Gesellschaftskritik Über das Skifoto

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 3/2017

Anfang des Jahres postete Heidi Klum auf Instagram Fotos, die sie, ihren Ex-Mann Seal und ihre Kinder beim fröhlichen Skiurlaub in Aspen zeigten. Natürlich kamen sofort Gerüchte auf: Was läuft da zwischen Heidi und ihrem Ex? Ist die alte Liebe vielleicht die neue?

Für eine treffende Einschätzung der Lage müssen wir etwas weiter ausholen. Es gibt zwei Genres der Promi-Urlaubsbilder: das Strandfoto und das Skifoto. Das Strandfoto hat in Zeiten von Instagram vor allem eine Bedeutung: Es ist dazu da, die gebräunte Knusprigkeit des eigenen Körpers zu zeigen – oder zumindest die Knusprigkeit des jugendlichen Liebhabers. Message des Strandfotos: Er ist heiß, ich bin heiß, es ist überhaupt ziemlich heiß, den Rest könnt ihr euch denken. Würden Heidi und Seal sich im karibischen Sand rekeln, würden auch wir nicht glauben, was Heidis Papa Günther versicherte: dass zwischen den beiden keineswegs die Liebe neu entflammt sei.

Aber Heidi postete kein Strand-, sondern ein Skifoto, ikonografisch betrachtet das Gegenteil des Strandfotos. Auf dem Skifoto gibt man nicht mit seinem Körper an, sondern mit seiner Familie. Man hat Spaß, ist an der frischen Luft, das ist kernig, gesund und in erotischer Hinsicht unverdächtig: Man ist bis zur Unkenntlichkeit vermummt, Annäherungsversuche werden von Daunen abgefedert, als hinderlich in Sachen Zärtlichkeit erweisen sich zudem Helm und Brille sowie die Vorstellung, mit den Nasen aneinander festzufrieren, was üblicherweise nicht zu den erotischen Fantasien gehört. Sich nach dem Skilaufen gegenseitig von den Schichten zu befreien erinnert an das Kindergeburtstags-Spiel, bei dem man sich Handschuhe, Mütze und Schal anziehen und dann umständlich mit Messer und Gabel eine mit Papier umwickelte Tafel Schokolade auspacken musste. Das war nervig, wurde aber mit Schokolade belohnt – und nicht mit dem Anblick von atmungsaktiver Thermounterwäsche. Message des Skifotos: Mir ist kalt, dir ist kalt, es ist überhaupt ziemlich kalt – für den Rest sind wir abends eh zu kaputt.

Beautiful day 😃😃😃😃😃😃

Ein von Heidi Klum (@heidiklum) gepostetes Foto am

Auch von Heidis Freund Vito Schnabel gibt es Fotos im Schnee: Sie zeigen ihn in St. Moritz mit einer Dame, die mit ihren Pelz-Moonboots Gassi geht und offensichtlich versucht, die sandige Erotik des Strandfotos in den Schnee zu übertragen. Während wir noch verwirrt rätseln, was das zu bedeuten hat, ist Heidi aus dem Schnee schon wieder in die Wärme geflogen und postet Bilder von Palmen. Denn sie weiß, was dabei hilft, die Kuh vom Eis zu holen: eine ordentliche Portion Sand.

Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren