tragen die schlimmsten Klamotten: die Hosen Karotten und Sandalen mit weißen Socken – Kartoffeln!" Vier Jahre später prangerte die damalige Familienministerin Kristina Schröder an, Kartoffel sei als Schimpfwort von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gegenüber Jugendlichen ohne Migrationshintergrund auf Schulhöfen gang und gäbe.

Natürlich ist eine Beleidigung immer eine Beleidigung, wenn sie als solche gemeint ist, und daher verletzend. Aber anstatt gleich die beleidigte – Verzeihung – Leberwurst zu spielen, sollten wir uns die Kartoffel mal genauer ansehen. Sie ist anpassungsfähig: Von den Anden aus hat sie es in die ganze Welt geschafft, nach Europa, Asien und Afrika, und egal, wo sie hinkam, nach einiger Zeit hatte man das Gefühl, sie habe immer schon dazugehört. Sie ist nicht eitel, es ist ihr egal, wie sie aussieht, sie überzeugt eher inhaltlich. Sie galt lange nicht als besonders cool, sondern wurde eher aus pragmatischen Gründen geschätzt, weil sie Fähigkeiten hatte, die man halt benötigte – erst jetzt, wo wir sie nicht mehr zum Überleben brauchen, beginnen wir sie zu mögen. Sie ist verlässlich: Auch wenn sie wochenlang nicht beachtet wurde und dann plötzlich aus dem Keller direkt in den Topf kommt, schmeckt sie. Nicht mal Veganer können etwas gegen sie haben. Sie ist so wandelbar wie Lady Gaga, so bodenständig wie Berti Vogts, und ihre Vermehrungsrate würde Demoskopen in trunkene Glückszustände versetzen. Man könnte fast sagen: Wir sollten nicht beleidigt sein, dass man uns Kartoffeln nennt – wir können uns eher glücklich schätzen, dass die Kartoffel nicht beleidigt ist, mit uns in einen Topf geworfen zu werden (und heimlich der Zeit hinterhertrauert, in der sie "Sättigungsbeilage" hieß).

Wir sind auch nicht die Einzigen, mit denen man die Kartoffel assoziiert. Seit Kurzem twittert der Oasis-Sänger Liam Gallagher unvorteilhafte Fotos seines Bruder Noel mit dem Hashtag #potato. Wenn jemand, der Songs wie Wonderwall und Don’t Look Back in Anger geschrieben hat, einer Kartoffel ähneln soll, sind wir doch in bester Gesellschaft! Jetzt darf nur nicht bekannt werden, dass wir immer weniger Kartoffeln essen und andere Länder uns in dieser Disziplin längst schlagen. Sonst nennen sie uns am Ende noch "Fertigkost".

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