Ich habe einen Traum: Marie Kreutzer

"Ich träume häufig, dass ich jemanden umgebracht habe"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 7/2017

Träume haben eine große, aber auch ambivalente Bedeutung für mich. Zum einen erinnere ich mich seit meiner Kindheit an keinen einzigen schönen Traum, mich plagen immer nur Albträume. Ich habe alles Mögliche versucht, das zu ändern, bisher ohne Erfolg.

In den vergangenen Jahren träume ich häufig, dass ich jemanden umgebracht habe. Der Traum beginnt immer erst nach dem Mord, ich weiß weder, warum ich das getan habe, noch kenne ich das Opfer. In diesem Traum bin ich dann immer sehr darum bemüht, Spuren zu verwischen und nicht für diesen Mord zur Verantwortung gezogen zu werden. Doch ich weiß, dass die Schuld und die Scham mich nie verlassen werden.

In diesen Träumen manifestieren sich meine Schuldgefühle. Ich bin eine Mutter, die viel arbeitet, und die meisten Eltern, die ich kenne, haben dauernd Schuldgefühle. Meine Albträume haben möglicherweise aber auch damit zu tun, dass ich zu einer Generation gehöre, der es eigentlich wahnsinnig gut geht. Wir haben im Grunde alles, was wir brauchen, leben in einer mehr oder weniger heilen Welt, unsere Probleme sind eher Luxusprobleme. Aber unterschwellig ist da eine diffuse Angst, dass irgendwann der Status quo des schönen Lebens zerbrechen könnte. Bei mir drückt sich diese Angst in Albträumen aus. Meine Generation, in diesem Teil der Welt und in unserem Milieu, lebt einen Traum. Manchmal denke ich, es geht uns zu gut. Wir verlieren oft das Gefühl dafür, was wichtig ist und was echte Probleme sind. Wir kreisen häufig um selbst geschaffene Schwierigkeiten. Die Welt ist größer als das, was wir für Probleme halten. Leider sind wir in vielen Fällen zu verwöhnt, um das zu erkennen.

Die schöne, helle Seite des Träumens erlebe ich tagsüber. Ich habe sehr intensive und produktive Tagträume, die Geschichten für meine Filme entstehen eigentlich immer in Tagträumen. Wenn ich allein unterwegs bin und Musik höre, bei einer Zugreise oder bei einer Autofahrt beispielsweise. Die bewegten Bilder vor Augen, die Musik im Ohr – dann kann alles, was vorbeizieht oder geschieht, mich inspirieren. Manchmal spreche ich dann auch ganze Dialoge vor mich hin.

Als Kind habe ich davon geträumt, Schriftstellerin zu werden. Ich habe wahnsinnig gern gelesen und konnte schon früh schreiben, meine ersten kleinen Geschichten habe ich mir mit sechs ausgedacht. Mit acht habe ich mir dann eine Schreibmaschine zu Weihnachten gewünscht. Ich möchte immer noch ein Buch schreiben, irgendwann, aber das Schreiben hat für mich an Faszination verloren. Ein Drehbuch zu verfassen ist der anstrengendste und anspruchsvollste Teil meiner Arbeit. Ich liebe die gemeinsame Arbeit mit anderen Menschen – daher sind die Dreharbeiten für mich dann eher die Belohnung.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren
MasterBlaster
#2  —  27. Februar 2017, 13:44 Uhr

Liebe Frau Kreutzer, ich hatte haargenau die gleichen Alpträume wie Sie. Das Wissen, das schlimmste von allen Verbrechen begangen zu haben, die Schuld und Scham waren so überwältigend, dass ich alles dafür tat, aufzuwachen.

Allerdings halte ich Ihre Schlussfolgerung für falsch (Wobei ich leider keine Alternativklärung zur Hand habe): Es sind keine Schuldgefühle, die da wirken, die Ursachen liegen viel tiefer. Ich beispielsweise hatte diese Träume in einem Alter, in dem Schuld und ähnliche Motive überhaupt keine Rolle spielten.