Die großen Fragen der Liebe Warum fühlt er sich nicht ernst genommen?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 7/2017

Die Frage: Benjamin und Jule sind seit knapp sieben Monaten zusammen. Seit mehreren Wochen aber gibt es ständig Stress. Benjamin findet, Jule hört ihm nicht richtig zu. Er fühlt sich nicht ernst genommen, weil Jule mehr auf ihre beste Freundin Mellie hört als auf ihn. Wenn er etwas mit ihr planen will, möchte sie sich das überlegen – und Benjamin weiß genau: Sie geht in ihre WG zu Mellie und hechelt seine Vorschläge durch. Wenn sich Benjamin darüber beklagt, sagt Jule, er solle nicht so schnell beleidigt sein. Als Benjamin merkt, dass Jule kurz davor steht, Schluss zu machen, lenkt er ein. Aber bald danach kocht wieder etwas hoch. "Meinst du, wir haben eine Chance?", fragt Jule Mellie, als sie nach einer solchen Auseinandersetzung nach Hause kommt.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wenn es einige Monate zwischen Benjamin und Jule gut gelaufen ist und sie auch Streitigkeiten überstanden haben, sind zumindest Potenziale da. Gegenwärtig geht es um den Umgang mit einer nicht eingestandenen Eifersucht von Benjamin. Er möchte der Einzige sein, auf den Jule hört – und treibt sie so Mellie in die Arme. Benjamin ist sich unsicher, ob er für Jule genauso wichtig ist wie sie für ihn. Er sagt das aber nicht offen, sondern möchte Symmetrie erzwingen. Er will nicht abwarten, ob Jule so viel Vertrauen fasst, dass sie alles genauso gut mit ihm besprechen kann wie mit Mellie. Benjamins Versuche, Druck zu machen, erreichen ihr Gegenteil: Wenn er mit Jule streitet, kann sie sich mit Mellie besser entspannen. Die beiden haben eine Chance, wenn sich Benjamin weniger an Jule klammert und Jule weniger an Mellie.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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