Angst in Deutschland Im Ausnahmezustand

Ein Reporter und ein Fotograf fahren monatelang durch Deutschland. Sie machen Station in Gasthäusern, Grenzorten, Wohnzimmern, führen Interviews, hören Gespräche mit. Ihr Ziel: Verstehen, woher die Angst kommt, die viele Menschen im Land spüren. Von
ZEITmagazin Nr. 11/2017

Im Februar 2016 sitzen mein Freund, der Fotograf Armin Smailovic, und ich in einer Kreuzberger Kneipe beisammen. Es ist schon die Zeit, als sich die Anzeichen zu mehren beginnen wie Schilder, wenn man sich einer Stadt nähert, die Anzeichen für eine große Veränderung. Die Leute in der Kneipe trinken, lachen, sie leben in einem fort, nicht wegzudenken und für den Augenblick unsterblich in ihrer grotesken Vollkommenheit. Wir sitzen da und schauen: Kann alles um uns herum kollabieren, zusammensinken zu einem Kapitel der Geschichte, Assyrer, Kelten, Römer, jetzt auch Deutsche? Wie lange werden wir noch in dem Luxus leben, vom Frieden gelangweilt zu sein?

"Letzte Runde!", ruft der Barkeeper.

Vier Wochen später, am 22. März, kommen bei Anschlägen in Brüssel 35 Menschen ums Leben. WIR SIND IM KRIEG, steht am Morgen danach in der Zeitung, in Buchstaben, so groß wie auf dem Grabstein eines bedeutenden Mannes.

Im Juli werden wir aufbrechen zu einer Reise durch ein Land, das sich verändert. Wir wollen herauszufinden: Sind wir tatsächlich im Krieg? Im Frieden? Oder beides?

Berlin

"Was ist das für eine Reise, die ihr macht?", fragt mein Sohn, fünf Jahre alt, am Tag des Aufbruchs. Er sitzt auf meinem blauen Koffer, als würde er ihn erst freigeben, wenn ihn die Antwort zufriedenstellt, ein skeptischer Zöllner.

"Wir machen eine Reise durch Deutschland", sage ich.

"Das ist weit", sagt mein Sohn, "warum macht ihr denn so eine weite Reise?"

Weil wir Angst haben, müsste ich sagen, um dieses Land und vor diesem Land, und wir wollen wissen, woher sie kommt.

Aber ich will meinem Sohn, fünf Jahre alt, doch keine Angst machen.

Ich wünschte, ich hätte selbst keine Angst.

Ich wünschte, ich wäre er.

"Deutschland hat sich verändert", sage ich also zu ihm, "es ist nicht mehr so, wie es war, als wir so alt waren wie du, und wir wollen wissen, warum das so ist."

"Ist es jetzt schöner oder nicht mehr so schön?", fragt mein Sohn.

"Ich weiß es nicht", sage ich, "wir müssen mal nachschauen."

"Ja", sagt mein Sohn, "schaut mal nach", und erhebt sich von dem blauen Koffer. "Nicht dass es noch jemand kaputt gemacht hat."

Ferch

Am Himmel über dem Schnellrestaurant vermischen sich Schwarz und Weiß zu einem neuartigen Grau.

Ein Land liegt vor uns, durchzogen von 644.000 Kilometern Straße. Ein Land, das eng ist und weit, voll und einsam. Das reich ist und arm, emsig und müde. Sicher und verletzlich, laut und ängstlich, vernünftig und paranoid. Großzügig und missgünstig, gnädig und roh. Gegensätze überlagern einander wie in einer Doppelbelichtung: Ausnahmezustand und Banalität, Krieg und Frieden.

Dresden

Ein Junge steht im Fundbüro und fragt nach dem Turnbeutel, den er im Bus vergessen hat. "In der Linie 94, letzten Dienstag um halb zwei", sagt er, "er ist schwarz mit einem Astronauten vorne drauf."

Der Sachbearbeiter findet den Beutel in einem Regal, füllt ein Formular aus, dann gibt er ihn dem Jungen. "Da hast du aber Glück gehabt", sagt er, "pass schön drauf auf jetzt."

"Ja", sagt der Junge. Er lässt den Kopf hängen, dann schaut er den Sachbearbeiter wieder an, knapp über den Tresen hinweg. Er sagt, er sei elf Jahre alt, aber er ist klein für sein Alter.

"Ist noch was?", fragt der Sachbearbeiter und blättert in einem Kalender.

"Ich war so durcheinander an dem Tag", sagt der Junge. "Bei uns zu Hause ist nämlich eine Bombe explodiert."

"Eine Bombe?", fragt der Sachbearbeiter und blickt über den Brillenrand.

"Ja", sagt der Junge, "ich bin der Sohn des Imams der türkischen Moschee. Bei uns zu Hause ist eine Bombe explodiert, vielleicht haben Sie davon in der Zeitung gelesen. Deswegen war ich so durcheinander und habe meinen Turnbeutel im Bus vergessen. Sonst vergesse ich nie etwas. Das wollte ich Ihnen nur noch sagen. Vielen Dank, auf Wiedersehen."

Berlin

Mein Sohn beginnt zu lesen. Jetzt erinnere ich mich, wie er am Tag nach den Anschlägen in Brüssel im Kiosk vor den Zeitungen stand und die Schlagzeile entzifferte.

"Wir. Sind. Im. Krieg. Warum, Papa?"

"Wir sind nicht im Krieg", sagte ich.

"Es steht aber da", sagte er.

"Hab keine Angst, ich bin ja hier."

"Und wenn du in den Krieg musst?"

"Ich muss nicht in den Krieg."

"Ich habe trotzdem Angst, Papa."

"Hab keine Angst", sagte ich, "ich bin doch da, hab keine Angst, vor nichts und niemandem, wir fahren bald mit der Eisenbahn, Oma und Opa freuen sich schon, es wird dir nichts geschehen, putz nur brav die Zähne, iss dein Obst, sei nett zu den Menschen. Mehr kannst du nicht tun."

Heede

Es ist das Jahr, in dem mein Vater blaue Flecke an den Armen bekommen hat, vom Blutverdünner, den er jetzt nehmen muss. "Wie geht es dir?", frage ich ihn, er lacht wie über einen schlechten Witz.

Die Reise hat uns in mein Elternhaus geführt, wir sitzen am Küchentisch, neben meinem Vater steht ein ausgespültes Senfglas, aus dem er sein Wasser trinkt und am Sonntag ein halbes Bier. Die Singvögel darauf sind ausgeblichen, in einer Schachtel liegen die Tabletten, morgens, mittags, abends, nachts. "Die Pumpe", sagt er, "die Pumpe ist schwach." Und auf der Wachstischdecke versucht ein fernöstlich anmutender Fischer, einen Barsch in den Kescher zu wuchten, immer schon, ohne ihn je zu bezwingen, ein Standbild des Kampfes ums Überleben, morgens, mittags, abends, nachts, wir sind im Krieg, die Pumpe ist schwach.

Mein Vater nennt es nicht: das Herz. Er nennt es: die Pumpe. Als sei es ein Gerät, das den Geist aufgibt, gegen das man noch dreimal schlägt, um zu sehen, ob es nicht doch wieder anspringt, und dann lässt man es sein, "Baujahr siebenunddreißig", sagt er.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren
Der deutsche Leidindex Dachs
#1  —  27. März 2017, 22:54 Uhr

Sowohl der Althistoriker David Engels als auch der Althistoriker Alexander Demandt sind geradezu "entzückt" über die frappierenden Ähnlichkeiten unserer heutigen Jetztzeit mit der langen Agonie des untergehenden Römischen Weltreichs:

http://www.deutschlandfun...
(zum Nachhören)

http://www.faz.net/aktuel...
(zum Lesen).

Pessimistische Untergangsszenarien sind zwar verdammt uncool (cool sind Zuversicht und Zweckoptimismus, "jung sein"), aber leider sind die Argumentationen faktisch überzeugend.
Beide sind ja auch "vom Fach" und wissen, wovon sie reden.
Man vergleiche nur die Fortpflanzungsraten und das Familienleben der "Westler" mit denen der "Nichtwestler".
Die Westler verausgaben sich in einem Mix von Karriere- und Leistungsgesellschaft einerseits und Konsum und Hedonismus andererseits. Das ist nicht nachhaltig. In einigen Jahrzehnten findet das rein biologisch ein Ende. Überleben werden andere Kulturen.

Somit sind die "Ängste" keine individuellen, sondern kollektive; keine konkreten, sondern diffuse; keine deutschen, sondern westliche.