Stilkolumne: Griff nach den Sternen

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 49/2016

Seit den Präsidentschaftswahlen hadern die Menschen wieder mit der amerikanischen Flagge. Trotzdem hat wohl kein Banner weltweit so viele Fans. Manche sagen, die US-Flagge sei die schönste der Welt. Einfach, weil sie so pragmatisch aufgebaut ist, ohne jeden Schnörkel. 13 Streifen für die Gründungsstaaten und 50 Sterne für die Bundesstaaten. Simpler kann man ein Hoheitszeichen kaum gestalten. Wenn ein neuer Bundesstaat hinzukommt, muss eben ein neuer Stern her – das hat eine gewisse Logik. Mit ihrem architektonisch anmutenden Aufbau steht die Flagge heute für jene Zeit, in der die USA weltweit ein Sinnbild der Modernität waren.

Die Flaggenästhetik der EU ist viel weniger einleuchtend: Sie besteht seit 1986 aus zwölf Sternen auf blauem Grund. Damals hatte die EU zwölf Mitgliedsstaaten. Mittlerweile sind es 28. Es gibt deswegen aber nicht mehr Sterne. Verteidigt wird das mit dem Argument, die Sterne hätten nie für die Mitgliedsstaaten gestanden, sondern für Vollkommenheit und Einheit – die Zahl Zwölf ist das Symbol dafür. Nun ist die EU wirklich keine Organisation, die man mit Vollkommenheit verbinden würde. Und das Verhältnis der Bürger zur Flagge ist kühl. Es gibt kaum Vorgärten, in denen EU-Patrioten das blau-gelbe Sternenbanner hissen. Als Rückentattoo hat man es nie gesehen, und eine Modekollektion hat es auch noch nicht inspiriert.

Jetzt hat Karl Lagerfeld der amerikanischen Flagge eine Chanel-Kollektion gewidmet. Zuletzt schuf der Designer Thom Browne eine Kollektion für Moncler mit Sternen und Streifen – zur Feier des neuen Stores der Marke in New York. Das passt zu Manhattan, das sehr strukturiert aufgebaut ist, die meisten Straßen stehen im rechten Winkel zueinander. Das Zweckmäßige ist eben oft auch das Schöne. Dasselbe gilt für die amerikanische Mode. Donna Karan und Calvin Klein wurden mit Looks bekannt, die für viele tragbar sind – und kommerziell unglaublich erfolgreich. Auch jüngere amerikanische Designer wie Phillip Lim oder Brandon Maxwell machen Mode, die auf eine unspektakuläre Art modern ist.

Wie sympathisch die US-Flagge künftig auf uns wirken wird, ist fraglich. Vielleicht sollten die Europäer an ihrer EU-Fahne arbeiten. Sie sähe bestimmt spektakulärer aus, wenn sie sich an den Amerikanern orientierte und statt der zwölf Sterne alle 28 auf blauem Grund abbilden würde. Vielleicht würde Lagerfeld dann auch einmal eine Kollektion daraus machen.

Foto: Peter Langer / Jacke mit Stars & Stripes von Moncler

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