Angst in Deutschland: Im Ausnahmezustand

Hamburg

Der afghanische Junge ist von einer Deutschen adoptiert worden, er ist jetzt 18 Jahre alt, geht zur Schule und möchte Krankenpfleger werden.

"Ich dachte, ich bin hier in Sicherheit", sagt er. "Aber jetzt ist das nicht mehr so. Die Leute gucken mich an, sie sehen meine schwarzen Haare und haben Angst vor mir. Sie sind wütend auf mich, weil sie denken, ich bin ein Terrorist. Aber ich bin keiner. Ich bin doch vor den Terroristen geflohen."

Er buchstabiert seinen Nachnamen, der jetzt deutsch ist, wie einer, der vor den Richter gezerrt wurde.

"Die Menschen, die in den Krieg ziehen wollen", sagt er, "die wissen doch gar nicht, was das ist: Krieg. Sie schauen sich Gewaltfilme an und bekommen heißes Blut. Ich weiß, was Krieg ist."

"Wissen Sie", sagt er, "warum ich meine Heimat verlassen musste? Die Taliban wollten mir eine Sprengstoffweste anziehen. Sie wollten, dass ich explodiere."

Norddeich

"Jetzt stell dir mal vor", sagt ein Großvater zu seiner Enkelin, auf der Fähre zur Urlaubsinsel, im Salon an Tisch acht, "hier ist ein Muselmann an Bord mit einer Bombe im Koffer." Dann beißt er in sein Butterbrot. Das Mädchen schaut ihn an, aus Augen wie vernagelten Fenstern.

Heede

"Tausend Wunden wollen die Terroristen uns zufügen", sagt mein Vater, "die wissen wohl nicht, wie kaputt ich sowieso schon bin. Aber die Kleinen", sagt er. "Pass auf deine Kinder auf, Junge, pass auf."

"Die Anführer sollen in einem Staudamm sitzen, im Irak, wenn man den sprengt, ersaufen Zehntausende", sagt mein Vater, "deswegen können die da sitzen und ihre Leute losschicken, mit Rucksäcken und Äxten und Lastwagen, die feigen Hunde." Er holt jetzt den Atlas, der im alten Schrank neben den Fotoalben steht, "wo ist Mossul, wo ist Ansbach, was geht mich diese Scheiße an?", sagt er. Seit wann ist die Welt so groß und mein Vater so klein?

"War was in den Nachrichten?", fragt meine Mutter.

"Wir sind im Krieg", sagt mein Vater. "Und morgen soll es regnen."

Berlin

644.000 Kilometer Straße enden vor dem Haus, in dem ich wohne, es ist ein später Abend Anfang November. Wir sind vier Monate lang durch das Land gereist, in drei Etappen. "Ist es jetzt schöner oder nicht mehr so schön?", hat mein Sohn gefragt.

Ich wundere mich für einen Augenblick, dass das Haus noch dasteht und wie es dasteht, so hoch und stolz über den Gleisen. Müsste es sich nicht ducken? Es kommt mir überheblich vor.

Ich stelle den blauen Koffer im Flur ab und denke an den Koffer des alten Mannes, der neben seinem Schreibtisch steht, den er nur greifen muss, um das Land zu verlassen. Papiere, Seife, eine Zahnbürste und Geld. Ein Erbe seiner selbst.

Ich denke auch an den Turnbeutel, den der Sohn des Imams im Bus vergaß, in der Linie 94, an einem Dienstag um halb zwei. "Ich war so durcheinander an dem Tag", sagte er im Fundamt, "bei uns zu Hause ist nämlich eine Bombe explodiert."

Ob es in Berlin sicherer sei als in Dresden, wollte er wissen, als gäbe es eine Front und ein Hinterland.

Sind wir im Krieg? Das nicht. Aber der Frieden ist grausam.

Die Redaktion hat die in diesem Beitrag genannten Fakten im Februar 2019 überprüft und folgende Korrekturen vorgenommen: Die Einstiegspassage des Textes wurde geändert, weil darin einige Details nicht korrekt wiedergegeben wurden; die ursprüngliche Version des Textes enthielt einen Abschnitt über den Ort Simbach, dieser wurde wegen einiger Recherchefehler entfernt; eine Zeitungsschlagzeile wurde aus dem Absatz zum Ort Barssel gestrichen.

Das multimediale Projekt erscheint auch auf ZEIT ONLINE. Aus der Reise ist zudem ein Buch entstanden, "Atlas der Angst", gestaltet von Mirko Borsche, Creative Director des ZEITmagazins. Es erscheint am 16. März im Eichborn Verlag. Das gleichnamige Theaterstück feiert am 22. April am Hamburger Thalia Theater Premiere.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren
Der deutsche Leidindex Dachs
#1  —  27. März 2017, 22:54 Uhr

Sowohl der Althistoriker David Engels als auch der Althistoriker Alexander Demandt sind geradezu "entzückt" über die frappierenden Ähnlichkeiten unserer heutigen Jetztzeit mit der langen Agonie des untergehenden Römischen Weltreichs:

http://www.deutschlandfun...
(zum Nachhören)

http://www.faz.net/aktuel...
(zum Lesen).

Pessimistische Untergangsszenarien sind zwar verdammt uncool (cool sind Zuversicht und Zweckoptimismus, "jung sein"), aber leider sind die Argumentationen faktisch überzeugend.
Beide sind ja auch "vom Fach" und wissen, wovon sie reden.
Man vergleiche nur die Fortpflanzungsraten und das Familienleben der "Westler" mit denen der "Nichtwestler".
Die Westler verausgaben sich in einem Mix von Karriere- und Leistungsgesellschaft einerseits und Konsum und Hedonismus andererseits. Das ist nicht nachhaltig. In einigen Jahrzehnten findet das rein biologisch ein Ende. Überleben werden andere Kulturen.

Somit sind die "Ängste" keine individuellen, sondern kollektive; keine konkreten, sondern diffuse; keine deutschen, sondern westliche.