Ich habe einen Traum: Gael García Bernal

"Dass Väter ihre Babys herumtragen, ist ein Triumph der Menschheit"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 8/2017

Als Donald Trump gewählt wurde, saß ich zu Hause in Buenos Aires vor dem Fernseher. Neben mir schlief meine fünfjährige Tochter. Ich habe fast die ganze Nacht durchgeschaut, bis das Ergebnis feststand. Danach hatte ich das Gefühl: Wir befinden uns am Beginn einer neuen Traumphase. Im Tiefschlaf träumt man wenig, in der REM-Phase viel und wild, und jetzt beginnt ein Klartraum: ein Traum, in dem man sich bewusst ist, dass man träumt – so als schaue man sich beim Träumen zu. Mir ist jedenfalls vieles klarer geworden. Die Menschen, die davon bedroht sind, ihre Arbeit zu verlieren, die keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung haben, die Angst haben – sie entscheiden die Wahlen. Wer sie emotional erreicht, gewinnt. Das kann man auf zwei Wegen tun: Man kann versuchen, ihnen noch mehr Angst zu machen – oder die Angst zu besiegen.

Die Angst besiegen kann nur die Hoffnung. Sie bewegt mehr als Angst. Die Demokraten haben es nicht verstanden, Hoffnung zu wecken. Sie hatten keine Vision, und sie waren heuchlerisch: Sie warben um die Latino-Stimmen, aber Barack Obama hat mehr illegale Einwanderer deportieren lassen als die vorherigen Präsidenten.

Das Erstaunliche an einem Klartraum ist nicht, zwischen regenbogenfarbenen Wolken fliegen zu können, sondern der Moment, in dem du dir selbst dabei zuschaust, wie du schläfst und träumst. Die Parallele dazu ist für mich: zu erkennen, was wir alles schon erreicht haben. Heute ist es normal, Väter zu sehen, die ihre Babys umhertragen. Für mich ist das ein Triumph der Menschheit. Wir Väter sehen es nicht nur als Pflicht an, uns um unsere Kinder zu kümmern, sondern als unser Recht. Es sind kleine politische Errungenschaften, die die Welt besser machen. Von ihnen träume ich, sie inspirieren mich und geben mir Hoffnung.

Albtraumhaft waren für mich die politischen Diskussionen während des US-Wahlkampfs. Da war ernsthaft die Rede von "schlechten Menschen". Das ist nicht mal Kindergartenniveau, finde ich. Was sind gute Menschen und was schlechte? Ich wirke definitiv wie ein schlechter Mensch, wenn ich morgens früh aufstehen muss. Oder die Diskussion über die Krankenversicherung: Da müssten die Linken viel radikaler sein. Wir sollten nicht darüber reden, ob die Gesundheitsversorgung gut ist oder nicht – wir sollten darüber reden, wie wir sie realisieren. Alles andere ist doch keine Option!

Am Morgen nach der Wahl saß ich mit meiner Tochter beim Frühstück. Ich versuchte, ihr zu erklären, was passiert war. "Erinnerst du dich an das Land, in das wir manchmal reisen, wenn ich arbeiten muss?" Sie sagte: "Ja, die USA!" – "Dort ist gestern ein Mann zum Präsidenten gewählt worden, der schlecht über Menschen redet. Der schlecht über uns redet." Sie hörte mir aufmerksam zu und sagte dann: "Wie traurig für uns lateinamerikanische Kinder." Und dann sagte sie noch: "Aber es ist noch viel trauriger für die amerikanischen Kinder." Und das ist wahr.

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