Das war meine Rettung "Scheitern ist öffentlich"

Als Student vergrub sich Robert Habeck in die Werke von Heidegger. Eine Auslandsreise veränderte alles. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 52/2016

ZEITmagazin: Herr Habeck, bevor Sie Politiker wurden, waren Sie Schriftsteller, und Schriftsteller sind oft Experten der Innenschau. Verträgt Politik so viel Selbstbeobachtung?

Robert Habeck: Ja. Jedenfalls nach meinem Verständnis von Politik. Es hilft, sich zu überprüfen. Wenn ich auf einem Parteitag auftrete oder ein Fernsehinterview gebe, dann läuft nicht nur der Film ab: Was sage ich, und wie sage ich es, wie wirke ich auf mein Milieu und wie auf den politischen Gegner, sondern auch: Ist das, was ich jetzt sage, wirklich das, was ich finde? Es gibt eine zweite Spule, die frei ist von Strategie und Taktik und auch Zynismus. Nur in eine Welt, die darauf getrimmt ist, in Drei-Wort-Sätzen zu antworten, passt es nicht immer.

ZEITmagazin: Danken es Ihnen die Leute nicht, wenn Sie einen nachdenklicheren Ton anschlagen?

Habeck: Doch, viele Menschen danken es einem. Und ich finde ja selbst, dass ein Grundmodus des Zweifels uns in der Politik gut ansteht. Niemand weiß doch, wie das Leben so richtig geht, nur die Politiker, die wissen immer alles. Das ist weder sympathisch, noch kann es wirklich so sein.

ZEITmagazin: In Ihrem Metier braucht man eine dicke Haut, manchen Politikern mit ihrer gedrungenen Physiognomie sieht man das buchstäblich an.

Habeck: Was in der Politik oft so wehtut, ist, dass sie immer die ganze Person fordert: Scheitern ist öffentlich, Erfolg ist öffentlich. Du bist immer aufgehängt zwischen Extremen: Entweder bist du abends aufgeputscht, voller Endorphine, weil du gerade aus so einer Saalschlacht herauskommst – oder du bist total down, weil Schlechtes in der Zeitung steht. Und da steht eben nicht: Das Gesetz zum Naturschutz hat Schwächen in Paragraf 7, sondern: Habeck ist ein arroganter Schnösel, der die Bauern bevormundet.

ZEITmagazin: Wie schützen Sie sich vor überzogener Kritik?

Habeck: Ich will mich gar nicht davor schützen, ich glaube, dass das Bedingung dafür ist, dass Politik in der Demokratie funktionieren kann: dass sie greifbar ist, im Menschen erlebbar ist. Aber greifbar sein heißt eben auch: sich angreifbar machen.

ZEITmagazin: Sie machen sich für den Selbstzweifel stark. Waren Sie auch privat mal in einer Situation, in der Sie sich haltlos gefühlt haben?

Habeck: Als ich in Freiburg Philosophie studierte, habe ich mich in die Uni-Bibliothek eingeschlossen und Heidegger gelesen, als gäbe es sonst nichts. Ich habe mich völlig in die Philosophie eingegraben und musste irgendwann feststellen, dass das in Asozialität endet. Weil ich mich immer so mit den Dingen identifiziere, die ich tue, habe ich darüber das Leben vergessen und, ja, ein asoziales Leben geführt, womit ich anderen ziemliche Schmerzen zugefügt habe. Ich selber aber war mit mir im Reinen, denn ich konnte mir einreden, ein radikaler Philosoph zu sein.

ZEITmagazin: Was hat Sie aus dieser Abgeschiedenheit gerettet?

Habeck: Ein Zufall! Ich floh mit einem Erasmus-Stipendium von Freiburg nach Dänemark. Und obwohl in Kopenhagen Wohnraum ein knappes Gut ist, hatte ich Glück: Ich fand gleich an meinem Ankunftstag eine sehr schöne, kleine Wohnung, in die ich sofort einziehen konnte. Da stand ich also in meiner neuen Wohnung und dachte: Wie kann das sein? Wie kannst du so auf deine Füße fallen, wo du doch eigentlich voll auf der Schnauze liegst? In dem Moment hab ich mein Leben wieder auf die Spur gebracht. Ich kann ihn genau datieren, diesen Moment: 2. September 1991, 18.30 Uhr, es war auch noch mein Geburtstag. Das Jahr in Dänemark wurde dann ein prägendes für mich. Die besondere skandinavische Art der Gemeinschaft und das Lernen einer fremden Sprache haben mir vorgeführt, dass man eben alles auch anders sagen und sehen kann – und dass weder etwas an sich richtig ist, noch dass man glücklich wird, wenn man alleine denkt, man sei im Recht. In dem Jahr habe ich richtig angefangen zu schreiben.

ZEITmagazin: Sie schrieben Bücher mit Ihrer Frau, Romane, Jugendbücher – und setzten so wieder auf Gemeinsamkeit.

Habeck: Auch das begann damals. Zuerst übersetzten wir und suchten eine gemeinsame Sprache. Dann entwarfen wir auch Erzählungen. Wir haben das immer als Lebensmodell verstanden. Und das findet sich auch heute noch in meinem politischen Denken. Übersetzen, eine gemeinsame Sprache finden, eine einende Geschichte – darum geht es mir auch in der Politik.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Anna Kemper zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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