Virgil Abloh "Der Boss"

In Chicago lernte Virgil Abloh Kanye West kennen, über gemeinsame Freunde, da war er 22 Jahre alt und Kanye West noch nicht berühmt. Seit über zehn Jahren arbeiten die beiden zusammen. Als Creative Director von Wests Produktionsfirma Donda entwickelt Abloh Bühnenkonzepte und Fanartikel für dessen Konzerte. Mit seinen T-Shirts, Bomberjacken und Sweatshirts verdient der Musiker ein Vermögen. Im Zuge seiner The Life of Pablo- Tour wurden im vergangenen Jahr in 21 Ländern, auch in Deutschland, Pop-up-Läden eröffnet. Der genaue Standort wurde immer erst 24 Stunden vorher bekannt gegeben. Die Bomberjacken kosteten 350 Dollar und waren binnen Stunden ausverkauft. Wer keine abbekommen hatte, konnte auf eBay sein Glück versuchen, wo die Stücke für bis zu 4.000 Dollar angeboten wurden.

Auf die Frage, welchen Anteil er mit diesen Fanartikeln am Erfolg des Rappers habe, reagiert Virgil Abloh ungehalten. "Wir sind zwei Künstler, die auf dem gleichen Pflaster groß geworden sind. Wir arbeiten zusammen, er lernt von mir, ich lerne von ihm. Wir sind ein Kollektiv. Wie das Bauhaus." Dass das Bauhaus kein Kollektiv war, kann man ihm nachsehen. Dieser Mann versprüht eine Energie, eine totale Überzeugung von dem, was er tut, und trotz allen Mangels an Aufmerksamkeit, den er im Gespräch an den Tag legt – oft schaut er auf sein Handy, während er mit einem spricht, scrollt durch irgendeinen Newsfeed, tippt Nachrichten –, einen Ehrgeiz, der ansteckend wirkt. "Auf der Autofahrt vom Flughafen hierher hätte ich schlafen können, aber stattdessen hatte ich eine spontane Idee für eine große Kampagne, einfach so", er schnipst mit den Fingern, "weil ich ein Bild auf dem Handy sah, das den Anstoß gab." Wenn ihm alle seine Einfälle auf diese Weise kommen, will man ihm den ständigen Blick aufs Handy nicht übel nehmen. Kanye West sagt über Virgil Abloh: "Virgil ist einer der schlausten, schnellsten und innovativsten Leute, mit denen ich je zusammengearbeitet habe."

Dass er in der Modewelt etwas beitragen könnte, begriff Abloh, als Nicolas Ghesquière bei Balenciaga einen Sci-Fi-Druck mit der Aufschrift "Join a weird trip" herausbrachte – und zwar nicht einmal, sondern mehrmals, auf Neoprenpullovern und auf T-Shirts. Designer, die sich von Saison zu Saison nicht groß verändern und gar einzelne Stücke immer wieder neu auflegen, werden dafür oft des Mangels an Kreativität bezichtigt. "Aber Wiederholung ist ein Designwerkzeug", sagt Virgil Abloh, der erst Bauingenieurwissenschaften und dann Architektur studiert hat. "Mode ist sehr verschwenderisch, weil sie sich so schnell fortbewegt. Die Leute brauchen Zeit, bis sie ein Kleidungsstück verstanden haben und kaufen wollen. Dann ist es meistens schon wieder vom Markt verschwunden." Die Mode von der Straße lebe hingegen von der Wiederholung.

Wie Virgil Abloh ist auch die Streetwear ein Kind der Neunziger. Als er groß wurde, wurde sie populär, inspiriert vom Look der Skater, Rapper und Basketballer. Die Marke Supreme, vor deren Läden Fans in aller Welt Schlange stehen, um ein ganz bestimmtes T-Shirt zu ergattern, wurde 1994 in New York gegründet. Auf der Heizung hinter Ablohs Schreibtisch steht eine rote Supreme-Schachtel. Genau wie Supreme möchte Abloh Off-White über ein bestimmtes Image groß machen. Die Klamotten selbst seien nicht das Wichtigste. Eines von Ablohs Lieblingswörtern ist Lifestyle. In einer Zeit, in der jeder Zweite auf die Idee komme, ein Modelabel zu gründen, könne man sich nur hervortun, indem man mit einer Marke einen Lebensstil verbinde, mit dem sich die Leute identifizieren wollen: "Kleidermarken können genau wie Musikbands einen Kult begründen." Der amerikanische Modeunternehmer Ralph Lauren ("der beste Streetweardesigner aller Zeiten") habe das geschafft. Oder Martha Stewart, die große amerikanische Fernsehköchin, eine von Ablohs Musen. Was liebt er an Martha Stewart? "Lifestyle", antwortet er wie aus der Pistole geschossen. "Sie hat eine ganze Generation bewegt. Ihr Name steht für eine Lebenswelt, eine Haltung."

Wie eine junge Martha Stewart sah auch Virgil Ablohs Frau Shannon Sundberg bei der Hochzeit der beiden im Jahr 2009 in einem Luxushotel in Chicago aus. Von einem wie ihm, der in seinem schwarzen Kapuzenpullover, den schwarzen Jeans und Nike-Turnschuhen aussieht wie ein abgeklärter Typ, hätte man so einen Auftritt gar nicht erwartet: Da führt der coole Mister Abloh seine Braut in Smoking, weißer Fliege und Einsteckblüte übers Parkett, sie mit blonder Hochsteckfrisur und weißem Rosenstrauß, auf den Tischen aufgetürmte Blumengestecke, dazu veilchenlila Discolicht. Abloh hätte im Jogginganzug auf einem New Yorker Parkhausdach heiraten können, man hätte ihm alles zugetraut. Er entschied sich für die All-American-Hochzeit. Auch das ist eine Ansage: Cool ist, wer im genau richtigen Moment das Gegenteil von dem tut, was alle von einem erwarten. "Wer cool ist, ist gleichmütig", sagt Virgil Abloh.

Aber trotzdem: Martha Stewart? Ist die nicht ein bisschen alt? "Jugend ist abgedroschen", sagt Abloh. "Ein Kind ist im Vergleich zu seinen Eltern jung, mehr nicht. Mir gefällt die Vorstellung, dass Off-White in einem Haus in zwei Kleiderschränken hängt – bei der Mutter und beim Sohn. Aber die Mutter versucht nicht, darin wie ein Teenager auszusehen, und der Sohn nicht wie ein Erwachsener." Off-White bezeichnet einen undefinierbaren Farbton in der Nähe von Weiß. "Ich bewege mich zwischen Nachtclubs und Büroräumen", sagt Abloh, "ich kenne arbeitslose und berufstätige Leute, arme und reiche. Off-White reflektiert diese Mischung, ohne sich in eine Kategorie einzusortieren. Mein Job ist es, eine Pariser Laufstegversion von dem zu machen, was auf der Straße passiert."

Früher mal waren Modedesigner sensible Gemüter, die die Frauen verehrten und ihre Schneidertechnik perfektionierten, um aus Kleidern nie da gewesene Schätze zu machen. Heute ist ein Designer eine Art Coach für Lebensart und ein Reflektor zeitgenössischer Kultur. Das ist übrigens Ablohs zweites Lieblingswort. Er entwerfe in "a culture sort of way", weshalb es in seinen Augen auch gar keinen Unterschied mache, ob man ein Haus, einen Schuh oder ein Hotel designe. Hauptsache, man kenne die culture. Bei Off-White hätten sie nicht nur ein Verständnis von Modedesign, sondern auch von culture. Und es sei zeitgenössische culture, mit Ironie zu spielen. Das tut Abloh gern. Seine ganze Markenwelt wirkt ironisch durchdrungen. Alles steht in Anführungszeichen: "Website" auf seiner Webseite, "Invitation" auf den Einladungen zu seinen Schauen. Selbst nennt er sich in seiner Funktion bei Off-White auch gar nicht Modedesigner, sondern Künstler oder Creative Director. Eine Bezeichnung, die unter jungen Leuten in etwa den Status genießt, den früher der "Boss" hatte.

Und welches Reich will er umkrempeln, wenn er seines einmal ausgebaut hat? "Keine Ahnung", lacht Abloh, "sagen Sie’s mir!" Zuletzt wurden die Chefposten der großen Modehäuser – Balenciaga, Gucci, Loewe – mit Außenseitern wie ihm besetzt. In Modekreisen wird schon gemunkelt, wer Karl Lagerfeld folgen könne, wenn der einmal abdanken sollte. Nur eine ähnlich programmierte Ideenmaschine kann ihn ersetzen. Also, Chanel wäre doch was. "Ich weiß", sagt Virgil Abloh, und seine Augen blitzen. Dann muss er los.

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