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Das war meine Rettung "Strippen war für mich das Naheliegendste auf der Welt"

Als Heike-Melba Fendel Go-go-Tänzerin in New York war, erfuhr sie, dass sie für die Mafia arbeitete. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 7/2017

ZEITmagazin: Frau Fendel, Ihr neuer Roman spielt während der Berlinale, und seine Protagonistin ist hin- und hergerissen zwischen ihrem bürgerlichen Leben und den Traumwelten des Kinos. Ist sie eine Traumtänzerin?

Heike-Melba Fendel: Ich würde eher sagen: Sie hat ein astrologisches Verhältnis zum Kino, sie will es immer direkt auf ihr Leben anwenden. Das Kino ist quecksilbrig, es hat nichts Endgültiges, es bietet 90 Minuten lang Entwürfe von Lebensmöglichkeiten. Doch nun ist meine Protagonistin in einer festen Beziehung mit einem Mann, der es ernst meint, und ist hemmungslos unglücklich. Wenn man alles hat, Mann, Karriere, Haus, dann fängt das Unglück an, weil man nicht einfach einen Haken hinter sein Leben machen kann: Angekommen, glücklich, das war’s. Meine Heldin wehrt sich gegen dieses endgültige Idyll.

ZEITmagazin: Deswegen nennt ihr Mann sie eine Hysterikerin. Hat er recht?

Fendel: Sie ist eine Hysterikerin, aber das mag ich an ihr. Der Filmregisseur Christian Petzold hat mal gesagt: "Eigenheime sind Gefängnisse für Frauen." So ist es. Die Frau wird eingemauert. Es gibt heutzutage so einen freiwilligen Einmauerungsprozess. Dann heißt es: Wir kaufen ein Haus, Betongold, das ist eine gute Investition. Aber das stimmt nicht, in Wahrheit geht es darum, die Beziehung zu untermauern. Man verlagert das Sicherheitsbedürfnis in die Immobilie.

ZEITmagazin: Gibt es denn auf Dauer keine Sicherheit?

Fendel: Nein, und auch keine abschließenden Gewissheiten. Wenn man mich fragt, wovor ich gerettet werden möchte, dann würde ich immer sagen: Vor meinen eigenen Gewissheiten!

ZEITmagazin: Was hilft gegen allzu absolute Gewissheiten?

Fendel: Bei mir waren es oft einzelne Sätze, die jemand zu mir sagte, die zu wirklichen Lebensveränderungen führten. Wobei diese Sätze nur funktionieren, wenn derjenige, der sie sagt, dich nicht von irgendetwas überzeugen will.

ZEITmagazin: Ein Beispiel, bitte!

Fendel: Nach dem Abitur bin ich nach New York gegangen, um der Kölner Enge zu entfliehen. Weil ich als illegal alien keine Arbeitserlaubnis hatte, habe ich mein Geld mit Go-go-Dancing verdient. Damals war Strippen für mich das Naheliegendste auf der Welt: Ausziehen macht man halt.

ZEITmagazin: Sie tanzten halb nackt für Geld vor männlichem Publikum. Mussten Sie erst ein inneres Tabu überwinden?

Fendel: Nein, in den achtziger Jahren in New York, Lower East Side, war Go-go-Dancing, wie wenn du heute in Berlin-Mitte wohnst und kokst – da sagt auch keiner: O Gott, du kokst ja! Ich hatte früh Erfahrungen gemacht, Künstlern Modell zu stehen, da fühlte sich Go-go-Dancing nicht so viel anders an. Du hast Sets von 30 Minuten, also sechs bis neun Songs. Du musst dich beim ersten Song ausziehen – nicht auf eine komplizierte Art, einfach irgendwie ausziehen bis auf einen G-String. Ich hatte vor allem Angst vor dem Tanzen, ob ich das mit den Moves auch richtig hinkriege. Dann habe ich all meinen Freundinnen gesagt: "Macht das doch auch: Es ist easy, bringt Geld, du hast Spaß, die Kolleginnen sind nett." Bevor ich mit dem Go-go-Dancing begann, hatte ich in einem Café gekellnert und natürlich viel weniger verdient. Irgendwann lief ich einer ehemaligen Kollegin aus dem Café über den Weg, die ich sehr mochte. Ich erzählte ihr von meinem neuen Job und sagte, das solle sie doch auch mal probieren. Sie sagte: "Nö, möchte ich nicht", und dann fiel der Satz: The Mafia shouldn’t have us women! – "Die Mafia sollte uns Frauen nicht besitzen dürfen." Ich hatte nie darüber nachgedacht, aber natürlich betrieb die Mafia die Go-go-Clubs. Von dem Moment an war mir das Go-go-Dancing verleidet.

ZEITmagazin: Wegen dieser Bemerkung haben Sie aufgehört?

Fendel: Ja, der Satz hatte auf mich so eine starke Wirkung, weil er so beiläufig gesagt wurde. Die Freundin hatte mir keinen Vorwurf gemacht. Sie sagte nicht etwa: Wie kannst du das nur tun! Sie sagte nur: "The Mafia shouldn’t have us women." Es war, als hätte sie in einen Luftballon gepikst. Ich begriff, dass das, was ich da machte, etwas mit Ausbeutung zu tun hatte. Mir wurde auch klar, dass ich mich in so einer gezielten Naivität eingerichtet hatte. Man begibt sich, wenn man nicht ganz blöd ist, bewusst in diese Naivität – und dann braucht es so einen Satz, damit die Blase platzt. Ich versuche ja immer, die Realität zu beugen, wenn mich das weiterbringt. Damit kommt man sehr weit, aber irgendwann wird daraus Selbstverarschung. Vor der muss man gerettet werden.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Anna Kemper zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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Dem Manne kann geholfen werden - bei "Melba" (man könnte ja nachschlagen unter "Pfirsich Melba" und "Nellie Melba") ... und dann werden Sie rasch feststellen, daß Sie auf einer Bühne gelandet sind, nämlich wenn (Richard Wagners "Lohengrin" im 1. Akt) der legendäre Schwan erscheint, mit seinem typischen gebogenen schneeweißen Hals, den nachzuahmen der Küchenchef des Londoner "Savoy" sich herausnahm, weil der berühmten Opernsängerin Nellie Melba (Künstlername, sie kam aus Melbourne Down under) ein (durchaus anspielungsreiches) Eis-Dessert so gut gefiel (Pfirsich-Hälfte auf Vanille-Eis). Warum Eltern Fendel darauf verfielen, ihre Tochter so zu benennen, darüber zu spekulieren, steht mir nicht zu ... "Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!" (singt der Tafelrunden-Ritter Lohengrin).