Ich habe einen Traum Caroll Spinney

"Eine Figur zu spielen, die die Herzen erreicht – diesen Traum hat mir Bibo erfüllt"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 50/2016

Als Kind hatte ich immer wieder Albträume. Vor allem Kobolde und Feuer haben mir große Angst gemacht. Wenn ich zu Bett gegangen bin, habe ich immer wild den Kopf geschüttelt und laute Geräusche gemacht, um die Albträume zu vertreiben. Meine Brüder waren davon ziemlich genervt.

Ich bin 1933 geboren, während der großen Wirtschaftskrise in den USA. Mein Vater hat damals zwölf Dollar pro Woche verdient. Bis zu meinem sechsten Lebensjahr habe ich in meiner Babykrippe geschlafen, meine Familie hatte kein Geld für ein richtiges Bett.

Weil wir nichts hatten, drehten sich meine Wunschträume oft um Geld und Besitz. Ich war immer wieder neidisch auf andere Kinder, die in einem schönen Haus wohnten, in einem neuen Auto herumgefahren wurden, einen Fernseher oder Plattenspieler hatten. Dann habe ich mir jedes Mal gesagt, dass ich als Erwachsener genug Geld haben werde, mir diese schönen Dinge zu leisten.

Mit fünf oder sechs Jahren habe ich zum ersten Mal ein Puppenspiel gesehen. Ich war völlig begeistert – das wollte ich auch machen! Mit acht habe ich meine erste eigene Puppe gekauft, für fünf Cent. Meine Mutter hat dann noch eine Stoffschlange für mich gemacht. Mit den beiden Figuren gab ich meine erste eigene Vorstellung. Das Puppentheater habe ich selbst gebaut, mit Hilfe meiner Mutter. Sie hat mir geholfen, meinen Traum zu verwirklichen.

Als ich zwölf war, habe ich bei einem Freund das erste Mal ferngesehen: Es lief eine Show mit Puppen. Das erschien mir wie Magie! Allerdings war ich überzeugt davon, dass meine eigene Show schon damals besser war als das, was ich da im Fernsehen sah. Ich wusste, irgendwann würde ich so eine Show im Fernsehen haben. Mein großer Traum war, eine Figur zu spielen, die die Herzen der Zuschauer erreicht. Diesen Traum hat mir Bibo erfüllt. Dass ich nun schon seit fast fünfzig Jahren Teil einer wunderbaren Show wie der Sesamstraße sein darf, die in der ganzen Welt gesehen und geschätzt wird – das ist bis heute traumhaft für mich.

Mir ist irgendwann klar geworden, dass ich ein Leben voller Träume gelebt habe. Und so ziemlich alle meine Träume habe ich verwirklichen können, auch wenn mir nichts in den Schoß gefallen ist und ich bestimmt nicht im Überfluss lebe. Träume zu haben ist sehr wichtig, vor allem wenn man jung ist. Gabriel García Márquez hat einmal geschrieben, dass es nicht wahr sei, dass Menschen aufhören, ihren Träumen zu folgen, weil sie alt werden – sie werden alt, weil sie aufhören, ihren Träumen zu folgen. So sehe ich das auch!

Ich bin 82 Jahre alt, seit 47 Jahren spiele ich Bibo. Vor Kurzem habe ich einen Vertrag unterschrieben, der mir zusichert, dass ich die 50 Jahre vollmachen kann. Ich träume davon, diesen Vertrag auch wirklich zu erfüllen. Und dann, wer weiß, vielleicht noch ein paar Jahre dranzuhängen.

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