© Coco Capitán

Benjamin Clementine Melancholisch schön

Auf der Bühne hat der englische Sänger Benjamin Clementine eine seltene Präsenz: Er wirkt gleichzeitig selbstbewusst und verletzlich – so wie seine Musik klingt. Und er hat keine Angst davor, sich in die Politik einzumischen. Von
ZEITmagazin Nr. 8/2017

Manch ein Musiker reißt sein Publikum mit, weil er mit ausgebreiteten Armen am Mikrofon steht wie ein Erlöser, weil er mit zwanzig Tänzern aus einer Nebelwolke auftaucht oder an einem Drahtseil auf die Bühne herabschwebt.

Als Benjamin Clementine an einem frostigen Novemberabend im Berliner Tempodrom am Klavier sitzt, flüstert er fast. Die Füße sind nackt. Er trägt nichts weiter als luftige schwarze Hosen und ein lila Samtjackett, darunter schaut sein bloßer Oberkörper hervor. Zwischen zwei Songs plaudert er mit dem Publikum. Er versucht ein paar Worte Deutsch, allerdings so leise, dass man fast das Gefühl hat, er spreche mit sich selbst. Manchmal schielt Clementine während des Konzerts verstohlen ins Publikum, als sei er drauf und dran, die Leute in ein Geheimnis einzuweihen. Berlin sei kalt, sagt er, dafür sei die Stadt ja bekannt – und für die Hipster, die hier leben. Die Leute klatschen immer wieder begeistert, obwohl Clementine gar nichts Besonderes von sich gibt. Dann guckt er versonnen und erklärt: "I like Angela Merkel. She’s got balls." Der Applaus ist jetzt verhalten. Aus einer Reihe zischt es: "Sing einfach!" Es entgeht ihm nicht. "Entschuldigung", sagt er, höflich erstaunt. "Ich wollte mich nicht in die Politik einmischen."

Seit knapp zwei Jahren gilt Benjamin Clementine als eine Sensation in der Musikwelt. Im Oktober 2013 trat er mit seiner ersten EP Cornerstone in der britischen Musikshow Later ... with Jools Holland a uf. Sir Paul McCartney, der in derselben Sendung zu Gast war, gestand Clementine nach dessen Performance seine Begeisterung. Im März 2015 erschien Clementines erstes Album At Least For Now, im November desselben Jahres wurde ihm der renommierte Mercury Prize verliehen, für den auch Florence + The Machine und Jamie xx nominiert waren. Im April gibt er ein Konzert in der New Yorker Carnegie Hall. Die New York Times listete ihn mit Michelle Obama und William Egglestone als eines von 28 kreativen Genies, die 2016 die Kultur geprägt haben. Benjamin Clementine steht gerade im Mittelpunkt – und erweckt doch immer den Anschein, als sei er ganz woanders.

Er ist einer von diesen Menschen, die man sofort total eigenartig und total interessant findet. Er ist groß, schlank und muskulös, die vorstehenden Wangenknochen wie modelliert, das Haar aufgetürmt wie Zuckerwatte. Bei der Begrüßung umfasst er die Hand des anderen mit beiden Händen, sie sind lang und feingliedrig. Eine Aura von Weisheit und Melancholie umgibt ihn. Wenn er lächelt, dann meist an einem vorbei, mit halb offenen, warmen, irgendwie traurigen Augen. Schon in der Schule sei er ein Außenseiter gewesen, der gemobbt wurde, erzählt er: "Ich verbrachte viel Zeit in der Stadtbücherei. Es war eine Flucht vor allem. Ich machte nichts anderes als lesen und Klavier spielen." Auch wenn man Clementine heute trifft, einen allseits gefeierten und bewunderten Musiker, hat man oft das Gefühl, dass er am liebsten davonlaufen würde. Beim Fototermin in Berlin wirkt er, als habe er sich verirrt und müsse jetzt erst mal vorsichtig die Fühler ausstrecken.

Dass er in der Schule gemobbt wurde, kann man sich gut vorstellen. Wenn man als Erwachsener ein bisschen überfordert ist mit diesem Menschen, dann als Kind wohl erst recht. Wenn man sich eine Weile mit Clementine unterhält, sagt er seltsame Sachen wie: "Zu viel Licht lässt einen das Gefühl für Zeit verlieren." Oder: "Ich weiß, dass ich Ihnen nicht trauen kann, deshalb traue ich Ihnen. Wenn Sie mich dann enttäuschen, trifft es mich nicht allzu sehr, weil ich Ihnen von Anfang an nicht getraut habe. In diesem Sinne traue ich Ihnen. Verstehen Sie?" Nein, nicht so richtig. Aber auch auf das verwunderte Unverständnis, mit dem ihm die Leute oft begegnen, hat er in einem seiner Songs eine Antwort: "Well they say no man can be a prophet / In his own country" singt er in Winston Churchill’s Boy, womit er sich indirekt mit Jesus vergleicht. Wenn man Clementine fragt, wo er heute wohnt, sagt er: "Ich weiß es nicht. Ich bin ein Wanderer."

Wo ist Platz für einen wie ihn, der nie ins Bild passt?

Benjamin Clementines Musik macht irgendetwas mit den Menschen, das über Unterhaltung weit hinausgeht. Am Klavier hämmert er sich die Seele aus dem Leib, dazu singt er mit vibrierender, voller Stimme in tiefen, grollenden und hohen, warmen Lagen. Seine Musik lässt sich nicht einordnen, Jazz ist es nicht, Soul auch nicht, er selbst sagt: "Ich habe kein Genre. Ich bin Benjamin. Niemand macht, was ich mache. Wenn Sie mir richtig zuhören, können Sie mich nicht kategorisieren." Manche Stücke erinnern an Filmmusik, weil man dabei gleich eine Szene im Kopf hat. Es sind Songs, zu denen man gut nachts am Fenster stehen und den Mond anheulen kann.

Zu Clementines Musik gesellt sich aber noch seine beeindruckende Geschichte, die in allen Zeitungsberichten über ihn erzählt wird: geboren in London, aufgewachsen bei der katholischen Großmutter im englischen Stevenage, mit zehn Jahren zu den Eltern zurückgezogen – "schlechten Eltern", wie er sagt. Das Klavierspielen brachte er sich selbst bei, indem er Musik von Erik Satie lauschte. Bis heute kann er keine Noten lesen. Mit 16 überwarf er sich mit seinen Eltern und zog aus, arbeitete zwischenzeitlich als Model für Abercrombie & Fitch, um die Miete für sein Zimmer in Camden bezahlen zu können – "Gott, war das schrecklich" –, und beschloss mit 19 von heute auf morgen, mit nichts als einem One-Way-easyJet-Ticket in der Tasche, nach Paris auszuwandern. Warum Paris? "Keine Ahnung", sagt Clementine. "Ich hatte überhaupt keine Vorstellung von Paris." Für das Busticket zum Flughafen reichte sein Geld nicht mehr. "Also habe ich dem Busfahrer erzählt, ich müsste dringend zu meiner kranken Mutter. ›Steig ein, mein Sohn‹, sagte der, und so kam ich nach Paris." Acht Monate habe er dort auf der Straße gelebt, dann sei er ins Hostel gezogen und habe angefangen, in U-Bahn-Stationen zu musizieren. Mit der Zeit kam es zu kleinen Auftritten in Kneipen und Restaurants. Über Freunde von Freunden lernte er irgendwann die richtigen Leute kennen, die ihm wiederum einen Kontakt verschafften, durch den er 2012 beim Filmfestival in Cannes auftreten durfte. In Cannes lernte er den französischen Geschäftsmann Lionel Bensemoun kennen, der ihm half, sein eigenes Musiklabel zu gründen, damit er seine Songs veröffentlichen konnte. Von da an ging es bergauf. "U-Bahn-Musiker jetzt auf dem schnellen Gleis", titelte der San Francisco Chronicle. Die Leute lieben Von-der-Straße-auf-die-Bühnen-der-Welt-Geschichten wie diese. Es ist aber auch eine Story, die Benjamin Clementine nicht mehr loswird, weil sie so märchenhaft klingt. "Kennen Sie diese Fernsehsendungen, in denen die Teilnehmer in den Dschungel gehen, um zu beweisen, dass sie Würmer essen können? Diese Leute sollten mal eine Woche auf der Straße leben und sehen, ob sie das überleben. Das ist keine Dornröschen-Geschichte. Das ist kein Spiel." Er möchte darauf nicht mehr angesprochen werden, alles, was er noch über diese Zeit sagt, ist: "Ich war mitten im Dschungel und versuchte nur zu überleben. Aber das ist leider etwas sehr Normales. Fragen Sie doch mal die Obdachlosen in Deutschland, wie es ihnen so geht."

Benjamin Clementine ist nicht einverstanden mit der Welt. Sein Blick auf sie hat etwas von kindlichem Trotz: 'Ich singe, was ich sage, ich sage, was ich fühle, und ich fühle, was ich spiele.'

Ein paar Wochen später in London. Benjamin Clementine hat zum Interview in sein Studio geladen, das in einer Gegend mit geduckten Backsteinhäusern im Westen der Stadt liegt. Der Manager lässt einen rein, der Musiker ist noch nicht da. Clementine nimmt hier keine Songs auf, sondern nutzt den Raum zum Schreiben und Nachdenken. In der Ecke steht ein Klavier, neben dem Sofa mit buntem Überwurf lehnt eine zusammengeklappte Tischtennisplatte an der Wand. Während man wartet, versucht man, sich den bedächtigen Benjamin Clementine beim Tischtennisspielen vorzustellen. Auf dem Balkon frieren zarte Palmenbäumchen. Clementine erscheint die übliche halbe Stunde später als verabredet und will dann erst mal eine Zigarette rauchen. Er möchte an diesem Tag über seine Musik sprechen, über die Themen, die ihn beschäftigen. Dass er sich auf der Bühne in Berlin für seinen politischen Kommentar entschuldigt hat, war blanke Koketterie. Benjamin Clementine hat viel zu sagen und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Auf Small Talk lässt er sich nicht ein, auch nicht beim Fotoshooting in Berlin, als er, während alle um ihn herumwuseln, erklärt: "Als ich klein war, hat sich niemand um mich gekümmert. Das hat sich mir eingeprägt. Bis heute glaube ich, dass ich ein Niemand bin." Nach Paris ging er, weil er so einsam war, dass er nichts zu verlieren hatte. Vielleicht denkt er das bis heute und ist deshalb so unverblümt. Auf seinem Twitter-Account ist nachzulesen, was er von der britischen Premierministerin hält: "Bei allem Respekt für das britische Volk, Theresa May, Miss Theresa May, ist ein absolutes Arschloch." – "Ich bin ein Poet", sagt Clementine. "Es ist meine Pflicht, mich einzumischen."

Am Tag, an dem Donald Trump als amerikanischer Präsident vereidigt wurde, brachte Clementine mit der britischen Band Gorillaz einen Song heraus. Im dazugehörigen Video sieht man Clementine, der mit seinen bloßen Füßen und dem wehenden langen Mantel sonst immer so aussieht, als wäre er gerade aus dem heißen Wüstenstaub aufgetaucht, in einem goldenen Fahrstuhl fahren und vor einer Videocollage aus Testbild, Ku-Klux-Klan-Zeremonie, SpongeBob und endzeitlichen Horrorfilmausschnitten aus voller Kehle Hallelujah Money schmettern. Das Lied handelt von einem Baum, dessen Früchte von Vogelscheuchen geklaut werden, weshalb sich sein Besitzer entschließt, eine Mauer um den Baum herum zu bauen. Viele haben es als wütenden Kommentar auf Trumps Abschottungspolitik verstanden. Clementine findet das ärgerlich. "Wir leben alle hinter Mauern", erklärt er und ist jetzt richtig aufgebracht. "Wenn wir durch die Straßen laufen, reden wir nicht miteinander, weil wir Mauern um uns herum haben. Wenn wir zu Bett gehen, trennen uns Mauern von unseren Nachbarn. Tatsächlich sind wir Scheinheilige, wenn wir uns darüber aufregen, dass Trump eine Mauer bauen will."

Benjamin Clementine ist nicht einverstanden mit der Welt. Sein Blick auf sie hat auch etwas von kindlichem Trotz. Im Gespräch beantwortet er manche Fragen nicht, sondern lacht einfach laut auf. "Ich bin ein Expressionist", schreibt er auf seiner Website. "Ich singe, was ich sage, ich sage, was ich fühle, und ich fühle, was ich spiele." Und in seinen Songs erklärt er: "Aber weißt du denn nicht, dass Schönheit für immer tötet?", oder: "Das Leben ist, nicht buchstäblich, so kalt wie Grönland", oder: "Behandle andere so, wie du behandelt werden willst. Vergiss nicht, deine Tage sind gezählt." Es sind keine neuen Weisheiten, die er da von sich gibt. Aber es sind Sätze, die zu den Menschen sprechen.

Als ich klein war, hat sich niemand um mich gekümmert. Bis heute glaube ich, dass ich ein Niemand bin.

Benjamin Clementine kann auch lustig sein. Ein Video von einem kleinen Konzert, das er 2013 in der toskanischen Künstlerresidenz Villa Lena gab, zeigt ihn versunken am Klavier. Er grinst manchmal verschmitzt, während er spielt – wie ein Kind, das ein Klavier in einem Zimmer gefunden hat und spontan drauflosklimpert. So ist es ihm wirklich ergangen: "In der Schule gab es im Geschichtsraum ein Klavier", erzählt Clementine. "Eines Tages schlich ich mich hin und fing an zu spielen. Plötzlich kam die Schulleiterin rein und sagte: ›Benjamin, das war sehr schön.‹" Er macht eine Pause und grinst. "Am nächsten Tag war die Tür verschlossen." In der Villa Lena kommt ihm niemand dazwischen. Seine Finger gleiten mühelos über die Tasten, dazu singt er nicht nur, nein, er stößt mit verdrehten Augen volltönende Laute aus, haucht genüsslich Uhs und Ahs, schaut in die Ferne, schließt die Augen. Als am Ende begeistert geklatscht wird, schielt er mit gespieltem Erstaunen ins Publikum – meinen die mich? –, dann strahlt er.

Benjamin Clementine ist auch ein Performer, der um seine Wirkung weiß, darum, wie er die Menschen packen kann. In seinen Musikvideos ist er immer allein. In Condolence läuft er durch eine Steinwüste. In London wacht er auf einem Hausdach auf, im Hintergrund sieht man den Eiffelturm. Er wäscht sich mit einer Flasche Wasser, tippt auf einer Schreibmaschine, zerknüllt Papier, wirft es vom Dach. Am Ende klettert Clementine auf eine goldene Kuppel, es ist das Dach des Pariser Kaufhauses Printemps. Mit seiner Art, sich der Welt zu entziehen, stellt er sich auch über sie. Er sei mysteriös, liest man immer wieder über Clementine. Vielleicht ist es aber ganz anders. Vielleicht ist Clementine einem viel näher, als man glaubt. Seine Musik ist nicht schräg, sondern herzerwärmend. Er wirkt so ratlos, wie wir es alle manchmal sind. Er stellt große Fragen, hat aber keine Antworten. Er singt von universellen Themen, von Einsamkeit und Zurückweisung. Er will geliebt werden. Er scheint sich vorstellen zu können, einmal Vater zu werden: "Ich mochte meine Eltern nie und glaube nicht, dass ich sie jemals mögen werde. Aber vielleicht werde ich, wenn ich irgendwann mein eigenes Kind anschaue, sie in ihm wiedererkennen." Er sei nicht gut in Beziehungen, sagt Benjamin Clementine noch, am liebsten sei er allein. Aber auf die Frage, was an ihm normal sei, antwortet er: "Ich habe wieder angefangen, an die Liebe zu glauben." Abgesehen davon sei er ein ganz normaler Typ. "Oder nicht?"

Hinter der Geschichte:

Trotz drei verschiedener Begegnungen mit Benjamin Clementine war es schwierig, eindeutige Informationen über den Musiker herauszufinden. Manche Quellen besagen etwa, sein Vater sei Englischlehrer. In Wahrheit sei er Arzt, erzählte Clementine der Autorin. Überhaupt sei vieles, was über ihn geschrieben werde, Unsinn. Um Klarheit zu schaffen, arbeite er nun an seiner Autobiografie, sagt Clementine.

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