Harald Martenstein: Über das Rauchen und Attraktivität im hohen Alter

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 1/2017

Ich wollte immer mal eine Kolumne schreiben, die genauso viele Namen von Prominenten enthält, wie ich beim Verfassen derselben Zigaretten rauchen muss. 2016 sind wieder zwei berühmte Raucher in den ewigen Humidor eingegangen, Fidel Castro, 90, und Leonard Cohen, 82. Und wie lange es mit den Rauchern Kirk Douglas, 100, und Charles Aznavour, 92, noch weitergeht, weiß der Himmel. Jetzt schreibe ich einfach noch "Catherine Deneuve, 69" hin, damit es nicht heißt, bei ihm dreht es sich immer nur um alte weiße Männer.

Unter deutschen Journalisten genießt Wolf Schneider einen ähnlichen Ruf wie Günter Netzer bei den Fußballfans. Er hat, zum Beispiel, das Standardwerk Deutsch für Profis geschrieben. Einige Tage vor Weihnachten sagte meine Frau am Frühstückstisch: "Gestern kam Wolf Schneider im Fernsehen." Der 91-jährige Nestor des deutschen Pressewesens war Gast einer Talkshow, bei dem Moderator Jörg Thadeusz. "Unglaublich, wie der Schneider mit 91 aussieht. Keine Spur von Greisenhaftigkeit. Auch im Kopf völlig klar. Nur die erste Frage von Thadeusz hat er nicht kapiert."

Am Abend ging ich zu einer Feier, auf der auch sehr viele Journalisten waren. Ich stand eine Weile in einer kleinen Gruppe, die, bis auf mich, nur aus Kolleginnen bestand. Eine sagte: "Habt ihr zufällig gestern Wolf Schneider gesehen?" Eine andere Kollegin: "Ja, unglaublich, wie gut der mit 91 aussieht. Auch geistig ist er voll da." Nun wieder die erste: "Nur die Einstiegsfrage hat er irgendwie missverstanden, aber ansonsten – Wahnsinn. Durchaus attraktiv." Dann wandte sich das Gespräch in allgemeiner Weise dem männlichen Alterungsprozess zu.

"Brad Pitt altert ja ziemlich schlecht, finde ich."

"Das kommt vom Alkohol. Johnny Depp altert noch schlechter."

Ich sagte: "George Clooney altert gut, oder? Und Sean Connery."

Alle Kolleginnen schüttelten einhellig den Kopf. "Clooney, ja, bis vor Kurzem hätte ich das auch gesagt", antwortete eine. "Aber seit zwei, drei Jahren ändert sich bei ihm was."

Eine andere Kollegin: "Seit er verheiratet ist, altert er schlechter." So gut wie Wolf Schneider werde George Clooney mit 91 wohl eher nicht aussehen. Vielleicht hilft eine Scheidung? Auch Brad Pitt hat insofern wieder Chancen auf ein optisches Comeback. Ich sagte: "Iris Berben schwört darauf, dass man vor allem viel Wasser trinken muss, um gut zu altern." Alle lachten. Es ist ja wirklich extrem unwahrscheinlich, dass Wolf Schneider in all den Jahren täglich drei Liter Wasser getrunken hat, um gut zu altern. Ältere Männer, die so viel Flüssigkeit zu sich nehmen, können auch nicht mehr in Talkshows gehen, weil sie dauernd auf die Toilette müssen. Das mit dem Wasser können nur Frauen machen.

Erst am nächsten Tag wurde mir klar, dass ich nahezu wortgleiche Gespräche vor einigen Jahren über den Schauspieler Johannes Heesters geführt hatte. Heesters, genannt Jopi, wurde 108, bis 104 sah er nach Ansicht vieler Frauen attraktiv aus. Das habe ich selber gehört. Übrigens rauchte er und trank Alkohol, beides fast 95 Jahre lang. Offenbar gab es eine gesellschaftliche Leerstelle, das hochbetagte männliche Sexsymbol, welche nun, trotz schwindenden Vertrauens in die Medien, von einem Journalisten ausgefüllt wird.

Beim weiteren Nachdenken erkannte ich, dass es bei uns bestimmte öffentliche Rollen gibt, die, wie Fürstenthrone, besetzt werden müssen. Seit dem Tod von Helmut Schmidt scheint mir zum Beispiel die Rolle "Hochbetagter Raucher" verwaist zu sein. Ich schlage Udo Lindenberg vor.

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