Die großen Fragen der Liebe Darf sie sich erpressen lassen?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 52/2016

Die Frage: Marisa ist 17, bei einer Party lernt sie Michael kennen. Er macht gerade Abitur, ist sehr charmant, sie küssen sich und tauschen Telefonnummern aus. Es entspinnt sich ein Flirt, sie treffen sich bei ihm zu Hause, Marisa fühlt sich geschmeichelt, will aber nicht gleich mit Michael ins Bett gehen. Er ist einverstanden, dann möchte er ein Foto von ihr machen, auf dem sie so ist wie jetzt, fast nackt, damit er sie nicht vergesse. Warum nicht? Als Marisa davon einer Freundin erzählt, behauptet die, Michael versuche das mit jeder und drohe dann, die Bilder ins Netz zu stellen. Marisa stellt Michael zur Rede, er solle die Bilder herausrücken. "Wenn du einmal über Nacht bleibst, können wir darüber reden", sagt er. Marisa schämt sich und überlegt, ob sie sich auf den Deal einlassen soll.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Auf solche Weise erpresster Sex unterscheidet sich im Prinzip nicht von einer Vergewaltigung. Schämen sollte sich nicht Marisa, die eine erotische Geste zugelassen hat, schämen sollte sich Michael. Marisa muss sich wehren. Sie kann direkt zur Polizei gehen oder über eine Beratungsstelle – etwa pro familia – einen Anwalt kontaktieren. Dieser wird einen Brief schreiben, in dem er Michael klarmacht, welche Konsequenzen es hat, wenn er solche Drohungen ausspricht oder gar in die Tat umsetzt. Marisa ihrerseits sollte sich von dem Gedanken frei machen, dass es zu hart ist, einem solch zwielichtigen Verführer rechtliche Folgen anzudrohen. Im Gegenteil tut sie nicht nur ihren Mitschülerinnen, sondern auch ihm einen Gefallen. Sie stoppt ihn auf einem Weg, auf dem er ihr und auch sich selbst schadet.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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