Das war meine Rettung "Ich habe damals gebetet, dass meine Umsätze zurückgehen"

Erst als Rio Reiser sie dazu ermutigte, traute sich Marianne Rosenberg, eigene Songs zu schreiben. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 8/2017

ZEITmagazin: Frau Rosenberg, Sie flogen schon mit 14 als Sängerin um die Welt. Wie hat Sie das geprägt?

Marianne Rosenberg: Wenn man als junger Mensch so viel und weit reist, öffnet das Türen zu anderen Kulturen und Lebensweisen. Meine Plattenfirma schickte mich auf Festivals nach Rio de Janeiro, nach Sofia, nach Tokio. Dadurch erweiterte sich der Horizont. Und ich habe viele sehr interessante Erfahrungen gemacht.

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Rosenberg: Damals waren Deutsche im Ausland nicht so beliebt wie heute. In manchen Flugzeugen wurde man nicht oder später bedient, wenn man Deutsch sprach. In Rio sollte ich 1970 an einem internationalen Festival teilnehmen. Die Teilnehmer wurden von einer Jury bewertet, in der auch Paul Simon saß. Er sagte, dass er mir keine Punkte gebe, weil ich aus Deutschland komme. Das war natürlich der Hammer, dass er das sagte – mich gab es ja nur, weil mein Vater durch einen glücklichen Zufall Auschwitz überlebt hatte. Sein Vater und seine zehn Geschwister waren von den Nazis umgebracht worden.

ZEITmagazin: Warum haben Sie Paul Simon das nicht gesagt?

Rosenberg: Vielleicht war ich zu schüchtern. Und zu stolz. Ich wollte mich nicht outen, nur damit er für mich stimmt. Später, als ich selbstbewusster war, hätte ich sicher mit ihm diskutiert: Mein Vater war in Auschwitz – und deiner? Abgesehen davon, dass man 1970 überhaupt keine 15-Jährige dafür verantwortlich machen konnte, was die Generation davor getan hatte.

ZEITmagazin: Wenn Sie Aufnahmen von sich als Mädchen sehen, was sehen Sie?

Rosenberg: Ich sehe ein Mädchen, das viel wusste. Über das Menschsein, über Hass, über Liebe. Und ich höre seine wunderschöne Stimme, die einfach so da war. Mit dieser Stimme und meinem Erfolg konnte ich die Lebenssituation meiner Familie verbessern. Das war etwas Wunderbares.

ZEITmagazin: Bedeutete das nicht auch enormen Druck?

Rosenberg: Anfangs nicht. Erst später habe ich die Verantwortung gespürt: Die Eltern haben eine Hypothek aufgenommen, und ich muss hier meinen Job machen. Ich wusste genau, welches meiner Geschwister noch in der Lehre ist oder studiert. Als alle für sich selbst sorgen konnten, habe ich einen Schnitt gemacht.

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Rosenberg: Die Lieder, die ich damals sang und die heute Klassiker sind, wurden von zwei Männern geschrieben, die zehn Jahre älter waren als ich. Ich war immer in der Rolle des jungen Mädchens, das den Mann nicht bekommt, den es will. Aber ich war da rausgewachsen. Ich fühlte mich wie eine Marionette. Jetzt, wo ich das so erzähle, weiß ich, was meine Rettung war – das wird natürlich unglaubwürdig klingen, was ich jetzt sage ...

ZEITmagazin: Ich bin gespannt.

Rosenberg: Ich habe damals gebetet, dass meine Umsätze zurückgehen. Die Industrie lässt dich nur los, wenn du uninteressant wirst. Ich hatte ja noch einen Vertrag. Ich hörte dann auf, gegen die immer gleichen Texte und Songs anzukämpfen, die man für mich schrieb. Ich dachte, wenn ich einfach mache, was die sagen, gehen die Umsätze runter, weil Wiederholung tödlich ist. Dann lassen die mich los. So kam es auch. Damit begann meine Suche nach einer selbstbestimmten Arbeit.

ZEITmagazin: Wie sah diese Suche aus?

Rosenberg: Ich habe viele Leute getroffen. Die Künstlerin Marianne Enzensberger, Max Goldt, Blixa Bargeld, Annette Humpe. Ich wollte wissen: Wo kommen ihre Themen her? Dann hörte ich die Musik von Ton Steine Scherben, und die Texte! Rio Reiser hatte eine wundervolle, direkte Sprache. Ich wollte ihn unbedingt kennenlernen. Er kannte erstaunlicherweise mein gesamtes Repertoire und schätzte mich. Während mir meine Sachen zu der Zeit, na ja, nicht verhasst, aber zumindest peinlich waren.

ZEITmagazin: Haben Sie mit Rio Reiser zusammengearbeitet?

Rosenberg: Er schrieb Texte für mich. Wenn wir ausgingen, habe ich ihm irgendwas erzählt und gesagt, darüber würde ich gern singen. Eines Tages sagte er: So, das machst du jetzt selbst! Du kannst das. Nimm dir eine Kladde, und schreib alles auf, was du siehst, auf Plakaten, an Wänden, in einem Film, alles, was in dir anklingt. Alles. Und dann schreibst du einen Text. Das mache ich heute noch so. Auf meinen beiden jüngsten Alben habe ich fast alle Texte geschrieben. Die hat die Welt zwar nicht gehört, aber man sollte das machen, wo einen die Sehnsucht hinzieht. Erfolg bedeutet für mich, etwas tun zu können, was ich liebe und was sich für mich und mein Publikum authentisch anfühlt. Daher bin ich dankbar für die Anerkennung, die mir nach so vielen Jahren immer noch von meinen Fans entgegengebracht wird.

ZEITmagazin: Wie war es, als Sie das erste Mal einen selbst geschriebenen Song gesungen haben?

Rosenberg: Wunderbar.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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