Debbie Harry und Chris Stein: Blondie

ZEITmagazin: Sind Blondie eine Demokratie? Wer hat das letzte Wort?

Harry: Wir hören einander aufmerksam zu. Es läuft schon einigermaßen demokratisch ab.

Stein: Na ja, ich würde es eher eine demokratische Monarchie nennen.

Harry: Irgendwer muss halt das letzte Wort haben. Und das sind nun mal wir zwei. Wir haben klare Vorstellungen davon, was mit dieser Band geht. Und was nicht.

Stein: Bei der Musik bin ich nicht mehr so diktatorisch wie früher. Bei dem neuen Album Pollinator hatte ehrlich gesagt der Produzent das letzte Wort, weil wir ihm voll vertraut haben. Ich achte heutzutage auf den Stil und das Image von Blondie. Wie eine Blondie-Plattenhülle auszusehen hat, entscheide ich.

ZEITmagazin: Was sagt uns die Illustration des Pollinator-Covers mit einer Biene auf einer Blume über die Band?

Stein: Dass wir alt geworden sind. Es ist das erste Blondie-Cover, auf dem wir nicht mehr abgebildet sind, denn dafür sind wir jetzt einfach nicht mehr herzeigbar genug.

Harry: Echt? Nicht mehr herzeigbar? Danke! Verdammt! Sind wir wenigstens auf der Rückseite zu sehen?

Stein: Sind wir. Viel zu analysieren ist da ansonsten nicht. Wir sind nun mal alt! Ich hoffe vor allem, dass das Cover ein großes und junges Publikum anspricht.

ZEITmagazin: Sie haben das Album in dem New Yorker Studio eingespielt, in dem Ihr alter Weggefährte David Bowie seine letzten Aufnahmen machte. Haben Sie an ihn gedacht, als Sie dort arbeiteten?

Stein: Wir fingen dort kurz nach seinem Tod an, und die Stimmung während der Aufnahmen war sehr gedrückt. Bei allem, was wir machten, dachten wir an ihn. Vermutlich hat es auch unsere Musik beeinflusst.

Harry: Gleichzeitig fühlte man sich privilegiert, noch am Leben zu sein.

Stein: Ich begegnete ihm zum letzten Mal vor vier Jahren, kurz nachdem Lou Reed gestorben war. Wir waren beide schockiert und sprachen nur über Krankheiten, Lous Lebertransplantation und den Tod. Eine seltsame Begegnung.

ZEITmagazin: Was ist eigentlich ein "pollinator"?

Harry: Das war meine Idee. Ich mochte den Klang. Eine Biene ist zum Beispiel ein pollinator. Die saugt die Pollen einer Blume auf und befruchtet damit eine andere. Ich erzählte es Chris, und dem gefiel es auch. Pollinator passt zum Status von Blondie in diesem Jahrtausend. Für das Album haben uns junge Kollegen wie Sia und Charli XCX Songs geschrieben. Als die jünger waren, haben sie Blondie gehört und sich von uns inspirieren lassen. Sie haben sich sozusagen von uns befruchten lassen, und nun befruchten sie uns zurück – mit ihren Ideen.

ZEITmagazin: Über den Ursprung des Bandnamens Blondie zirkulieren viele Versionen. Welche stimmt denn nun?

Harry: Das ist Straßenjargon. "Hey, Blondie!"

Stein: Das haben dir damals immer irgendwelche Typen auf der Straße hinterhergerufen.

Harry: Wir suchten einen neuen Bandnamen. Damals nannten wir uns noch Angel and the Snake. Was nur so mittelgut war.

Stein: Den Namen Angel and the Snake hatten wir zwei Wochen.

Harry: Ich weiß jedenfalls noch genau, wie ich auf Blondie kam. Damals spazierte ich von Little Italy zu unserem Apartment, und plötzlich ging mir auf, dass Blondie der ideale Name für uns wäre. Ich kam aufgeregt ins Apartment gelaufen und rief: Ich habe den perfekten Namen für uns! Dann versuchte ich alle in der Band zu überreden, sich die Haare auch blond zu färben. Ich fand, dass das eine super Idee sei. Die anderen leider nicht.

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Sind gerade die "wir sind alt" -Tage ? Seit gestern lese ich hier ständig Artikel mit diesem Tenor ? Oder habe ich ein Selbstakzeptanzproblem ?

Zwei Anmerkungen: Man kann darüber streiten, "the Tide is high" ein guter Blondie Song ist, mMn übrigens nicht. Nicht streiten kann man darüber, dass er ein Cover ist.

Man kann darüber streiten, ob es ein guter Grund ist, eine Band zu reuniten, weil das Geld knapp ist, bei Blondie bin ich einigermassen sicher, war es das nicht.
Die grossen Blondie Hits, um das nochmal zu sagen, finde ich auch heute noch super (Atomic, Denise, Heart of Glass)