Ich habe einen Traum Clueso

"Obwohl ich in einem leeren Raum spielte, gab es einen Riesenapplaus"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 3/2017

Vor einer Weile träumte ich von einem Konzert. Ich stand in einem großen, leeren Raum mit einer Bühne. Zwei Männer hatten mich für einen kurzen Auftritt gebucht. Sie wollten, dass ich zu Beginn in einem Käfig von der Decke heruntergelassen werde. Ich erwiderte, dass ich so etwas nicht machen würde.

Weil ich ablehnte, waren die Männer richtig sauer. Später baumelte während der Show dieser merkwürdige Käfig neben mir. Obwohl ich in einem leeren Raum spielte, gab es einen Riesenapplaus, als ich fertig war. Nach dem Auftritt kam mein Opa in den Backstagebereich und schenkte mir einen Ring mit einer Erdkugel. Er sagte, damit solle ich mich ein bisschen erden.

Als ich anfing, Musik zu machen, ließ ich mich manchmal zu Sachen überreden, die mir eigentlich widerstrebten. Jede Woche wurden irgendwelche absurden Ideen an mich herangetragen. Damals war ich noch zu schüchtern und zu verkrampft, um abzulehnen.

Heute bin ich etwas lockerer und sage schon mal, dass ich etwas doof finde. Neulich fragte mich ein Radiomoderator gleich am Anfang unseres Gesprächs nach meinem Kontostand. Bei so was verweigere ich mittlerweile die Antwort, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Bevor ich mit der Arbeit an meinem vorigen Album anfing, habe ich meinem Opa einen Traum erfüllt. Er ist 86 Jahre alt, früher hat er als Hobbymusiker manchmal abends in der Kneipe gesungen. Keine Schlager, sondern Arbeiterlieder mit einem witzigen Twist. Einige dieser Stücke haben wir dann auf CD aufgenommen. Nicht für die Öffentlichkeit, sondern einfach für ihn. Ich brachte Musiker mit ins Studio, die ein bisschen so spielten wie die Band von Johnny Cash. Bei zwei Stücken sang ich selbst mit. Opa fand’s toll.

Im Studio war er wie ein kleines Kind, voll bei der Sache. Wenn wir um zwölf verabredet waren, war er schon um elf da. Es war cool, mit ihm so viel Zeit zu verbringen. Als ich ihn einmal fragte, wie es ist, alt zu sein, sagte er: "Wenn man in meinem Alter nicht krank ist, dann ist man nicht gesund." Den ganzen Tag solche Sprüche. Es war großartig.

Für viele Musiker mögen Träume eine wichtige Rolle spielen, weil sie durch sie zu Texten oder Melodien inspiriert werden. Das ist bei mir nicht der Fall. Wenn doch, unterhalte ich mich über die Träume später vielleicht mit Freunden, wir lachen darüber, und das war’s. Aber für mich kommt die Vorstellungskraft, die man braucht, um einen Text zu schreiben, dem Träumen sehr nahe. Meistens geht es ja um Emotionen, nur weiß man leider nie, ob die Texte außer für einen selbst auch für andere funktionieren. Es gibt zuerst eine Stimmung, die versucht man zu verdichten. Es ist, als jage man einem Traum nach. Und darum wirken Menschen, die das machen, für Außenstehende oft so merkwürdig abwesend. Sie scheinen nicht ganz an die Realität angeschlossen zu sein.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.

Kommentare

7 Kommentare Kommentieren

Meister Clueso!
Zu Beginn waren sie mir ein wenig zu weichgespült und fast schon traurig.
Ihre Lieder begeistern mich nun mehr und mehr und gerade mit Neuanfang haben sie mich gänzlich gefangen!

Ich wünsche mir weitere Lieder, die nicht nur vom "Traum" sondern vom "Leben" handeln und wenn ich sie um dies bitten dürfte:

"Bitte mal richtig aufdrehen! Denn ich denke, dies würde ihnen ebenfalls gut zu Gesicht stehen!"

Danke! Neuanfang!

Warum muss ich da an die monetäre Grenze denken, bei der es zu keinem Zugewinn bei Glück oder war es Zufriedenheit kommt? Vielleicht lohnt es ab diesem Punkt auch einfach nicht mehr sich zu verbiegen, sondern viel eher mit dem Opa eine CD aufzunehmen, oder einen Neuanfang zu wagen. Zwar schaffen es seine Lieder nicht auf meine Playlist, aber zumindest lässt mich was ich so lese immer hoffen, dass er wirklich so ist wie über ihn geschrieben wird.