© Norbert Schörner für ZEITmagazin

Mode In den Augen von Jil Sander

Schon ganz am Anfang ihrer Karriere entwarf Jil Sander Mode für unabhängige, weltgewandte Frauen. Obwohl sie seit Jahren nicht mehr selbst designt, ist ihre modische Botschaft bis heute aktuell. Für uns hat die weltberühmte Designerin in den aktuellen Kollektionen nach besonderen Kleidungsstücken gesucht, die ihrem Bild der modernen Frau entsprechen. Von
ZEITmagazin Nr. 7/2017

Die Vision wurde Ende der sechziger Jahre in einer Boutique im Hamburger Quartier Pöseldorf geboren. Dort verkaufte eine junge Frau, die Heidemarie Jiline Sander hieß und sich Jil Sander nannte, in ihrem Laden eine Kollektion unter ihrem Namen. Und die war bald ausverkauft.

Jil Sander begann ihre Karriere also nicht, wie man heute vielleicht annehmen würde, in der Design-Abteilung einer Modemarke. Sie besaß schon damals nicht nur eine genaue modische Vorstellung, sie trug auch geschäftliche Verantwortung und stand im Kontakt mit ihren Kundinnen, die von ihr eingekleidet werden wollten. Von Anfang an erfasste Jil Sander Mode also in ihrer Ganzheit, und das sollte ihren Weg prägen.

Jil Sander arbeitete zwar für den lokalen Markt, aber sie hatte die Welt im Kopf. Bevor die damals 24-Jährige ihren Laden eröffnete, hatte sie schon einige Zeit in Los Angeles verbracht. Dort hatte sie jene Frauen gesehen, die sie sich als Kundinnen vorstellte: Frauen, die sich nicht als Anhängsel ihrer Ehemänner sahen, die Karrieren anstrebten und ein Gefühl für Modernität besaßen. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, als Frau unabhängig und weltgewandt zu sein. Ende der sechziger Jahre hingegen war diese Frau eher eine Idee. Und nur weil Jil Sander die Idee so klar vor Augen stand, konnte sie für diese Frau Kleidung entwerfen.

Im Hamburg fand man es Anfang der siebziger Jahre schick, sich im Ethno-Look zu kleiden. Große Mode fand außerhalb Deutschlands statt. Doch Jil Sander sah ihre Mode schon früh für die internationale Bühne bereit. Mit einer Weltbürgerin als Kundin. Oder einer Frau, die zumindest dabei war, eine Weltbürgerin zu werden. Jil Sanders modische Botschaft ist immer noch aktuell, obwohl sie selbst seit wenigen Jahren keine eigene Kollektion mehr entwirft.

Die Person Jil Sander ist ihrer Mode ähnlich. Sie ist agil und hellwach, kritisch, verliebt ins Detail und neugierig auf Ideen. In ihrer Anwesenheit spürt man die Energie, mit der sie von den siebziger Jahren an die Modewelt erobert hat. Von Hamburg aus expandierte Jil Sander international und brachte ihr Unternehmen erfolgreich an die Börse. Ende der neunziger Jahre ging sie ein Joint Venture mit Prada ein, verließ das Unternehmen aber nach Meinungsverschiedenheiten kurze Zeit später. Zwei Mal kehrte sie daraufhin als Designerin zu ihrer Marke zurück. Dazwischen arbeitete sie erfolgreich als Kreativdirektorin für die japanische Marke Uniqlo. Die letzte Kollektion, die sie für die Firma Jil Sander entworfen hat, war die Frühjahrskollektion 2014.

Wie sieht Jil Sander Frauen heute? Was bedeutet Modernität im Jahr 2017? Dies waren die Ausgangsfragen für unser Modeheft: die Welt der Mode neu zu sehen, mit den Augen der bekanntesten deutschen Designerin.

Die Modewelt ist unübersichtlicher denn je. Und in den vergangenen Jahren hat sich nicht nur die Wahrnehmung der Mode geändert, sondern auch ihre Darstellung. Einst war Mode ein Geschäft für einen relativ begrenzten gesellschaftlichen Kreis. Diese Exklusivität ist heute mehrfach gebrochen. H&M und Zara bieten ansprechend gestaltete, den Premium-Marken nachempfundene Discounter-Mode für breite Bevölkerungsschichten an, sodass man vom Aussehen eines Menschen nicht mehr auf sein Einkommen schließen kann. Vor allem aber hat sich die Bühne der großen Mode verändert: Modenschauen sind nicht mehr ein Theater für geladene Gäste, sondern ein Spektakel, das über die sozialen Medien kommentiert und weiterverbreitet wird, wodurch sich die Mode verändert. Vor allem das Grelle erfährt Aufmerksamkeit. Dazu gehören Outfits, die man schon nach einem kurzen Blick auf ein Display versteht. War Mode früher mehrdimensional und komplex, soll sie nun einfache bis banale Botschaften verbreiten. Das sind Themen, mit denen sich auch die Autorin Ingeborg Harms für uns auf Vorschlag von Jil Sander in ihrem Essay befasst hat.

Wo sich einst eine Mode-Philosophie der Körper, Formen und Materialien bemächtigte und ihre Produkte so in der Gesellschaft verortete, geht es nunmehr darum, verständlich zu sein und einen mehr oder minder zufälligen Betrachter anzusprechen. Durch die sozialen Netzwerke wird die Mode zu ihrer eigenen Marketingbotschaft. Sie ist zu einer übergreifenden Erscheinung geworden, zu einem Zirkus, bei dem man kaum noch zwischen Designern, sogenannten Influencern und Bloggern unterscheiden kann. Dabei gerät eine Frage immer mehr in den Hintergrund: Was sind die Maßstäbe für Qualität in der Mode? Wollen wir Handtaschen, die mit bunten LEDs ausgestattet sind? Wollen wir T-Shirts wie die der Marke Off-White des amerikanischen Designers Virgil Abloh, die mit Skorpionen bedruckt sind und für mehr als 200 Euro verkauft werden? Ist eine Jeans von Vetements für mehr als 1.000 Euro ihr Geld wirklich wert? Gibt es trotz des Überangebots an Mode nicht eher etwas, das wir dringend vermissen?

Denn Mode hat noch eine andere Dimension. Sie kann zwischen einem Menschen und einem Kleidungsstück Intimität herstellen. Sie kann einem Menschen helfen, sich besser und sicherer in seiner Haut zu fühlen, sie kann ihm Schutz geben oder Attraktivität verleihen. Diese Qualität der Mode geht nicht allein auf Farbe, Materialien und Schnitte zurück. Man spürt sie, wenn man ein besonderes Stück anzieht – weil es mehr aus einem macht. Ein Kleidungsstück ist im besten Fall kein Produkt, das man benutzt und später einmal wegwirft, sondern etwas, das einen als Person vervollständigt, wenn man es trägt. Von anderen Menschen abgesehen ist es die Kleidung, die uns im Leben am nächsten kommt. Und es ist an der Zeit, ihr wieder die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie verdient.

In ihrer Zeit als Modedesignerin war Jil Sander stets auf der Suche nach Ideen für solche besonderen, raffinierten Kleidungsstücke, die sie dann aus hochwertigen Materialien fertigte. Ein Stück aus einer Jil-Sander-Kollektion sollte seiner Trägerin ein besseres Körpergefühl geben, sie aber nicht überformen oder behindern.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren