The xx: "Der Brexit hat uns emotional mitgenommen"

Die Musiker von The xx reden nie über Politik – doch in diesen Zeiten machen sie eine Ausnahme. Interview:
ZEITmagazin Nr. 52/2016

Ein Londoner Nachmittag, der den Klischees über das englische Wetter gerecht wird: Die schwarzgrauen Wolken hängen tief, es schüttet wie aus Kübeln, ein eisiger Wind weht. Im Konferenzraum seiner Plattenfirma, einen Steinwurf von der Portobello Road entfernt, ist das Trio The xx versammelt: Romy Madley Croft (Gesang und Gitarre), Oliver Sim (Gesang und Bass) und Jamie Smith (Keyboards und sonstige Elektronik) – drei bleiche, ganz in Schwarz gekleidete Briten, alle um 1990 herum geboren, die an ihren dampfenden Tees nippen und sehr leise sprechen. Insbesondere Jamie Smith, alias Jamie xx, redet so leise, dass er eigentlich nicht zu verstehen ist. Was allerdings kein großes Problem ist, da er ohnehin kaum etwas sagt.

Seit 2005 hat das lichtscheue Trio eine Karriere der besonderen Art hingelegt. Aus R&B- und Indierock-Elementen haben Croft, Sim und Smith einen eleganten, eigenen Sound destilliert. Ihre melancholischen Songs, getragen von reduzierten Beats, hallenden Gitarren und sanften Klagegesängen, trafen den Nerv eines Millionenpublikums, ihr Debütalbum war eine dieser Platten, auf die sich Leute mit sehr unterschiedlichem Geschmack einigen konnten. Und so scheinen die xx-Songs seither auch überall zu laufen: bei Abendessen und in Bars, in Filmen, Fernsehserien, Werbespots.

Die Urheber dieser Klänge allerdings wirkten lange Zeit so, als habe man sie gegen ihren Willen ins Rampenlicht geschoben.

Mittlerweile sind The xx bei ihrem dritten Album angekommen – es erscheint im Januar unter dem Titel I See You – und erwecken den Eindruck, dass sie inzwischen mit ihrer Berühmtheit etwas entspannter umgehen können. Immerhin hat Jamie xx, der Beat-Lieferant der Band, zuletzt auch mit prominenten Kollegen wie Drake, Alicia Keys und Radiohead zusammengearbeitet. Am liebsten würden The xx aber auch weiterhin nur über ihre Musik reden. Wenn überhaupt.

ZEITmagazin: Wir leben in turbulenten Zeiten. Kann es sein, dass Ihre Musik auch deshalb so erfolgreich ist, weil sie einen perfekten Soundtrack für trübe Stimmungen bietet?

Oliver Sim: Als unser Debütalbum erschien, hieß es, dass wir den Soundtrack zur globalen Rezession liefern. Die hatten wir aber ganz sicher nicht im Kopf, als wir unsere Songs einspielten. Wir wurden auch schon als Soundtrack für den Brexit bezeichnet – wobei ich unsere Musik immer auch als das Licht am Ende des Tunnels empfunden habe. Was mir Musik schon immer geboten hat, war Eskapismus. Und natürlich leben wir in Zeiten, in denen Eskapismus sehr gefragt ist.

ZEITmagazin: Kommentare zu politischen Ereignissen wie dem Brexit hat man von Ihnen bisher nicht zu hören bekommen.

Sim: Uns drei hat die Entscheidung für den Brexit emotional sehr mitgenommen. Was uns freut, ist, wie viele junge Leute in London, wo wir leben, seitdem ein aktives politisches Interesse entwickelt haben. Das Resultat war nun mal nicht das erwünschte, aber es wird doch spannend sein, zu sehen, wie die Kunst auf diesen Einschnitt reagiert. Margaret Thatcher hat immerhin die Punk-Bewegung sehr inspiriert. Also mal abwarten, was uns der Brexit noch Tolles beschert. So könnte er ja vielleicht doch noch zu irgendetwas gut sein. Öffentlich haben wir uns nicht zum Brexit geäußert, aber privat haben wir umso deutlicher gemacht, dass wir gegen ihn waren.

Romy Madley Croft: Wir sind nun mal nicht die Art von Künstlern, die sich öffentlich politisch positionieren. Was nicht bedeutet, dass wir keine Meinung zu diesen Vorgängen hätten. Was derzeit so passiert, ist natürlich grauenhaft.

Sim: Wir bemerken die allgemeine Besorgnis auch daran, dass wir neuerdings immer wieder nach Politik gefragt werden. Dieses Thema können wir inzwischen kaum noch vermeiden. Daran müssen wir uns aber erst noch gewöhnen.

ZEITmagazin: Ihr demnächst erscheinendes drittes Album I See You war schon mal für das Jahr 2014 angekündigt worden. Was hat Sie aufgehalten?

Sim: Vor gut zwei Jahren hatten wir dieses Album eigentlich auch schon fertig. Wir haben dann doch weitergemacht, weil wir das Gefühl hatten, dass noch irgendetwas fehlte. Das ging uns danach noch einige Male so – zum Glück, denn es führte dazu, dass wir immer mehr Songs zur Auswahl hatten. Es war allerdings zeitweilig auch frustrierend, den Abgabetermin immer weiter verschieben zu müssen. Man will ja raus an die Öffentlichkeit mit der neuen Musik, und es schlägt einem auf die Laune, wenn das nicht so läuft wie geplant.

ZEITmagazin: In den vergangenen Jahren hat Ihr Erfolg dramatisch zugenommen. War das für schüchterne Menschen wie Sie nicht manchmal auch beängstigend?

Croft: Man nimmt zur Kenntnis, dass die Hallen, in denen man auftritt, immer größer werden. Das ist natürlich aufregend, aber tatsächlich auch furchteinflößend. Dazu treibt einen immer die Frage um, ob die Leute weiterhin unsere Musik hören wollen. An den Reaktionen in den sozialen Netzwerken konnten wir allerdings erkennen, dass da immer noch Leute auf eine neue Platte von uns warten. Und das ist das beste aller Gefühle.

ZEITmagazin: Ihr erstes Album entstand noch in Ihren Schlafzimmern und in einem Übungsraum Ihrer Plattenfirma. Ihr drittes Album haben Sie nun in Texas, Island und an anderen Orten eingespielt, die man nicht mit Ihnen in Verbindung bringt. Haben Sie dabei manchmal die Intimität der frühen Tage vermisst?

Croft: Nein, es war befreiend, all das Gewohnte hinter sich zu lassen und weit weg von zu Hause arbeiten zu können.

Sim: Auf dem vorigen Album haben wir uns viel zu sehr bemüht, wie auf dem ersten Album zu klingen, also das zu liefern, was die Leute mit The xx verbanden. Bei den Aufnahmen zu diesem Album wurden wir nach einigen Fehlversuchen selbstbewusster, wir lernten, dass es, egal was wir anstellten, irgendwie nach The xx klingen würde. Also legten wir befreit los. Wir haben endlich keine Angst mehr.

ZEITmagazin: Es fällt trotzdem schwer, sich die drei xx-Musiker im sonnendurchfluteten Texas vorzustellen. Was verschlug Sie ausgerechnet dorthin?

Croft: Ich verstehe, was Sie meinen, aber wir haben uns da erstaunlich wohl gefühlt. Die Mutter unseres Managers besitzt ein Haus in der Stadt Marfa und hat gute Beziehungen zur lokalen Kunstszene. Es gibt dort viele Galerien und Clubs. Eine wirklich angenehme Umgebung. Und alles ist dort viel weiter und größer als in London, der Himmel schien endlos, und die Weite der Flächen war umwerfend. Außerdem arbeitet man anders, wenn man nicht zu Hause ist. In London kehren wir nach den Aufnahmen zurück zu unseren privaten Angelegenheiten. In Texas waren wir die ganze Zeit zusammen. Das schuf eine viel intensivere Atmosphäre.

Sim: Wir verbrachten viel Zeit im Auto, fuhren stundenlang staunend durch fremde Landschaften. Nur so zum Spaß stellten wir Playlists zusammen mit Songs, die zu unserer jeweiligen Umgebung passen könnten. Als wir einmal von Seattle aus nach Los Angeles fuhren, hörten wir immer wieder Songs von Cher. Sie klingt oft, als sei sie gerade knapp vor einem Nervenzusammenbruch, was perfekt zu unserer Umgebung passte.

Croft: Achtung, wir haben keinen coolen Musikgeschmack.

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