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Das war meine Rettung "Man muss einfach lernen, die Wellen zu reiten"

Jana Pallaske war magersüchtig, bis sie erkannte, dass sie für ihr eigenes Leben verantwortlich ist. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 51/2016

ZEITmagazin: Frau Pallaske, Sie haben kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen. Warum?

Jana Pallaske: Ich bin daran zerbrochen, als ein perfektes Rädchen im Getriebe zu funktionieren. Ich war ein superpatentes Kind – exzellent in der Schule, bin nachmittags stundenlang zum Ballett-Training gegangen, habe mich um meinen kleinen Bruder gekümmert. Um mich musste sich niemand Sorgen machen. Mit 16 ging ich allein in die USA und dort ein Jahr lang zur Schule. Das hat meinen Blick aufs Leben verändert, alles war dort weiter, anders, und ich war plötzlich ein weißes Blatt Papier – ich konnte mich komplett neu entdecken und entwickeln, ausgehend von dem, was ich in diesem Moment wirklich sein wollte. Als ich zurückkam, fühlte ich mich einfach von der Enge des Systems gefangen und fragte mich: Was ist denn der Sinn von alldem? Wie geht überhaupt "leben"? Mich überrollte dieses Gefühl, und ich hatte nicht gelernt, wie ich sagen soll: Ich brauche Hilfe. So geht es vielen Jugendlichen. Erwachsen werden ist schwer, leben ist schwer. Aber dann habe ich knallhart kapiert: Das Leben ist ein köstliches Geschenk.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie zu der Erkenntnis?

Pallaske: Ich hatte damals aufgehört zu essen, damit doch jemand bemerken müsste, dass es mir nicht gut geht. Aber bevor du dich versiehst, wird das zur Sucht. Es kann dir niemand helfen, da rauszukommen. Das sage ich allen, die da drinstecken, denn mir schreiben oft Jugendliche und auch Eltern, und ich versuche, möglichst vielen zu helfen. Es macht Mut, wenn das Schweigen gebrochen wird, daher rede ich öffentlich darüber, dass sie nicht alleine sind und vor allem: dass man es schaffen kann, da rauszukommen. Wenn man es denn wirklich will.

ZEITmagazin: Was war Ihre Rettung?

Pallaske: Ich hatte so starkes Untergewicht, dass ich nicht mehr laufen konnte und nur noch so dahinvegetierte. Dann war da dieser Moment – ich weiß noch genau, dass ich einen schwarzen Rollkragenpullover anhatte, in dem ich damals im Grunde lebte, immer hochgezogen bis unter die Augen, versteckt vor dem Leben –, und ich merkte, wie die Lebenskraft meinen Körper verließ. Ich stand am Scheideweg, leben oder nicht leben. Und dann war die Erkenntnis mit einem "Bääääm!" plötzlich kristallklar da: Nein! Ich will nicht sterben! Ich kapierte, dass es nichts bringt, in der Opferrolle zu verweilen und darauf zu warten, gerettet zu werden. Sondern dass das Leben ein Geschenk ist, mein Geschenk, und damit eben auch ganz allein meine Verantwortung.

ZEITmagazin: Wie hat Sie dieses Erlebnis verändert?

Pallaske: Von da an war ein Schalter umgelegt. Ich habe mein Leben geändert, mich selber in eine Klinik eingewiesen und sofort mit dem Essen begonnen. Ich habe mein Glück endlich selbst in die Hand genommen. Ich weiß, dass meine Lebensfreude, Freiheitsliebe und kompromisslose Ehrlichkeit manche verstören, aber ich versuche seitdem, meine Herzenswahrheit zu leben. Für alles andere habe ich keine Zeit. Das Leben kann doch jederzeit vorbei sein. Ich spiele keine Spielchen, verkaufe und verstelle mich nicht, mache keinen Small-Talk und stehe nicht gern in der Schlange. Dafür ist das Leben zu kostbar.

ZEITmagazin: Wie lange waren Sie in der Klinik?

Pallaske: Drei Monate. Als ich entlassen wurde, hatte ich bis zum Beginn des neuen Schuljahrs noch Zeit. Ich habe gearbeitet, um Geld zu verdienen, und bin dann losgereist, zuerst mit dem Zug durch Europa, auf kleine Inseln, habe am Strand geschlafen. Als ich wieder in der Schule war, wusste ich nach drei Tagen: Hier lerne ich nichts mehr, ich will keine weitere Sekunde verschwenden. Ich wollte nicht nur aus Büchern lernen, was das Leben ist, sondern selbst sehen, fühlen, hören, schmecken, wirklich er- leben – und so eigene Wahrheiten finden. Seitdem reise ich durch die Welt, ungefähr sechs Monate im Jahr. Das Reisen ist meine Schule des Lebens.

ZEITmagazin: Sie nennen sich JEDI¥ESS seit einiger Zeit. Was bedeutet das?

Pallaske: Es steht für das, was ich auf diesem intuitiven Weg durch die Welt geworden bin. JEDI¥ESS ist die weibliche Form des Jedi-Ritters – es bedeutet einfach nur: eine gesunde, glückliche, freie Frau, die mutig ihr Leben lebt und kein Opfer der Umstände ist. Sondern die Verantwortung übernimmt für das, was sie denkt, fühlt und tut. Das kann jeder, es ist eine Lebenseinstellung: sich zu trauen, sein wahres kreatives Potenzial zu entfalten. Das manchmal herausfordernde, aber am Ende doch kostbare Geschenk des Lebens zu ehren und zu zelebrieren. Man muss einfach lernen, die Wellen zu reiten.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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