Ich habe einen Traum Eros Ramazzotti

"Ich träume davon, in der Champions League als Stürmer aufzulaufen"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 51/2016

Meine nächtlichen Träume sind seltsam, sie haben keinen Anfang und kein Ende. Und schon beim Aufwachen kann ich mich kaum noch an Einzelheiten erinnern. Deshalb träume ich oft und gern mit offenen Augen. Vor allem von einer besseren Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit regieren – obwohl ich weiß, dass das eine Utopie ist.

Ich frage mich häufig, wie es mir gelingen kann, meinen Kindern etwas Hilfreiches über unsere Welt beizubringen. Wir leben in einer schwierigen Zeit. Italien ist in einem schlechten Zustand, frühere Regierungen haben meinem Land schweren Schaden zugefügt. Aber es reicht nicht, die Politik zu verändern. Wir Italiener müssen offener werden, weniger egoistisch, respektvoller gegenüber anderen. Nur so kann die herrschende Ungerechtigkeit beseitigt werden. Ich träume davon, dass uns das gelingt.

Ich versuche meinen Kindern beizubringen, sich anderen Menschen gegenüber nicht gleichgültig zu benehmen. Ich wünsche mir, dass sie ihre Mitmenschen und die Umwelt respektvoll behandeln, die Schönheit des Lebens erkennen und lernen, die kleinen, einfachen Dinge zu genießen. Ich selbst bin in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Als Kind habe ich davon geträumt, es zu etwas zu bringen und ein schönes Leben zu haben. Später, als Jugendlicher, erschienen mir meine Zukunftsaussichten wenig spannend, ich war voller Zweifel. Am Konservatorium in Rom wurde ich nicht aufgenommen, wegen mangelnden musikalischen Vorwissens. Das war eine große Enttäuschung für mich. Aber meinen Traum von der Musik habe ich nicht aufgegeben. Ich zog von Rom nach Mailand. Dort anzukommen war ein Wahnsinnsgefühl: als würde ich mit offenen Augen träumen.

Mailand war für mich die Insel der Glückseligen, es war Liebe auf den ersten Blick. Trotzdem träume ich heute manchmal davon, in einer Stadt in Mittel- oder Nordeuropa zu leben. Ich mag die Sauberkeit dort, die Effizienz, die Organisation und die Bildung der Menschen, die Sorge für das Allgemeinwohl und das Umweltbewusstsein.

Ich könnte mir auch gut vorstellen, auf dem Land zu leben, mit Tieren und einem Gemüsegarten. Die Einfachheit des Landlebens gefällt mir, die Reinheit der Nahrung und die Sicherheit, dass sie nicht durch industrielle Verarbeitung und Chemie belastet ist. Eine schöne Umgebung, in der die Kinder aufwachsen können, mit viel Ruhe – das wäre ein Traum.

Manchmal träume ich auch davon, in der Champions League als Stürmer aufzulaufen und das entscheidende Tor zu schießen. Seit ich drei Jahre alt war, habe ich immer mit großer Leidenschaft Fußball gespielt. Leider hat mich meine Kurzsichtigkeit dabei stark beeinträchtigt. Vielleicht hätte ich trotzdem auf hohem Niveau als Stürmer spielen können, aber ich habe die Musik vorgezogen. Fußball bedeutet für mich bis heute Freiheit. Fußball ist eine Möglichkeit, den schlechten Dingen zu entfliehen, hin zu der schönsten Sache der Welt: Tore schießen.

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