Stilkolumne Neu, wie gebraucht

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 1/2017

"Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm / Und dann noch deine Haare, da fehlen mir die Worte / Musst du die denn färb’n?" Das sang die Band Die Ärzte im Jahr 2007 in ihrem Song Junge, in dem Eltern ihrem Sohn seinen Punkrock-Look vorwerfen. Ein echtes Zeitdokument, denn mittlerweile sind Löcher in der Kleidung kaum mehr als Jugendprotest zu gebrauchen. Sie sind High Fashion. Bei Valentino Men gibt es zerfranste Pullover, bei Victoria Beckham werden Mäntel mit fransigen Säumen angeboten. Die Kleidungsstücke sehen so benutzt aus, als hätten die Kunden mit ihnen Dinge gemacht, die Luxuskunden eigentlich nie machen, zum Beispiel auf dem Hosenboden einen Berg hinabrutschen.

Die Königin des Used Look ist natürlich die Jeans. Das Loch im Denim haben die Punks erfunden. In den siebziger Jahren provozierten sie durch ihren selbstzerstörerischen Lebensstil – und durch ihre selbst zerstörte Kleidung. Dass diese Mode wurde, dazu trug Vivienne Westwood bei, die Partnerin des Sex-Pistols-Bandmanagers Malcolm McLaren. Sie entdeckte den Look und kleidete die Punkband so ein. Später griff die japanische Designerin Rei Kawakubo zerrissene Stoffe auf, bei ihr hieß das dann Hiroshima-Chic. In den Achtzigern zeigten Musiker wie Madonna und George Michael sich in used Jeans. Wobei der Begriff irreführend ist. Wer eine gewöhnliche Jeans jahrelang trägt, wird sie am Ende kaum so zerschlissen haben, wie es die Hosen, die kaputt verkauft werden, bereits sind. Um einen echten Used Look zu erreichen, muss man schon auf dem Hosenboden die Zugspitze hinunterrodeln oder aus einem Flugzeug springen.

Das große Verdienst eines so vorzeitig gealterten Kleidungsstücks ist: Man sieht darin aus wie ein Draufgänger, obwohl man sich ganz und gar nicht in Gefahr begeben hat, bei einer aufreibenden Aktion draufzugehen. Indem Jeans-Hersteller Hosen mit Steinen waschen, mit Säure bearbeiten und mit Lasern beschießen, nehmen sie dem Kunden diese Vorarbeit ab. Das hat sogar Tradition. So war es bei den bayerischen Gutsherren üblich, die frischen Hosen aus Hirschleder erst von ihren Knechten eintragen zu lassen. Es wäre einfach peinlich gewesen, mit einer Lederhose unter die Leute zu gehen, die nicht speckig war.

Wer Laufstegmode mit Rissen, hängenden Fäden und Löchern trägt, investiert viel Geld, um auszusehen, als mache er sich nichts aus Mode. Junge, erzähl deinen Eltern bloß nicht, was du für die Löcher in der Hose bezahlt hast.

Foto: Peter Langer / Jeans von Diesel, 170 Euro

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren