Die großen Fragen der Liebe Wer hat mehr Recht auf Empathie?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 8/2017

Die Frage: Meist klappt es in der Patchworkfamilie von Irene und Holger gut. Irene hat zwei Töchter; Holger einen Sohn. Irene will schon länger zusammenziehen, Holger zögert, hat sich aber bereitgefunden, mit Irene eine Wohnung zu suchen. Momentan ist der Stresspegel hoch; er hat Probleme im Job; sie muss sich um ihre demenzkranke Mutter kümmern. Sie bittet Holger, ein Wochenende lang auf die Kinder aufzupassen. Am Sonntagabend holt sie erschöpft ihre Töchter und sagt: "Wäre doch schön, wenn es hier Betten für uns alle gäbe!" Holger sagt eine Weile nichts; dann stößt er heraus: "Bitte geh!" Irene will wissen, was los ist, erhält aber keine Antwort. Auch am nächsten Morgen will er ihr nichts erklären: Wenn sie es nicht von sich aus wisse, sei ihr nicht zu helfen.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Je mehr Gegenwind wir aushalten müssen, desto mehr Einfühlungsvermögen erwarten wir vom Partner. Holger hat in Irenes Bemerkung einen Vorwurf gehört und fühlt sich schlechtgemacht – als sorge er nicht gut für Irene, die jetzt noch die Kinder einpacken und in ihre Wohnung fahren muss. Dabei hat er doch das ihm Mögliche getan, hat trotz seiner beruflichen Probleme das Wochenende über Kinderdienst geleistet, hat Irene ermöglicht, für ihre Mutter zu sorgen – und plant mit am gemeinsamen Nest! Irene hingegen hat sich nicht als vorwurfsvoll erlebt, sie war Holger dankbar, hat es vielleicht nicht laut gesagt, dazu war sie zu erschöpft – aber sie wird doch noch einen einfachen Wunsch nach mehr Nähe und Bequemlichkeit äußern dürfen! Beide haben recht, und wer sich zuerst entschuldigt, hat gewonnen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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