Stilkolumne Ganz in Weiß

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 7/2017

Der Anzug ist an sich ein Instrument zur Uniformierung des Mannes. Wenn ein Mann einen Anzug trägt, dann sieht er aus wie alle anderen Männer. Durch den Anzug hat es der Mann geschafft, sich über Jahrhunderte stilistischen Fragen zu entziehen. Man trägt einen Anzug, also sieht man auch gepflegt aus. Und mit einem dunklen Anzug liegt man ohnehin nie falsch.

Dieser Sommer soll jedoch dem weißen Anzug gehören. Jedenfalls wenn man sich daran orientiert, was die Designer Sarah Burton von Alexander McQueen, Tomas Maier von Bottega Veneta und Giorgio Armani in ihren Kollektionen für den Herrn vorgesehen haben. Der weiße Anzug allerdings lässt den Mann nicht aussehen wie jeder andere Mann. Er ist etwas für Exzentriker, jedenfalls wird er bevorzugt von solchen getragen. Träger weißer Anzüge sind etwa: Disco Stu aus der Serie Die Simpsons, John Travolta in Saturday Night Fever, Don Johnson in Miami Vice und natürlich der Schriftsteller Tom Wolfe. Ansonsten tragen den weißen Anzug auch sehr gerne Rapper oder US-Schauspieler wie Tyson Beckford.

Wer einen weißen Anzug zur Schau stellt, der leuchtet schon von Weitem wie der liebe Gott. Das muss man mögen – und man muss sich damit abfinden, dass einen die Umwelt eher als einen leichtfüßigen Charakter abstempelt. Als jemanden, der das Leben nicht sehr ernst nimmt. Warum ist das so? Dass ein Anzug traditionell dunkel ist, kommt nicht von ungefähr. Die Zeit, als der Anzug üblich wurde, das 18. Jahrhundert, war sehr schmutzig. Und das Waschen von Kleidung war keineswegs üblich. Mit Wasser kam nur das Leinenhemd in Berührung, die Oberbekleidung aber nicht. Deshalb war sie schwarz. So konnte sie viel Schmutz aufnehmen. Denn mit dem musste man sich auseinandersetzen, sobald man über die Türschwelle nach draußen ging.

Der Träger weißer Kleidung stand also unter dem Verdacht, weder mit dem schmutzigen Alltag noch mit ernsthafter Arbeit in Berührung zu kommen. Deshalb ist Weiß die Farbe der Unschuld – denn wer Weiß trug, hatte offenbar mit nichts zu tun, was ihn verunreinigen könnte. Vor ein paar Jahrhunderten war als solcher Ort nur der Himmel denkbar, heute sind auch die Straßen nicht mehr so schmutzig wie früher. Ob ein weißer Anzug tragbar ist, darüber muss ein Mann sich keine Gedanken machen. Der weiße Anzug ist als Statement so übermächtig, dass man gewissermaßen darin verschwindet. Es ist, als wäre der weiße Anzug ohne einen unterwegs. Man kann als Träger nur alles kaputt machen, indem man versehentlich Rotwein auf den Ärmel schüttet.

Foto: Peter Langer / Jackett von Giorgio Armani

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