Das war meine Rettung "Fünfmal in der Woche ging ich zur Therapie"

Saul Friedländer verlor seine Eltern und litt unter Angstzuständen. Dann bekam er selbst Kinder. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 1/2017

ZEITmagazin: Herr Friedländer, als zehnjähriges jüdisches Kind kamen Sie während des Zweiten Weltkriegs in ein französisches Internat. Sie nannten sich Paul Henry Ferland und wurden getauft. Als begeisterter Katholik wollten Sie dann Priester werden. Welche Spuren hat das alles hinterlassen?

Saul Friedländer: Ich wurde vollgestopft mit Religion, aber im Lauf meines Lebens wurde sie zur Nebensache. Das Ästhetische am Katholizismus ist mir geblieben, die Kirchenmusik, und noch wichtiger: ein Schuldgefühl. Man hat uns den ganzen Tag darauf getrimmt, nicht zu sündigen. Wir mussten aufpassen, keine schlechten, also sexuellen Gedanken zu haben, und mussten jede Woche zur Beichte gehen. In dem Internat hatten sie Angst, dass dort, wo es nur Buben unter 18 Jahren gab, etwas Homosexuelles ablaufen könnte. Das gab es bestimmt, ich habe davon aber nie etwas mitbekommen.

ZEITmagazin: Ihr Vormund hat Sie nach dem Krieg aus dem Internat geholt, und Sie wurden wieder jüdisch. Mit 15 Jahren sind Sie nach Israel ausgewandert. Warum?

Friedländer: Ich schloss mich einer sozialdemokratischen Jugendbewegung an, die Habonim hieß. Zuerst war ich für drei Monate Kommunist, später dann ein feuriger Zionist, ich arbeitete im Verteidigungsministerium. Ich war erfüllt von dem glühenden Gefühl, dazuzugehören. Die schützende Umgebung war lebenswichtig, weil ich ohne Familie war.

ZEITmagazin: Ihre Eltern hatten Sie 1942 ins Internat gegeben, damit Sie nicht den Nazis in die Hände fielen. Dann flohen sie aus dem Vichy-Regime in die Schweiz, wurden aber abgewiesen und ausgeliefert. Sie sind in Auschwitz umgekommen.

Friedländer: Damals konnte man noch relativ einfach über die Grenze reisen. Meine Eltern waren Teil einer Gruppe von etwa 15 Juden, die um drei Uhr morgens im Schweizer Grenzort St. Gingolph ankamen. Ein paar Jugendliche, die vermutlich vom Tanzen kamen, haben die Polizei gerufen, und die Gruppe wurde verhaftet. Nur die Paare, die mit kleinen Kindern unterwegs waren, wurden durchgelassen. Meine Eltern waren ohne Kind.

ZEITmagazin: Wären Sie dabei gewesen, hätten Ihre Eltern in der Schweiz bleiben können?

Friedländer: Ja. Aber nicht das hat mir später die meisten Sorgen bereitet, es war das Schuldgefühl des Überlebenden. Darunter leiden viele Menschen, die Katastrophen überstanden haben. Man kommt davon nicht los, versucht unbewusst, das Offensichtliche zu verdrängen. 17 Jahre lang habe ich später in Genf in der Nähe von St. Gingolph gelebt, bin aber nie dorthin gefahren, wo mein Leben gekippt ist. Stattdessen habe ich mich wissenschaftlich mit dem Holocaust beschäftigt.

ZEITmagazin: Ihr Verleger lehnte den ersten Entwurf Ihrer Biografie ab, sie sei bar jeglichen Gefühls. Hatten Sie Ihre Fähigkeit zum Mitgefühl verloren?

Friedländer: Ja, ich lebte wie hinter einer Wand, die mich vor der Vergangenheit beschützte. Ich war emotional gelähmt, mich konnte nichts mehr berühren. Nach meiner Heirat wurde ich krank, bekam heftige Angstzustände. Ich war eigentlich ein Luftmensch, ständig unterwegs – und nun war ich eingezwängt, festgenagelt. Im Nachhinein betrachtet, war es das Beste, eine Familie zu gründen, doch die Angstzustände wurden erst mal immer schlimmer. Fünfmal in der Woche ging ich zur Therapie, habe fünf, sechs Jahre gelitten, bis ich in Genf schließlich eine neue Therapeutin fand. Vielleicht waren es auch die Medikamente, jedenfalls wurde es besser. Bis heute reise ich nur mit meiner Tasche voller Pillen. Wenn man dasselbe über so viele Jahre schluckt, wird man abhängig. Ich könnte ganz langsam davon wegkommen, aber das hat schon keinen Sinn mehr.

ZEITmagazin: Wie haben Sie Ihre emotionale Lähmung überwunden?

Friedländer: Meine Kinder haben mich geöffnet. Ich habe zwei Söhne, eine Tochter und außerdem Enkelkinder. Als Vater war ich gegenüber meinem ältesten Sohn erst ähnlich reserviert wie mein Vater mir gegenüber. Ich hatte noch keine Erfahrung mit Kindern, ich war zu verschlossen. Aber dann hatte ich das Baby im Arm, es legte seinen Kopf auf meine Schulter, und da fühlte ich etwas, das man nicht vergisst. Das war meine Rettung.

ZEITmagazin: In Ihrer Autobiografie Wenn die Erinnerung kommt schreiben Sie: "Ein Kind bedeutete für mich so etwas wie Rache." Auch ein starkes Gefühl.

Friedländer: Ich meinte eigentlich Revanche. Die ist nicht so stark, sie ist eher eine Rache am Schicksal. Mit jedem Kind ist dieses Gefühl der Revanche weiter verdrängt worden. Es gibt immer noch kleine Momente, wo es zurückkommt, aber meine Kinder und Enkel haben daran sehr viel geändert.

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