William Gibson "Ich hätte nicht gedacht, dass es im Cyberspace um Chili-Rezepte gehen würde"

Der Autor William Gibson blickt in seinen Büchern in die Zukunft wie niemand sonst. Ein Gespräch über sein Werk, bionische Füße, Donald Trump – und darüber, was jetzt auf uns zukommt. Interview:
ZEITmagazin Nr. 3/2017

Dieses Gespräch liegt in einer Langfassung vor

Der Mann, der den Cyberspace erfunden hat, verbirgt seinen langen, dünnen, leicht gekrümmten Körper unter einem ultraweit geschnittenen Hightech-Parka aus experimentellen Verbundstoffen, der in Berlin speziell für ihn entworfen wurde. Die markante Figur, die an diesem strahlenden Dezembertag die Lobby eines Luxushotels in Vancouver betritt, könnte ein Händler für illegale Neuro-Implantate sein, ein Therapeut für depressive künstliche Intelligenzen, ein dunkler Oligarch mit ewigem Leben – und ist doch bloß der einflussreichste Futurist unserer Zeit: William Gibson, 68, wirkt wie ein Protagonist aus einem seiner vielen Romane.

Seit er mit seinem ersten Buch Neuromancer den Begriff "Cyberspace" geprägt und einen ganzen Zoo von Technologien, gesellschaftlichen Entwicklungen und Moden ersonnen hat, gilt er als der "Weise des Informationszeitalters" (Guardian) und als "dunkler Cyberpunk-Prophet" (Wall Street Journal). Das Internet, eine sich selbst erschaffende künstliche Intelligenz, autonome Autos, die Datenbrille Google Glass, Reality-TV – das alles und weit mehr fand sich in Gibsons Werken, Jahre oder Jahrzehnte bevor etwas davon Realität wurde. In Neuromancer verrottet die postapokalyptische Gesellschaft, während sich eine abgehobene, fast unsterbliche Konzern-Aristokratie in den Erd-Orbit zurückgezogen hat und ihre Geschäfte von künstlichen Intelligenzen regeln lässt.

Gibson betont stets, Science-Fiction habe nichts mit jener Zukunft zu tun, die irgendwann Gegenwart wird. Jedenfalls war das so bis 2016. Die Niederschrift eines gerade entstehenden Werks hat er vorübergehend unterbrochen: Zu nahe kam die Wahl von Donald Trump seiner dunklen Fiktion der USA. Die gleiche bitterschwarze Version Amerikas findet sich bereits in seinem soeben auf Deutsch veröffentlichten Roman Peripherie, der deshalb wieder einmal als wegweisend gilt.

ZEITmagazin: Mr. Gibson, angenommen, Sie erhalten – wie es in Ihrem neuen Roman Peripherie vorkommt – einen Anruf aus dem 22. Jahrhundert. Sie selbst sind dran. Was würden Sie sich fragen?

William Gibson: Was um alles in der Welt die mit meinem Körper angestellt haben, um mich so lange am Leben zu erhalten. Alle mir bekannten Technologien dafür sind ziemlich radikal: "War es das wirklich wert, Bill?"

ZEITmagazin: Was würden Sie von sich selbst gern über die Zukunft wissen?

Gibson: An der echten Zukunft interessiert mich am meisten, was sie dort über uns denken. Die Sicht etwa, die die Menschen des viktorianischen Zeitalters im 19. Jahrhundert auf sich selbst hatten, hat überhaupt nichts mit unserem heutigen Blick auf sie zu tun. Die Viktorianer wären darüber erschrocken und am Boden zerstört. Alles, was wir heute über uns denken, dürfte in der Zukunft ebenso bizarr erscheinen. Wahrscheinlich werden sie sich dort wundern, wie ahnungslos wir gewesen sind, weil wir jahrhundertelang keinerlei wirklich fortschrittliche Technologien entwickelt haben. Und dass wir nicht verhindert haben, dass Tiger, Elefanten und viele andere Arten ausgestorben waren, bevor die Menschen der Zukunft überhaupt geboren wurden. Sie werden uns wahrscheinlich für selbstsüchtige Monster halten.

ZEITmagazin: Nehmen wir an, Sie könnten sich selbst mithilfe des in Peripherie beschriebenen geheimnisvollen chinesischen Servers in den achtziger Jahren kontaktieren, als Sie gerade Ihren Weltbestseller Neuromancer schrieben. Gibt es etwas, was Sie sich gern sagen würden?

Gibson: "Hör auf zu rauchen!" Sonst hätte ich mir nichts zu sagen. Ich glaube, dass die meisten Menschen, die einen Anruf ihres zukünftigen Ichs bekommen, dieses Ich unerträglich penetrant, schrecklich alt und komplett drüsenlos finden.

ZEITmagazin: So als würde man mit seinen Eltern sprechen?

Gibson: Ja, nur viel schlimmer.

ZEITmagazin: Kein aufmunterndes Wort? So was wie: "Folge deiner Vision! Du bist ein armer amerikanischer Schlucker im kanadischen Exil, aber du wirst berühmt!"

Gibson: Ich glaube, ich will diese Verantwortung nicht. Wenn Zeit funktioniert wie in meinem Buch beschrieben, würde diese Vergangenheit einen anderen Verlauf nehmen, weil ich Informationen aus der Zukunft übermittelt habe.

ZEITmagazin: Das Konzept von Zeitreisen, das Sie in Peripherie benutzen, scheint von den vielen Science-Fiction-Varianten am besten mit aktuellen physikalischen Theorien vereinbar. Das bloße Übermitteln von Information in der Zeit könnte möglich sein, Transport von Materie eher nicht.

Gibson: Materie wird ohnehin überbewertet. Schon heute verschwimmt die Grenze zwischen Information und Physis. Wir werden irgendwann in einem anderen Körper sein können, als wäre es unser eigener. Dann müssen wir auch nicht mehr persönlich reisen, sei es von Ort zu Ort oder in der Zeit.

ZEITmagazin: Ein Ansatz, der sich bereits in Ihrem ersten Buch findet und die Wachowski-Geschwister zu ihrem Film Matrix inspirierte. In Peripherie kommen Sie darauf zurück.

Gibson: Die Idee mit den Zeitreisen zwischen zwei Plots in der nahen und der fernen Zukunft kam mir ziemlich spät beim Schreiben. Ursprünglich dachte ich, dass es für die Protagonistin Flynne, die irgendwo in den USA auf dem Land lebt, schon wie eine Zeitreise sein würde, in die großen Städte zu fahren, etwa ins wohlhabende Miami Beach. Die Menschen dort wären von ihr sozioökonomisch und technologisch so weit entfernt, als lebten sie in einer anderen Zeit.

ZEITmagazin: Das unterscheidet sich ja nicht sehr von der Realität heute. Flynne lebt in Ihrem Buch in einer dunklen Zukunft der USA, die nur von Firmenkonglomeraten und Oligarchen, vom Militär, von Drogenhandel und Computerspielen zusammengehalten wird. Die noch nicht völlig korrumpierte US-Präsidentin soll durch ein Komplott beseitigt werden, das aus der Zukunft gesteuert wird.

Gibson: Ja, und deswegen hatte ich ein Problem mit dem Verlauf des US-Wahlkampfs. Normalerweise spreche ich ja nicht über Projekte, an denen ich arbeite. Aber ich schreibe gerade an einem weiteren Band dieses fiktiven Universums, der im Jahr 2017 beginnt, und während der Wahl dachte ich: Das fühlt sich genauso an wie so eine drastische, künstlich hergestellte alternative Realität aus meinem Buch. Ein paar Wochen war ich in Panik und konnte nicht schreiben.

ZEITmagazin: Der Reality-TV-Star und Milliardär Donald Trump, der auf seinem Weg zum US-Präsidenten von noch seltsameren Milliardären wie Peter Thiel unterstützt wird, von russischen Oligarchen und deren Hackern – das wirkt wie ein typischer Gibson-Plot.

Gibson: Ich weiß. Viele Menschen schreiben mich deswegen auf Twitter an.

ZEITmagazin: Ihre Leser berichten dort, dass sie der Ausgang der US-Wahl nach Lektüre von Peripherie nicht überrascht hat. Wie ging es Ihnen selbst?

Gibson: Die erste Ahnung, dass Trump wirklich gewinnen könnte, beschlich mich wie viele nach dem Brexit. Wenn Großbritannien schlafwandelnd von einer Klippe stürzen kann, dann kann Trump in den USA gewählt werden. Ich war so besorgt über die Möglichkeit, dass ich darüber niemals öffentlich gesprochen habe. Am Tag nach der Wahl war ich eigentlich zu einer Veranstaltung in New York eingeladen und habe sie abgesagt, weil ich bei meiner Familie in Vancouver sein wollte, falls Trump gewinnt. Die Veranstalter waren völlig fassungslos: "Sie sind wohl verrückt, das wird nicht passieren. Wir wussten nicht, dass Sie so einer sind." Natürlich hoffte ich noch am Wahltag, dass Clinton es schafft. Doch dann fiel die reale Welt mit der dunklen Welt meines Buches zusammen.

ZEITmagazin: Nun ist es für Ihre 200.000 Twitter-Follower kaum noch möglich, Ihren Tweets zu folgen, weil Sie derart viele Anti-Trump-Statements retweeten, dass man Ihre eigenen Mitteilungen kaum noch findet. Sie scheinen zum ersten Mal offen politisiert.

Gibson: Es geht dabei nicht um Politik. Ich suche nach Narrativen für dieses Ereignis, nach Geschichten, die es erklären. Auch nach dem 11. September hat es eine Weile gedauert, bis Narrative da waren, die nicht nur lauteten: "Sie sind mit Flugzeugen in die Türme geflogen." Es braucht Zeit, bis wir unseren Kindern erklären können, was wirklich geschah.

ZEITmagazin: In Ihren Romanen sind solche Narrative zu finden.

Gibson: Ja, und diese neue Realität ist unfassbar. Peter Thiel strebt sogar nach dem ewigen Leben. Er ist ein typischer Silicon-Valley-Megamilliardär und scheint ein wirklich verrückter Typ zu sein. Er ist an diesem magischen Verfahren interessiert, bei dem man den Blutstrom eines alten und eines jungen Menschen verknüpft. Der alte wird dadurch jünger, der junge älter. Der Interessenausgleich erfolgt mit einer Transferzahlung des alten an den jungen.

ZEITmagazin: Ziemlich gibsonesk.

Gibson: Mit Mäusen funktioniert es bereits. Es gibt einige Leute im Silicon Valley, die an einen Punkt in der Historie glauben, ab dem die Menschen dank des technischen Fortschritts unsterblich werden. Sie erwarten, dass diese Situation etwa 2040 eintreten wird. Das fasziniert mich, weil es die evangelikale Entrückung spiegelt. Diese Leute sind Atheisten, sie haben keine Religion, der Mechanismus aber ist gleich. Gott kommt und wird uns alle retten, nur ist Gott in diesem Fall die Technologie.

ZEITmagazin: Wie sehen Sie die Rolle Ihrer verstorbenen Kollegin, der Science-Fiction-Schriftstellerin Ayn Rand? Sie ist in Europa kaum bekannt, in den USA sind ihre Schriften und die dahinterliegende Philosophie des Libertarismus und Hyperkapitalismus Allgemeingut. Viele Republikaner, gerade die um Trump, sollen stark von ihr beeinflusst sein.

Gibson: Der intellektuelle Einfluss von Ayn Rand war wohl einer der schlimmsten in der gesamten Menschheitsgeschichte. Viele der schädlichsten Akteure des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts sind massiv, wenn nicht ausschließlich von ihrer Philosophie und ihren Schriften beeinflusst.

ZEITmagazin: Dabei sind sie wirklich schlecht geschrieben.

Gibson: Die besonders einflussreichen Texte sind oft schlecht geschrieben.

ZEITmagazin: Sie bestreiten immer, dass Sie Aspekte der Zukunft in Ihren Büchern vorweggenommen haben. Warum spielen Sie Ihre visionäre Kraft herunter?

Gibson: Ich sehe die Zukunft nicht voraus, es fühlt sich nur so an. Ich versuche lediglich, literarischen Naturalismus auf ein Genre anzuwenden, das in seinen Beschreibungen zuvor immer sehr vage geblieben ist. Früher las man in Science-Fiction-Erzählungen nichts über die Sozioökonomie oder die Sexualität, über all die spannenden Aspekte einer Gesellschaft, alles blieb seltsam abstrakt. Ich schreibe lieber über Leute, die gefährliche Scheißjobs annehmen müssen, um ihre Miete zu bezahlen oder ihre bionischen Füße. Meine vermeintlichen Vorhersagen kommen aus dieser ungewöhnlich genauen Beschreibung der Welt.

ZEITmagazin: Bei Ihnen erfährt man sogar, wo der Stahl für diese elektromechanisch verbesserten Füße hergestellt wird.

Gibson: Ja, ich wollte mir meine Welten einschließlich der Zulieferketten vorstellen.