Detlev Buck: "Der Herrenwitz ist global"

Detlev Buck war Bauer, bevor er Regisseur und Schauspieler wurde und dem Kino viele verschrobene Figuren schenkte. Hier erklärt er, warum es in seinem neuen Film eine Figur wie Donald Trump gibt, was er von seinen Töchtern lernt und warum deutscher Humor das Einzige ist, was Hollywood nicht besser kann. Interview:
ZEITmagazin Nr. 9/2017

Dieses Gespräch liegt in einer Langfassung vor

ZEITmagazin: Herr Buck, darf ich Ihre Hände sehen?

Detlev: Buck: Ja.

ZEITmagazin: Danke, die sehen okay aus. In Ihrem Erstlingsfilm "Erst die Arbeit und dann?" von 1984 spielten Sie sich selbst – mit 21 als Lehrling auf einem Bauernhof. In einer der Anfangsszenen stutzen Sie einen beim Schweinefüttern eingerissenen Daumennagel mit dem Taschenmesser. Ihre Hände sahen im Film damals ziemlich kaputt aus.

Buck: Das hat man als Bauer oft: Bei der Arbeit reißt ein Nagel ein, den musst du dann abschneiden, und man macht ja nicht immer vornehm Maniküre. Ich nehme in dem Film ein Messer, die Sache wird dann ziemlich blutig. Ist mir leider wirklich so passiert.

ZEITmagazin: Wenn Sie jemanden in einer Kneipe oder im Flugzeug kennenlernen, was sagen Sie dann, was Sie beruflich machen?

Buck: Manchmal sage ich: "Ich bin Landwirt." Ich bin ja noch in der Landwirtschaftlichen Krankenkasse. So gesehen bin ich in erster Linie Bauer. Oder ich sage: "Ich bin Regiefuzzi", damit das nicht so glamourös klingt. Oder: "Ich mache Filme." Wenn der andere dann fragt: "Was für Filme?", dann lasse ich das offen, damit ich nicht so viel erzählen muss.

ZEITmagazin: Sie reden wohl wirklich nicht gerne. Haben Sie sich schon mal als Schauspieler vorgestellt?

Buck: "Ich spiel auch", sag ich dann.

ZEITmagazin: Dabei stehen Sie sehr viel öfter vor der Kamera als dahinter, zuletzt in "Mängelexemplar", "Hotel Rock’n’Roll" oder "Ferien", dem Film Ihrer Tochter. Wie würden Sie als Regisseur den Schauspieler Buck charakterisieren?

Buck: Manche sagen ja, der Buck spielt sich immer selber. Nehmen Sie Jeff Bridges – ohne mich jetzt mit dem vergleichen zu wollen. Ob der im Western True Grit spielt oder den Dude in The Big Lebowski, Bridges hat eine bestimmte Art von gleichbleibender Sturheit. Das wäre als Charakterisierung für mich auch nicht ganz verkehrt: gleichbleibende Sturheit.

ZEITmagazin: Und umgekehrt? Angenommen, Sie sind Schauspieler und müssen den Regiestil von Detlev Buck beschreiben. Wie ist dieser Buck so?

Buck: Ich habe den Eindruck, der will nicht so viel quatschen. Man kommt schneller zum Zentrum, wenn man nicht drum herumredet.

ZEITmagazin: Spielen wir uns im Leben selber?

Buck: Nää.

ZEITmagazin: Schauen Sie nicht auch manchmal von außen auf sich und denken: Ich erfülle nur meine Rolle als gleichbleibend sturer Buck?

Buck: Ich betrachte dann eher die gesamte Situation und denke: Oh Gott, diese Szene passt zu dir. Warum hast du das jetzt gemacht? Und dann fällt mir auf, die Szene gab es so ähnlich neulich in einem Drehbuch. Und ich zitiere daraus im wirklichen Leben. Ich verschwinde ansonsten gern in einer Situation, weil ich dann einfach dem Leben zugucke. Ich mag nicht gern im Mittelpunkt stehen, ich mag keine roten Teppiche.

ZEITmagazin: Wie in Ihren Rollen finden sich offensichtlich auch im echten Buck Spuren des stoischen norddeutschen Landwirts.

Buck: Ich glaube, dass ich mit zunehmendem Alter eher so werde. Früher war ich viel nervöser. Ich bin eigentlich sehr nervös. Ich bin überhaupt nicht stoisch, eher überdreht teilweise.

ZEITmagazin: Vom Bauernhof der Eltern über eine Bauernlehre zum Film, das ist ein weiter Weg. Wie konnte das gehen?

Buck: Ich habe mir ja früher schon Geschichten ausgedacht, ich hatte aber nicht mal eine Super-8-Kamera, ich wusste gar nicht, dass es die gibt. Die Schule hat mich dann sehr geprägt, ich habe dort Fotokurse gemacht. In der Schule gab es auch eine Theater-AG. Wir hatten eine sehr junge Schule mit jungen Lehrern.

ZEITmagazin: Sie sind dann durch die Aufnahmeprüfung an der Hamburger Schauspielschule gefallen. Stattdessen haben Sie die Filmförderung überzeugt, Ihren ersten Film zu finanzieren. Wäre so eine Geschichte heute noch denkbar?

Buck: Nee, das Fachgremium hatte den Film eigentlich abgelehnt. Aber dann gab es damals bei der Filmförderung ein Nicht-Filmemacher-Gremium. Die Filmemacher sagten, das kann der nicht, die Nicht-Filmemacher waren nicht so ängstlich. Die entdeckten in dieser Geschichte etwas, ich sag mal, Einzigartiges. Sie sagten: Zumindest weiß der, was er erzählen will, was ja auch schon eine Menge ist. Und deshalb wurde das gefördert, und parallel hab ich ja die Aufnahmeprüfung an der Filmakademie in Berlin gemacht, wo die auch sagten: Irgendwie weiß der zumindest, was er will.

ZEITmagazin: Sie haben die Filmakademie mit einem Sack Kartoffeln bestochen. Warum um alles in der Welt hatten Sie ursprünglich überhaupt diese Bauernlehre begonnen?

Buck: Frag ich mich auch.

ZEITmagazin: Haben Sie die Lehre beendet?

Buck: Ja. Ich mach gern Dinge fertig, auch beim Film. Ich hasse diese schwarzen Löcher, wenn wir da Drehbücher haben, die teilweise zehn Jahre alt sind und nicht vorankommen.

ZEITmagazin: Ihr Vater, der Bauer, fand Ihre Bauernlehre nicht gut.

Buck: Weil er dachte, ich soll es mal besser haben als er. Mein Vater wollte immer was anderes sein. Aber weil sein Vater früh starb, musste er sehr früh in die Fußstapfen des Erstgeborenen treten. Er hatte nicht den Mut, das an den Nagel zu hängen.

ZEITmagazin: Filmemachen fand er aber auch nicht gut.

Buck: Er hat immer gesagt, auf den Zuschauer sei ja noch weniger Verlass als auf das Wetter. Beim Wetter weiß man wenigstens, dass es wieder Sommer wird. Er glaubte, irgendwann würden die Zuschauer meine Filme nicht mehr sehen wollen. Das ist diese Urangst vor dem Immateriellen. Du hast eine Idee, ein Buch, und dann machst du etwas, und dann bekommt es einen Wert, aber erst sehr viel später. Wenn ich mit neuen Storys ankam, sagte mein Vater: "Oh Gott, das endet alles in der Gosse."

ZEITmagazin: Auf die Fragebogen-Frage "Was treibt Sie an?" haben Sie einmal geantwortet: "Dass mein Vater endlich mal sagt: Du warst gut."

Buck: Das treibt doch viele an, dass die Liebe zu den Eltern mal zurückstrahlt. Ich weiß, dass mein Vater es so meint, aber er kann es nicht zum Ausdruck bringen, weil es ihm selber auch versagt blieb.

ZEITmagazin: Durch Buck-Filme ziehen sich gewisse Muster. Es gibt darin zum Beispiel immer starke Frauen, von Ihrem ersten Film bis zum letzten, der neuen Bibi & Tina-Folge. Ist das Zufall?

Buck: Das ist so, weil meine Mutter so war. Meine Mutter war die starke Persönlichkeit in der Familie. Sie hat sich aber immer kleingemacht. Heute kann ich das sehen und stehe mittlerweile zu den starken Frauen. Im Gespräch mit Schauspielerinnen taucht das Thema oft auf. In den siebziger und achtziger Jahren gab es im Film noch sehr starke Frauenfiguren. Heute geht es meistens um Beziehungen. Es gibt unter den Figuren eigentlich keine normalen, starken Frauen.

ZEITmagazin: Ein zweites Leitmotiv in vielen Ihrer Filme ist der Osten. Sie sind aber im Westen sozialisiert?

Buck: Alles, was ich nicht kenne, interessiert mich. Alle wollten nach Amerika zum Austauschstudium, ich wollte eigentlich lieber nach Russland, weil man das nicht kannte. Und dann kam der Mauerfall und der Zusammenbruch der Sowjetunion, und mir war klar, so etwas wird nie wieder passieren zu meinen Lebzeiten. Ich habe in der Schule Russisch gelernt. Ich war schon früher für einen Russischkurs in St. Petersburg gewesen, und plötzlich konnte ich nach Moskau und habe dort Schauspieler gecastet. Die Straßen waren leer, das Weiße Haus brannte.

ZEITmagazin: Sie meinen das Weiße Haus in Moskau, damals Sitz des Obersten Sowjets, das während der Verfassungskrise 1993 fast zerstört wurde. Wen haben Sie gecastet?

Buck: Den Russen für Wir können auch anders. Der war von der Gitis, der Russischen Akademie für Theaterkunst. Der Osten war für mich der neue Wilde Westen, weil er nicht aufgeräumt war. Ich war für Dreharbeiten häufig in Polen, in Russland, in den baltischen Ländern. Dann habe ich für Leander Haußmann Sonnenallee produziert, der Film erinnerte mich auch sehr an zu Hause. Eigentlich war die DDR ja Provinz. Und dieser Stolz auf die Provinz, das war ein zentrales Motiv in Sonnenallee: "Ich war jung, ich war verliebt, und es war die schönste Zeit meines Lebens." Egal in welchem System, man kann mir meine individuelle Freiheit nicht wegnehmen. Das war die Schönheit von Sonnenallee, dem ersten Film mit normalen Geschichten aus der DDR. Dann kam auch noch der Film NVA dazu, über die Absurdität der Nationalen Volksarmee – ein Spielfilm über die einzige Armee, die sich mehr oder weniger in Luft aufgelöst hat. Mit dem wurden wir sogar ins sozialistische Vietnam eingeladen.

ZEITmagazin: Hat man in Vietnam darüber gelacht?

Buck: Es wurde viel gelacht, die kannten das alle, die ganzen Armeeszenen – bis im Kino das Licht anging, dann wurden alle wieder ruhig. Andere Szenen haben sie nicht verstanden. Die Menschen in NVA schmeißen am Ende ihre Uniform weg und laufen aus der Kaserne in ihre Zukunft. Dazu fragte ein Kader: Was für eine Zukunft soll das denn bitte sein? Das fand ich lustig.

ZEITmagazin: Manche Buck-Filme wirken hollywoodartig, "Rubbeldiekatz" etwa sieht streckenweise nach Billy Wilder aus. Oder "Die Vermessung der Welt", die ist als großes Popcorn-Kino angelegt. Einige Ihrer deutschen Kollegen arbeiten in den USA – Tom Tykwer, Roland Emmerich, Wolfgang Petersen, Werner Herzog. Warum Sie nicht?

Buck: Roland, Tom oder Wolfgang bewegen sich im Action-Genre. Meine Filme haben meist mit Humor zu tun, und Humor ist nicht so exportfähig.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren