Angst in Deutschland: Im Ausnahmezustand

Ein Reporter und ein Fotograf fahren monatelang durch Deutschland. Sie machen Station in Gasthäusern, Grenzorten, Wohnzimmern, führen Interviews, hören Gespräche mit. Ihr Ziel: Verstehen, woher die Angst kommt, die viele Menschen im Land spüren. Von
ZEITmagazin Nr. 11/2017

Im Februar 2016 sitzen mein Freund, der Fotograf Armin Smailovic, und ich in einer Kreuzberger Kneipe beisammen. Es ist schon die Zeit, als sich die Anzeichen zu mehren beginnen wie Schilder, wenn man sich einer Stadt nähert, die Anzeichen für eine große Veränderung. Die Leute in der Kneipe trinken, lachen, sie leben in einem fort, nicht wegzudenken und für den Augenblick unsterblich in ihrer grotesken Vollkommenheit. Wir sitzen da und schauen: Kann alles um uns herum kollabieren, zusammensinken zu einem Kapitel der Geschichte, Assyrer, Kelten, Römer, jetzt auch Deutsche? Wie lange werden wir noch in dem Luxus leben, vom Frieden gelangweilt zu sein?

"Letzte Runde!", ruft der Barkeeper.

Vier Wochen später, am 22. März, kommen bei Anschlägen in Brüssel 35 Menschen ums Leben. WIR SIND IM KRIEG, steht am Morgen danach in der Zeitung, in Buchstaben, so groß wie auf dem Grabstein eines bedeutenden Mannes.

Im Juli werden wir aufbrechen zu einer Reise durch ein Land, das sich verändert. Wir wollen herauszufinden: Sind wir tatsächlich im Krieg? Im Frieden? Oder beides?

Berlin

"Was ist das für eine Reise, die ihr macht?", fragt mein Sohn, fünf Jahre alt, am Tag des Aufbruchs. Er sitzt auf meinem blauen Koffer, als würde er ihn erst freigeben, wenn ihn die Antwort zufriedenstellt, ein skeptischer Zöllner.

"Wir machen eine Reise durch Deutschland", sage ich.

"Das ist weit", sagt mein Sohn, "warum macht ihr denn so eine weite Reise?"

Weil wir Angst haben, müsste ich sagen, um dieses Land und vor diesem Land, und wir wollen wissen, woher sie kommt.

Aber ich will meinem Sohn, fünf Jahre alt, doch keine Angst machen.

Ich wünschte, ich hätte selbst keine Angst.

Ich wünschte, ich wäre er.

"Deutschland hat sich verändert", sage ich also zu ihm, "es ist nicht mehr so, wie es war, als wir so alt waren wie du, und wir wollen wissen, warum das so ist."

"Ist es jetzt schöner oder nicht mehr so schön?", fragt mein Sohn.

"Ich weiß es nicht", sage ich, "wir müssen mal nachschauen."

"Ja", sagt mein Sohn, "schaut mal nach", und erhebt sich von dem blauen Koffer. "Nicht dass es noch jemand kaputt gemacht hat."

Ferch

Am Himmel über dem Schnellrestaurant vermischen sich Schwarz und Weiß zu einem neuartigen Grau.

Ein Land liegt vor uns, durchzogen von 644.000 Kilometern Straße. Ein Land, das eng ist und weit, voll und einsam. Das reich ist und arm, emsig und müde. Sicher und verletzlich, laut und ängstlich, vernünftig und paranoid. Großzügig und missgünstig, gnädig und roh. Gegensätze überlagern einander wie in einer Doppelbelichtung: Ausnahmezustand und Banalität, Krieg und Frieden.

Dresden

Ein Junge steht im Fundbüro und fragt nach dem Turnbeutel, den er im Bus vergessen hat. "In der Linie 94, letzten Dienstag um halb zwei", sagt er, "er ist schwarz mit einem Astronauten vorne drauf."

Der Sachbearbeiter findet den Beutel in einem Regal, füllt ein Formular aus, dann gibt er ihn dem Jungen. "Da hast du aber Glück gehabt", sagt er, "pass schön drauf auf jetzt."

"Ja", sagt der Junge. Er lässt den Kopf hängen, dann schaut er den Sachbearbeiter wieder an, knapp über den Tresen hinweg. Er sagt, er sei elf Jahre alt, aber er ist klein für sein Alter.

"Ist noch was?", fragt der Sachbearbeiter und blättert in einem Kalender.

"Ich war so durcheinander an dem Tag", sagt der Junge. "Bei uns zu Hause ist nämlich eine Bombe explodiert."

"Eine Bombe?", fragt der Sachbearbeiter und blickt über den Brillenrand.

"Ja", sagt der Junge, "ich bin der Sohn des Imams der türkischen Moschee. Bei uns zu Hause ist eine Bombe explodiert, vielleicht haben Sie davon in der Zeitung gelesen. Deswegen war ich so durcheinander und habe meinen Turnbeutel im Bus vergessen. Sonst vergesse ich nie etwas. Das wollte ich Ihnen nur noch sagen. Vielen Dank, auf Wiedersehen."

Berlin

Mein Sohn beginnt zu lesen. Jetzt erinnere ich mich, wie er am Tag nach den Anschlägen in Brüssel im Kiosk vor den Zeitungen stand und die Schlagzeile entzifferte.

"Wir. Sind. Im. Krieg. Warum, Papa?"

"Wir sind nicht im Krieg", sagte ich.

"Es steht aber da", sagte er.

"Hab keine Angst, ich bin ja hier."

"Und wenn du in den Krieg musst?"

"Ich muss nicht in den Krieg."

"Ich habe trotzdem Angst, Papa."

"Hab keine Angst", sagte ich, "ich bin doch da, hab keine Angst, vor nichts und niemandem, wir fahren bald mit der Eisenbahn, Oma und Opa freuen sich schon, es wird dir nichts geschehen, putz nur brav die Zähne, iss dein Obst, sei nett zu den Menschen. Mehr kannst du nicht tun."

Heede

Es ist das Jahr, in dem mein Vater blaue Flecke an den Armen bekommen hat, vom Blutverdünner, den er jetzt nehmen muss. "Wie geht es dir?", frage ich ihn, er lacht wie über einen schlechten Witz.

Die Reise hat uns in mein Elternhaus geführt, wir sitzen am Küchentisch, neben meinem Vater steht ein ausgespültes Senfglas, aus dem er sein Wasser trinkt und am Sonntag ein halbes Bier. Die Singvögel darauf sind ausgeblichen, in einer Schachtel liegen die Tabletten, morgens, mittags, abends, nachts. "Die Pumpe", sagt er, "die Pumpe ist schwach." Und auf der Wachstischdecke versucht ein fernöstlich anmutender Fischer, einen Barsch in den Kescher zu wuchten, immer schon, ohne ihn je zu bezwingen, ein Standbild des Kampfes ums Überleben, morgens, mittags, abends, nachts, wir sind im Krieg, die Pumpe ist schwach.

Mein Vater nennt es nicht: das Herz. Er nennt es: die Pumpe. Als sei es ein Gerät, das den Geist aufgibt, gegen das man noch dreimal schlägt, um zu sehen, ob es nicht doch wieder anspringt, und dann lässt man es sein, "Baujahr siebenunddreißig", sagt er.

Seine Pumpe ist schwach, das steht nicht in der Zeitung, wir sind im Krieg, das schon, an einem Morgen des Jahres, in dessen Verlauf seine Arme schließlich ganz blau werden und mich diese Angst befällt, die die ganze Zeit lauert, die Angst, dass mein Vater stirbt.

Sie hat auf mich gewartet, sie war schon da, bevor es mich überhaupt gab. Unser beider Leben lang. Seit einem Morgen im April 1945, an dem mein Vater, acht Jahre alt, in seinem Bett liegt, die Kleider vom Tag zuvor noch am Körper, die Knickerbocker, das schmutzige Hemd, in einem Luftschutzkeller, er die Augen aufschlägt und um ihn herum niemand mehr ist.

"Hattest du Angst?", frage ich ihn, am Küchentisch sitzend. "Nein", sagt er, "ich war doch noch so klein. Ich erzähl dir noch mal, wie das war." Und dann erzählt er wieder die Geschichte von jenem Morgen im April 1945, die seine ist und meine.

Sein Vater, den er kaum kennt, ist an der Front im Westen, aber was ist die Front, und was ist der Westen? Zum Hof hin hat das Haus nur ein Fenster, gerade groß genug für sein kleines Gesicht. Er muss auf den Schemel steigen, wenn er sehen will, dass der Vater auch heute nicht heimkehren wird. Was ist der Westen? Was ist die Front?

Da, dahinten muss er sein, der Krieg, der Westen, der Vater, die zusammengewachsen sind zu einer unheilvollen Himmelsrichtung, in der die Sonne untergeht. Da, hinter der Fichte, die sandige Landstraße zum Onkel entlang und noch viel weiter, doch was geht dahinter vor sich, die Häuser ducken sich vor den Schlägen weg, die Wolken sind dunkler als sonst, geht die Sonne überhaupt wieder auf? Und wo ist die Mutter, wo ist die Schürze, an die er sich drücken kann? Wo ist der Vater, der Mann auf dem Bild an der Wand, der an der Kamera vorbeischaut, als sähe er seinen Tod? Wer ist er, warum macht er mit bei diesem Krieg? Und wer sind die Männer in den Flugzeugen, die in der Nacht Bomben werfen auf die Stadt, das Haus, den Luftschutzkeller und das Bett, in dem er liegt, der Junge in den Knickerbockern und dem schmutzigen Hemd, ein Junge, acht Jahre alt? Wo ist die Mutter jetzt, wo ist der Vater? Sind sie tot, oder ist er es? Wozu gibt es Schlaf? Damit er aufwacht und denkt, er habe den Tod überlebt? "Ich wusste nicht", sagt er zu mir, "ob es gut war oder schlecht, dass es so still war."

Er nimmt einen Schluck Wasser aus dem ausgespülten Senfglas, er wischt sich den Mund mit dem Handrücken ab. "Wollen wir eine Pause machen?", frage ich. "Geht schon", sagt er. "Geht schon."

Die Amerikaner, sie suchen nach versprengten Feinden, in den Ruinen, in den Kellern darunter, die Stadt will nicht kapitulieren, der Volksempfänger tönt noch, von der unermesslichen Geduld des Wahnsinns erfüllt. Der "Führer" tötet sich übermorgen, es dauert nur mehr Tage, bis sie die Büste aus Holz mit Äxten zerschlagen und sie verfeuern, doch jetzt steht am Treppenabgang ein amerikanischer Soldat, das Gewehr im Anschlag, ein Geräusch des kleinen Jungen, acht Jahre alt, ein Bröckchen nur des Putzes, der auf seine Decke gerieselt ist in der Bombennacht, muss herabfallen, und der Soldat schießt ins Dunkel, "ratta-tatta-tatt", sagt mein Vater, und dann bist du tot, denke ich, ich werde nie leben, ich bleibe tot, und dann hätte ich überhaupt keine Angst jetzt, ist das nicht verrückt? Tot wie die Nachbarn, die mein kleiner Vater gesehen hat, nach der einen Bombennacht, sie hatten doch gestern noch gegrüßt, jetzt lagen sie auf der Straße, "zu Puppen geschmolzen", sagt er.

"Wie hast du das ausgehalten? Hattest du wirklich keine Angst?"

"Nein", sagt mein Vater, "ich war noch so klein, die Angst, die kam erst viel später, ich wusste doch nichts."

Seine Mutter, die sich auch Jahre danach noch fürchten wird vor dem Lärm, wenn der Trecker die Walze von den Feldern zieht, die sich vor dem Einschlafen fürchtet, vor dem Aufwachen, vor dem Leben und vor dem Tod, da ist sie ja endlich, sie ist nach oben gelaufen, ans Licht, die schweigende Mutter, jetzt muss sie sprechen. Sie versucht, den Soldaten, der sein Gewehr ins Dunkel hält, vom Schießen abzuhalten, "schießen Sie nicht", ruft sie in den Keller hinein, "bitte, schießen Sie nicht, ein kleiner Junge ist dort unten!"

Bitte schießen Sie nicht, denke ich, mein Vater ist dort unten, er liegt in seinem Bett, ein Bröckchen nur des Putzes, ein Laut nur, mach ja keinen Mucks.

Der Soldat hat sein Gewehr sinken lassen, er hat nicht auf ihn geschossen, auf den Jungen, acht Jahre alt. Da kommt er die Treppe heraufgelaufen aus dem Dunkel, er drückt sich an die Schürze der Mutter, wer war der Mann mit dem Schießgewehr, wo ist der Vater, wann kommt er wieder heim, was ist der Westen, wann besuchen wir den Onkel, warum sind die Wolken dunkler als sonst?

Und was ist das denn eigentlich: KRIEG?

Barssel

Im Schatten vor dem Sonnenstudio steht ein blasser Mann und wartet auf Kundschaft. Ein Gewitter zieht herauf, Krähen fliegen über den Ortskern hinweg, es ist so warm, dass das rote Licht der Ampel kalt scheint.

Beim Griechen an der Durchgangsstraße gibt es einen beleuchteten Brunnen, in dessen Mitte ein tönerner Frosch sitzt und lächelt, als wüsste er mehr als wir.

Der ehemalige Kriegsreporter, ein Mann um die sechzig mit der würdevollen Gemächlichkeit eines Großbauern, soll etwas vom Krieg erzählen, in Jugoslawien, Somalia, dem Irak, was heißt es denn, wenn jetzt in der Zeitung steht, wir sind im Krieg, aber er bestellt lieber einen Schnaps und dann noch zwei.

Mein Freund, der Fotograf, war mit ihm im Einsatz, vor einem halben Leben, er traf ihn in einem Hotel in Zagreb, "komm mit", sagte er, "wir fahren an die Front, ich brauche Bilder". Nach einer Woche war ihr Auto von Kugeln durchsiebt. Den Soldaten an den Grenzposten erzählten sie Witze, um nicht erschossen zu werden.

"Haben wir das wirklich erlebt?", fragt mein Freund.

"Ich fürchte, ja", sagt der ehemalige Kriegsreporter.

Seit langer Zeit schon gibt er in der Gemeinde ein Anzeigenblatt heraus, er bewohnt einen Bungalow mit Garten, zu viel Garten, "wer soll denn jetzt den ganzen Rasen mähen?", sagt er, und über den Krieg, "diese Scheiße", will er überhaupt nicht mehr reden.

"Ich will meine Ruhe, erzählt mir lieber was von euch."

"Einmal", sagt er nach dem dritten Schnaps, "in Sarajevo, auf dem Marktplatz, das muss man sich mal vorstellen, hat es nach Tagen des Hungers wieder Brot gegeben, die Menschen sind auf den Marktplatz gerannt, dann sind die Granaten eingeschlagen, swusch, swusch, swusch. Als sich der Staub gelegt hatte, waren überall Hirnmasse, Gedärme und Blut, und über den Marktplatz lief ein Franzose, in blauem Anzug und mit Strohhut, als sei das die Côte d’Azur, dabei war es die Hölle."

Die Beleuchtung des Brunnens erlischt, der tönerne Frosch lächelt im Dunkel weiter, der ehemalige Kriegsreporter zahlt die Rechnung. "Als ich hierherkam", sagt er, "sollte ich in den Schützenverein eintreten, aber ich habe den Brüdern geantwortet: Ich habe die Schnauze voll von Waffen, ich habe drei Kriege überlebt."

Das Gewitter grollt in der Ferne, der blasse Mann leuchtet vor den Wolken wie eine elektrische Grabkerze, er schließt das Sonnenstudio ab und geht nach Hause.

Hamburg

"Die Leute decken sich ein", sagt der Waffenhändler, "sie kaufen Munition auf Vorrat. Bald ist es hier wie in Amerika."

An der Wand hängen zwölf ausgestopfte Tiere, der ehrwürdige Elch kann seinen Tod noch immer nicht fassen, und der Teppich schluckt das Geräusch der heimlichen Schritte. Es gibt fast 30 Millionen Waffen in Deutschland, sie liegen im Nachtkasten, unter den dicken Pullovern im Schrank, im Kofferraum, in metallischer Vorfreude.

"Es ist gut fürs Geschäft", sagt der Waffenhändler, "aber es macht mir Angst."

Heede

"Woher kennst du das Geräusch?", frage ich meinen Vater. "Wenn er doch nicht geschossen hat, der Soldat mit dem Gewehr: ratta-tatta-tatt."

"Aus den Träumen", sagt mein Vater. "Da schießt er jedes Mal."

Hamburg

Im belebten Straßenlokal hält ein Junge sich an seinem Glas fest, als wäre es ein Griff, der ihn sichert, wenn er fällt. "Ich habe so viel Angst gehabt in meinem Leben." Seine Stimme klingt so zart und so schief wie eine verzogene Flöte. "Zu viel Angst."

"Ich war 13 Jahre alt", sagt er, "als ich Afghanistan verließ. Ich wollte nicht fort von zu Hause, ich wollte bei meiner Mutter bleiben. Ich weinte, aber sie sagte: Geh nach Europa. Heute glaube ich, sie wusste gar nicht, was das ist: Europa."

"Sie hatte Land verkauft, um die Schlepper zu bezahlen. Wir liefen durch die Wüste in den Iran, wenn ich nicht mehr konnte, wurde ich geschlagen. Die anderen sagten, lasst ihn, er ist doch noch so klein. Aber die Schlepper hatten kein Mitleid. Einmal, in den Bergen, wäre ich beinah verdurstet. Vom Iran wurden wir in die Türkei gefahren, 36 Menschen in einem Kleinbus. Ich lag ganz unten, unter den anderen, wo kein Sauerstoff mehr war. Da wäre ich fast erstickt."

"Haben Sie noch einen Wunsch?", fragt die Kellnerin. "Nein", sagt der Junge und hält sich weiter an dem Glas fest, aus dem er noch nichts getrunken hat.

"Von der Türkei wollten wir weiter nach Griechenland", sagt er. "Da gab es einen anderen Schlepper, der hatte eine Tüte dabei, aus der er ein Gummiboot und eine Pumpe holte. Ich begann zu weinen, als ich das sah, ich konnte doch nicht schwimmen. Der Schlepper hielt mir ein Messer an den Hals und sagte, entweder du steigst ein, oder du stirbst hier."

Er schaut auf das Glas vor sich und auf die Hand, die es umklammert.

"Wir waren zwei Tage auf dem Wasser."

Weiden

Eine Frau und ihr Hund sitzen vor dem Gasthaus, auf der Terrasse am Parkplatz, beide haben einen Teller abgenagter Knochen vor sich, sie warten auf den Abend, die Nachtruhe, darauf, dass wieder ein Tag vorbei ist und ein anderer kommt. Der Hund ist bedrückt, weil die Frau es ist.

"Angst und Geld haben wir noch nie gehabt", sagt sie, "das ist ein altes Sprichwort bei uns. Geld haben wir immer noch nicht. Aber Angst, die haben wir jetzt."

Sie streichelt ihren Hund.

"Die Ausländer haben sich verdoppelt. Und wir verschwinden. Gell, Charly?"

Und Charly macht Männchen.

Kiefersfelden

Am Grenzübergang nach Österreich stehen drei Polizisten vor einem weißen Zelt und spähen gen Süden. Von dort kommt der Terror, von dort kommt die Not: das Fremde, die Angst.

"Grenzen schützen" stand auf einem Plakat, "Grenzen töten" auf einem anderen, ich weiß nicht mehr, wo.

In der Raststätte sitzt ein Lastwagenfahrer vor dem Spielautomaten. Dank moderner Technik ruft ihn jetzt auch, wenn er unterwegs ist, niemand an.

Am Abend flammen im Zelt die Scheinwerfer auf. Der Asphalt liegt nun da wie ein leerer Gabentisch. Heute ist niemand gekommen, nichts, kein Terror, keine Not. Ein Schleierfahnder streichelt sein Einsatzfahrzeug, als Dank für die Geduld.

Barssel

Vor dem alten Hotel stehen am Morgen junge Männer aus Syrien, die nicht wissen, wohin, Boten des Wandels, sie kommen von weit her und sagen, ohne zu sprechen: Es hat längst schon begonnen, ihr könnt es nicht aufhalten, es tut uns leid.

Eine Greisin zieht ihren leeren Handwagen hinter sich her, sie blickt auf die Fremden und schüttelt den Kopf: neee, neee, neee. Die jungen Männer, sie heben die Hände, als wollten sie zeigen, dass sie keine Waffen tragen.

"Heimat ist das Einzige, was man überallhin mitnehmen kann", steht im Faltblatt eines örtlichen Geldinstituts. Es weht ein heißer Wind durch die Gasse beim Metzger, Ausläufer eines weit entfernten Sturms.

Hamburg

"Nach der Fahrt über das Meer", sagt der afghanische Junge im Straßenlokal, "erwachte ich in einem Wald. Ich hörte Tiere und dachte, sie werden mich fressen. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte, ich konnte die Sonne nicht sehen."

"Ich lief und lief, vielleicht hundert Kilometer, meine Füße bluteten. In einem Dorf wurde ich ins Gefängnis geworfen. Dort schlief ich drei Tage lang und träumte, ich bin wieder zu Hause in Afghanistan, bei meiner Mutter, und es herrscht Frieden."

"Als ich freigelassen wurde, bekam ich eine Zugfahrkarte nach Athen. Ich lebte vier Monate in einem Park, da waren noch viele andere Kinder von weit her. Manchmal kam ein Wagen und brachte uns etwas zu essen. Manchmal kam ein Wagen und brachte uns ins Gefängnis."

"Ich war in Europa. Es kam mir vor wie die Hölle."

"Ein Junge, der ein bisschen älter war als ich, sagte, wir müssen nach Italien. Wir liefen zum Hafen und legten uns auf die Achse eines Lastwagens, der auf ein Schiff fuhr. Wir blieben anderthalb Tage auf der Achse liegen, dann wurden wir von dem Schiff ausgespuckt, irgendwo in Italien."

"Ein Mädchen sah uns und erschrak, weil wir so schwarz waren vom Ruß."

"Wir fuhren mit dem Zug nach Mailand, dort verlor ich den anderen Jungen aus den Augen. Eine Frau fragte mich, wohin ich will. Ich sagte, ich will nach Frankreich. Willst du nach Paris?, fragte sie. Aber ich wusste nicht, was das ist: Paris. Sie gab mir Geld für eine Fahrkarte. In Paris, sagte sie, sind viele Afghanen, die helfen dir."

Wenn man den Jungen fragt, wie lange er sich an einem Ort aufhielt, wie lange es dauerte, an den nächsten zu gelangen, und wer ihm dabei half, erzählt er mühsam, als würde er die Bruchstücke eines Fiebertraums wieder zusammensetzen. Die Städte und die Menschen, die er in den ersten Wochen sah, stellten sich ihm entgegen als eine einzige flirrende Fremde, deren Ländernamen er nicht kennt.

"In Paris traf ich einen Jungen, der sagte, komm, wir fahren nach Norwegen. In Oslo war es kalt, und niemand half mir. Ich wollte weiter, ich wusste nicht, dass es nördlich von Norwegen kein Land mehr gibt. Ich kam in ein Heim und blieb dort für ein Jahr."

"Eines Tages kam der afghanische Präsident nach Norwegen und sagte, sein Land ist wieder sicher. Ich hörte davon im Radio. Da bekam ich Angst, dass ich zurückgeschickt werde. Jede Nacht dachte ich, die Polizei kommt und nimmt mich mit. Ich stieg in den Zug und fuhr nach Hamburg."

"Hier schlief ich auf der Straße, es war Februar. Ich sah die deutschen Jungen und dachte, sie haben ein Herz wie ich, sie haben zwei Hände wie ich, warum kann ich nicht leben wie sie? Wohin soll ich gehen? Was passiert mit mir?"

"Ich wog nur noch 50 Kilogramm. Manchmal dachte ich, es wäre besser, wenn ich sterbe."

Heede

"Und dann erst der Hunger, der war ja noch viel schlimmer", sagt mein Vater, am Küchentisch sitzend, "der ständige Hunger. Wir haben Gürtel ausgekocht, wir haben Fliegen gefressen, mein Bauch war ganz dick vom Hunger, zum Glück ist die Scheiße vorbei."

Sein treuer Hund liegt neben ihm, der so dick ist, weil er niemals hungern soll.

Mein Vater erschrickt noch immer, wenn die freiwillige Feuerwehr am Samstagmorgen den Probealarm auslöst, wuuuuuu, wuuuuuu, wuuuuuu, "es klingt genauso wie damals, als die Flugzeuge kamen", sagt er.

"Willst du dann wieder losrennen?", frage ich.

"Nein", sagt er, "ich kann das doch gar nicht mehr, ich kann einfach nicht mehr, die Pumpe, die Pumpe ist schwach."

"Hast du Angst, dass es wieder Krieg gibt?"

"Pass auf deine Kinder auf", sagt mein Vater, "man weiß ja nie."

Berlin

Es ist der Tag, an dem die Vereinigten Staaten von Amerika einen neuen Präsidenten gewählt haben. Es ist so still im Bus der Linie 29, als führe er zu einer Trauerfeier. Ein kleines Mädchen spricht, ehrfürchtig vor dieser Stimmung, die Silben verschluckend, zu seiner Mutter hoch.

"Ich finde den neuen Präsidenten doof", sagt es. "Der will eine Mauer bauen, das habe ich auf dem Pausenhof gehört, und wenn Leute darüberklettern, will er sie totschießen."

Seinen Namen spricht das Mädchen "Tu-wamp" aus, es klingt wie das Geräusch eines Vogels, der auf dem Boden aufschlägt, weil er zu schwer zum Fliegen ist.

In der Pflügerstraße steigt, mit der Trittsicherheit eines Mondsüchtigen, ein Mann zu. Er wendet den Blick nicht ab von seiner Bibel: Er liest leise aus der Offenbarung.

Dresden

Der Sohn des Imams zeigt uns eine Kopie des Briefes, den seine Familie am Tag nach dem Bombenanschlag erhielt: "Nur ein toter Moslem", steht darin, "ist ein guter Moslem."

"Ich habe Angst, dass das noch einmal passiert", sagt er. "Ich habe auch Angst, dass ich in der Schule verprügelt werde. Meine Mitschüler sagen, ich soll weggehen aus Dresden, zurück in die Türkei. Aber ich kann nicht weggehen, mein Vater arbeitet hier."

Er zeigt einen zweiten Brief: "Ihr werdet alle vergast."

"Sie kommen doch aus Berlin", sagt er zum Abschied zu uns, "ist es da sicherer als in Dresden? Kann mein Vater da nicht arbeiten?"

Verlorenwasser

"Erzähl mir was", sagt mein Freund, der Fotograf, als die Autobahn sich entrollt wie ein endloses graues Band. "Woran denkst du?"

"Ich denke an einen Sonntag im Frühling", sage ich, "es ist lange her, da blieb im Haus des Pastors die alte Katze beim Sprung durch den Fensterrahmen hängen und brach sich das Rückgrat. Die Kinder rannten in die Kirche."

"Die Katze stirbt, schrie der Sohn in die Predigt hinein. Vorne lebt sie noch, hinten ist sie schon tot."

Fuchstobel

Der Geschwindigkeitsmesser am Ortseingang zeigt ein trauriges Mondgesicht. Die Häuser, die Bäume, die Schilder: Die Bürger haben alles nach Farben sortiert. Sie haben auch versucht, das Hakenkreuz vom Holz an der Bushaltestelle abzuschrubben. Es ist jetzt hell und nicht mehr schwarz.

Hamburg

Der alte Mann sitzt in einem dunklen Zimmer, das Fenster geht zum Garten hinaus und ist von Kletterpflanzen verhangen. Seine Augen aber sind erhellt von einem Licht, das wir nicht sehen. Er arbeitet noch immer als Architekt. Räume zu gestalten, offene, freie Räume, sagt er, das sei sein Traum gewesen seit der Kindheit, in der er sich verstecken musste.

"Meine Eltern gaben mich fort, als ich fünf Jahre alt war", sagt er. "Dann, am Vorabend ihrer Deportation, nahmen sie Schlafmittel, legten sich an den Elbstrand, und das Wasser nahm sie mit."

"Sie hatten oft von Suizid gesprochen. Sie waren Juden und befanden sich in großer Gefahr, die täglich wuchs. Ich wusste, dass sie Angst hatten, aber ich wusste nicht, wovor. Es war unbegreiflich für mich als kleinen Jungen. Ich verstand auch nicht, warum die anderen Kinder begannen, mich zu beschimpfen und mit Dreck zu bewerfen."

"Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins ist bis heute geblieben, meine Kinderangst, ich kann sie wachrufen. Ich weiß genau, wie die Kinder sich fühlen, die jetzt, 75 Jahre später, fliehen müssen vor einer Gefahr, die sie nicht begreifen können."

"Meine Eltern hatten mich, bevor sie starben, zu einem Wanderpreis gemacht. Ich verbrachte diese finsteren Jahre bei Menschen, die mich versteckt hielten und dadurch ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten."

"Zunächst gelangte ich nach Potsdam, dann zurück nach Hamburg, ich lebte in fünf oder sechs Haushalten, manchmal nur für kurze Zeit, manchmal länger, bei Pflegeeltern etwa, bei einer alten Frau, die für mich wie eine Großmutter war, und bei Obstbauern im Alten Land. Ich erinnere mich nur ungenau an Einzelheiten, aber sehr gut an das Gefühl, auf einer bedrückenden Reise zu sein, deren Ziel mir unbekannt war."

"Was aus meinen Eltern geworden war, wusste ich nicht. Nicht einmal, dass ich Jude war. Die Gefahr, dass ich mich selbst verrate, war zu groß. Ich erfuhr es erst nach dem Krieg. Den Grund für die Angst."

"Ich habe überlebt, als Einziger meiner Sippe. Noch heute steht in meiner Wohnung Fluchtgepäck bereit, ein Koffer, den ich nur greifen muss, um das Land zu verlassen. Dieser Koffer ist ein Rudiment meiner Kinderangst. Ein Erbe meiner selbst."

Vor dem Fenster des dunklen Zimmers, in dem der alte Mann sitzt, spielen die Kinder im Garten. Die Sonne scheint. Neben dem Schreibtisch steht der Koffer.

Hamburg

Der afghanische Junge ist von einer Deutschen adoptiert worden, er ist jetzt 18 Jahre alt, geht zur Schule und möchte Krankenpfleger werden.

"Ich dachte, ich bin hier in Sicherheit", sagt er. "Aber jetzt ist das nicht mehr so. Die Leute gucken mich an, sie sehen meine schwarzen Haare und haben Angst vor mir. Sie sind wütend auf mich, weil sie denken, ich bin ein Terrorist. Aber ich bin keiner. Ich bin doch vor den Terroristen geflohen."

Er buchstabiert seinen Nachnamen, der jetzt deutsch ist, wie einer, der vor den Richter gezerrt wurde.

"Die Menschen, die in den Krieg ziehen wollen", sagt er, "die wissen doch gar nicht, was das ist: Krieg. Sie schauen sich Gewaltfilme an und bekommen heißes Blut. Ich weiß, was Krieg ist."

"Wissen Sie", sagt er, "warum ich meine Heimat verlassen musste? Die Taliban wollten mir eine Sprengstoffweste anziehen. Sie wollten, dass ich explodiere."

Norddeich

"Jetzt stell dir mal vor", sagt ein Großvater zu seiner Enkelin, auf der Fähre zur Urlaubsinsel, im Salon an Tisch acht, "hier ist ein Muselmann an Bord mit einer Bombe im Koffer." Dann beißt er in sein Butterbrot. Das Mädchen schaut ihn an, aus Augen wie vernagelten Fenstern.

Heede

"Tausend Wunden wollen die Terroristen uns zufügen", sagt mein Vater, "die wissen wohl nicht, wie kaputt ich sowieso schon bin. Aber die Kleinen", sagt er. "Pass auf deine Kinder auf, Junge, pass auf."

"Die Anführer sollen in einem Staudamm sitzen, im Irak, wenn man den sprengt, ersaufen Zehntausende", sagt mein Vater, "deswegen können die da sitzen und ihre Leute losschicken, mit Rucksäcken und Äxten und Lastwagen, die feigen Hunde." Er holt jetzt den Atlas, der im alten Schrank neben den Fotoalben steht, "wo ist Mossul, wo ist Ansbach, was geht mich diese Scheiße an?", sagt er. Seit wann ist die Welt so groß und mein Vater so klein?

"War was in den Nachrichten?", fragt meine Mutter.

"Wir sind im Krieg", sagt mein Vater. "Und morgen soll es regnen."

Berlin

644.000 Kilometer Straße enden vor dem Haus, in dem ich wohne, es ist ein später Abend Anfang November. Wir sind vier Monate lang durch das Land gereist, in drei Etappen. "Ist es jetzt schöner oder nicht mehr so schön?", hat mein Sohn gefragt.

Ich wundere mich für einen Augenblick, dass das Haus noch dasteht und wie es dasteht, so hoch und stolz über den Gleisen. Müsste es sich nicht ducken? Es kommt mir überheblich vor.

Ich stelle den blauen Koffer im Flur ab und denke an den Koffer des alten Mannes, der neben seinem Schreibtisch steht, den er nur greifen muss, um das Land zu verlassen. Papiere, Seife, eine Zahnbürste und Geld. Ein Erbe seiner selbst.

Ich denke auch an den Turnbeutel, den der Sohn des Imams im Bus vergaß, in der Linie 94, an einem Dienstag um halb zwei. "Ich war so durcheinander an dem Tag", sagte er im Fundamt, "bei uns zu Hause ist nämlich eine Bombe explodiert."

Ob es in Berlin sicherer sei als in Dresden, wollte er wissen, als gäbe es eine Front und ein Hinterland.

Sind wir im Krieg? Das nicht. Aber der Frieden ist grausam.

Die Redaktion hat die in diesem Beitrag genannten Fakten im Februar 2019 überprüft und folgende Korrekturen vorgenommen: Die Einstiegspassage des Textes wurde geändert, weil darin einige Details nicht korrekt wiedergegeben wurden; die ursprüngliche Version des Textes enthielt einen Abschnitt über den Ort Simbach, dieser wurde wegen einiger Recherchefehler entfernt; eine Zeitungsschlagzeile wurde aus dem Absatz zum Ort Barssel gestrichen.

Das multimediale Projekt erscheint auch auf ZEIT ONLINE. Aus der Reise ist zudem ein Buch entstanden, "Atlas der Angst", gestaltet von Mirko Borsche, Creative Director des ZEITmagazins. Es erscheint am 16. März im Eichborn Verlag. Das gleichnamige Theaterstück feiert am 22. April am Hamburger Thalia Theater Premiere.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren
Der deutsche Leidindex Dachs
#1  —  27. März 2017, 22:54 Uhr

Sowohl der Althistoriker David Engels als auch der Althistoriker Alexander Demandt sind geradezu "entzückt" über die frappierenden Ähnlichkeiten unserer heutigen Jetztzeit mit der langen Agonie des untergehenden Römischen Weltreichs:

http://www.deutschlandfun...
(zum Nachhören)

http://www.faz.net/aktuel...
(zum Lesen).

Pessimistische Untergangsszenarien sind zwar verdammt uncool (cool sind Zuversicht und Zweckoptimismus, "jung sein"), aber leider sind die Argumentationen faktisch überzeugend.
Beide sind ja auch "vom Fach" und wissen, wovon sie reden.
Man vergleiche nur die Fortpflanzungsraten und das Familienleben der "Westler" mit denen der "Nichtwestler".
Die Westler verausgaben sich in einem Mix von Karriere- und Leistungsgesellschaft einerseits und Konsum und Hedonismus andererseits. Das ist nicht nachhaltig. In einigen Jahrzehnten findet das rein biologisch ein Ende. Überleben werden andere Kulturen.

Somit sind die "Ängste" keine individuellen, sondern kollektive; keine konkreten, sondern diffuse; keine deutschen, sondern westliche.