Tischmanieren: Hand im Glück

© Dan Reynolds
Unsere Autorin streitet sonst für gute Tischsitten. Nur wenn sie selbst Pommes isst, verliert sie alle Hemmungen. Von
ZEITmagazin Nr. 48/2016

Man braucht nur: zwei Finger. Greife sich mit diesen eine Pommes, salze nach, wenn nötig (fast immer nötig), tunke das Kartoffelstäbchen in Mayonnaise (vorzugsweise holländische Frietensaus) und beiße ab. Den Rest des Kartoffelstäbchens schiebe man sich in den Mund. Dann Fett, Salz und Geschmack von den Fingern schlecken. Glückseligkeit. Weitermachen. Bis die Tüte oder der Teller leer ist.

Pommes muss man essen, wie man sie spricht: mit Schmackes. Und ohne Besteck. Egal wo, selbst im feinsten Restaurant. Ich zumindest kann nicht anders. Natürlich könnte ich, rein theoretisch, ich habe als Kleinkind den Umgang mit Messer und Gabel gelernt, esse normalerweise ganz manierlich. Ja, ich bin sogar recht pingelig, was anderer Leute Tischsitten betrifft. Wer das Messer zum Ablecken durch den Mund zieht, kriegt was zu hören, und sei es mein Chef.Auch den Löffel in der Kaffeetasse stehen lassen geht gar nicht. Aber Pommes muss ich mit den Fingern essen. Nennen Sie es zwanghaft oder infantil, es ist, wie es ist.

Schon die Pommesbudengäbelchen aus Plastik oder (geschmacklich noch schlimmer) Holz lehne ich ab, erst recht Gabeln aus Edelstahl. Die Distanz, die sie zu den Fritten herstellen, räumlich wie materiell, ist mir unerträglich. Dann lieber keine Pommes. So wie ich auf Pflaumenkuchen verzichte, wenn ich dazu keine Schlagsahne bekomme.

Gabeln sind überbewertet. In anderen Teilen der Welt werden sie als "durch und durch fremdartige Geräte" betrachtet, das schreibt die Kulturhistorikerin Bee Wilson in ihrem klugen Buch Am Beispiel der Gabel: "kleine Speere aus Metall, die anders als Stäbchen oder Finger im Mund mit den Zähnen zusammenstoßen". Es dauerte Jahrhunderte, bis die Greifinstrumente sich durchsetzen konnten. Wozu auch, man hatte ja Finger genug. Mit der Hand zu essen ist eine alte Kulturtechnik.

Ich bin aufgewachsen in einer Welt, in der Fast Food etwas Besonderes war. In Essen-Frillendorf gab es eine einzige Imbissbude, deren Spezialität Schaschlik war. Aber dafür reichte das Taschengeld nicht. Nur in den Sommerferien, in denen wir immer in die Niederlande fuhren, gab’s Fritten satt. In Zandvoort liefen wir abends mit einem zerbeulten Kochtopf zur Bude, um patat für alle zu kaufen. Der Pott wurde so, wie er war, auf den Tisch gestellt, und dann stürzten wir fünf Kinder uns darauf. Mit den Händen. Sechs Wochen lang. Unser Vater war der Einzige, der das nicht goutierte. Aber der kam eh nur am Wochenende.

Das ist gut 50 Jahre her. Aber frühkindliche Prägungen kriegt man nicht raus. Reichen Sie mir Pommes, und ich schiebe sie mir, hemmungslos, mit der Hand in den Mund. Das Einzige, was ich dazu noch brauche, sind Servietten.

Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Die Endorphine spielen manchmal verrückt.
Um in der Öffentlichkeit nicht unangenehm aufzufallen, empfehle ich Backpommes für zuhause, da kann man sich dann der Orgie ungehindert hingeben :-).