Roni Horn: Die Kunst in Postfaktischen Zeiten

Die Künstlerin Roni Horn hat für das ZEITmagazin einen Bilderzyklus produziert. Sie kombiniert Shakespeare mit amerikanischer Alltagssprache. "Ohne Bildung ist Demokratie nicht möglich", sagt sie. Interview:
ZEITmagazin Nr. 49/2016

ZEITmagazin: Frau Horn, was für ein Wahlkampf! Wie geht es Ihnen?

Roni Horn: Ich habe Angst. Wirklich Angst. So viele US-Bundesstaaten sind so rückständig in ihrem Denken und Handeln. Ich bin ein großer Fan von Angela Merkel. Ich will nicht, dass sie geht. Sie ist mein einziges Licht am Himmel. Sie ist die Einzige in Europa, die sich gegen den Rechtsruck stellt.

ZEITmagazin: Ihre Collagen für das ZEITmagazin könnten nicht zeitgemäßer sein. Die Shakespeare-Zeile aus "Julius Cäsar": "Let slip the dogs of war" (auf Deutsch: "des Krieges Hunde entfesseln"), als Ausgangspunkt für die Werke, lässt an all die Hundsköpfe der heutigen Welt denken. War das auch Ihre Intention?

Horn: Ja, den Ausdruck "Let slip the dogs of war" habe ich zum ersten Mal in einer Rede von Premierminister Winston Churchill gehört, kurz vor dem Eintritt Großbritanniens in den Zweiten Weltkrieg. Ich komme in meinen Arbeiten immer wieder auf Shakespeare zurück. Wenn wir ehrlich sind, war niemand besser als er. Außer vielleicht die amerikanische Dichterin Emily Dickinson.

ZEITmagazin: Sie haben die Zeile "Let slip the dogs of war" mit Redewendungen ergänzt. Können Sie das kurz erklären?

Horn: Es gibt im Amerikanischen viele umgangssprachliche Redewendungen, die ziemlich leer und dumm sind, wie out of the blue ("aus heiterem Himmel") oder killing time ("Zeit totschlagen"). Aber zerschnitten und verbunden mit der Shakespeare-Zeile entsteht plötzlich ein tiefgründiger Satz, der ganz und gar nicht dumm ist, wenn man genau hinsieht. Aus Unsinn entsteht Sinn.

ZEITmagazin: Wie auch bei dem Satz auf unserer Titelseite.

Horn: Ja, den finde ich besonders passend. Smell a rat the dogs of war (sinngemäß: "Die Hunde des Krieges riechen den Braten"). Das ist doch ein starker Satz, der sagt: "Etwas stimmt hier nicht." Das gefiel mir. Er passt zu Deutschland und zu Amerika. Für mich stecken in diesem Satz Humor und eine tiefere Wahrheit. Ich finde, die Menschen sind unaufmerksam geworden. Riechen den Braten eben nicht mehr. Das liegt auch an dem Mangel an Bildung. Die Mehrheit der Deutschen, so scheint es mir, schätzt noch die Macht von Wissen, aber in Amerika ist das Bildungssystem einfach schrecklich. Ohne Bildung ist Demokratie nicht möglich.

ZEITmagazin: Ihr Spiel mit Sprache, Sinn und Unsinn lässt sich auch auf die aktuelle Berichterstattung übertragen. Medien wird manchmal ja ebenfalls unterstellt, Unsinn zu produzieren.

Horn: Ja, an der Sprache merkt man, in was für merkwürdigen Zeiten wir leben. Nichts bedeutet mehr etwas. Jeder trägt seine eigene Wahrheit in beliebiger Richtung. Trump hat in seiner Wahlkampagne immer wieder gelogen und die Fakten ignoriert. Oft hat die Presse diese Lügen abgedruckt. Es gab mal einen Politiker, der hat gesagt: "Du kannst deine eigene Meinung haben, aber nicht deine eigenen Fakten."

ZEITmagazin: Woher kommt Ihr Drang, Objekte und Sprache in Einzelstücke zu zerlegen?

Horn: Es ist eine sehr einfache Technik, die ich in den späten achtziger Jahren entwickelt habe. Angefangen hat es mit abstrakten Zeichnungen, die ich zerlegt habe in der Hoffnung, dass sie eine neue Bedeutung bekommen. Ein Teil dieser frühen Arbeiten ist in der Ausstellung in der Fondation Beyeler zu sehen. Mir geht es beim Zerlegen und Wiederzusammensetzen auch darum, feste Zuschreibungen neu auszuloten.

ZEITmagazin: Sie sagen, niemand gibt mehr acht. Hat die zeitgenössische Kunstszene auch vergessen, dass sie eine politische Aufgabe haben kann?

Horn: Ich glaube, die Kunstwelt hat sich selbst ausverkauft. Das ist hart, aber die Kunst ist völlig korrumpiert durch Geld und ein rein kapitalistisches System. Die Künstler, die als besonders berühmt gelten, sind die, die in Masse produzieren und hundertmal die gleiche Arbeit anfertigen, um die Nachfrage zu befriedigen. Wie Damien Hirst oder Jeff Koons. Ich arbeite allein. Ich will nicht viele Assistenten haben. Ich schaffe nur so viel, dass ich damit meine Bedürfnisse befriedigen kann. Künstler heute lassen sich zu sehr vom Geld beeindrucken und vom Ruhm verführen.

Werke von Roni Horn aus den letzten 20 Jahren sind bis zum 1. Januar 2017 in der Fondation Beyeler in Basel zu sehen

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