Ich habe einen Traum Balbina Jagielska

"Ich sah mich auf der Bühne, meine Stimme versagte, das Mikrofon war nicht eingeschaltet"

Ich bin ein Mensch, der nach Phasen besonders intensiver Arbeit sehr viel Schlaf braucht. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit einem Thema erschöpft mich enorm. Ich muss dann zwei Tage am Stück schlafen, um mich von dieser Anstrengung zu erholen, und stehe zwischendurch nur kurz auf, um etwas zu essen. Wie benebelt laufe ich durch die Wohnung zum Kühlschrank. Um mich herum ist es still und dunkel. Diesen Moment des Wachseins erlebe ich als eine Art Traumzustand. Meine wahren Träume sind hingegen sehr eindringlich.

So zum Beispiel vor zwei Jahren, als ich mit Herbert Grönemeyer auf Tour war. Für mich war das ein unwirkliches Erlebnis. Auf der Bühne vor Tausenden Leuten zu stehen überforderte mich. Ich fühlte mich der Ohnmacht nahe und konnte mich nur auf mein Programm konzentrieren, indem ich das Drumherum ausblendete. Auch wenn ich mir im Anschluss an meine eigene Show gerne noch den Auftritt von Herbert Grönemeyer angeguckt hätte, musste ich sofort ins Hotel und schlafen.

Die vielen Geräusche, Menschen und Lichter: Diese Dimension konnte ich nur in meinen Träumen verarbeiten. In ihnen sah ich mich auf der Bühne stehen und singen, aber manchmal versagte meine Stimme, manchmal war das Mikrofon nicht eingeschaltet. Es war grauenhaft, einfach schrecklich. Meine Sinne waren unfassbar präsent, ich nahm alles unglaublich intensiv wahr. Ich wachte total verstört auf und konnte zwischen Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden. Erst meine Musiker konnten mich wieder beruhigen. Sie versicherten mir, dass alles glattgegangen war und gut geklungen hatte.

Es ist, als würde ich in meinen Träumen meinen Alltag bearbeiten. An solchen Tagen frage ich mich, woran man Realität eigentlich festmacht. Forscher antworten darauf eher nüchtern: Im Schlaf hast du die Augen geschlossen, Körper und Bewusstsein fahren runter, und du träumst. Aber wer kann mir Brief und Siegel darauf geben, dass es so ist – und nicht genau andersrum?

Vor einiger Zeit wollte ich mir selbst Klarheit darüber verschaffen. Mich plagte eine anhaltende Müdigkeit. Im Studio schlief ich regelmäßig ein, und trotz des vielen Schlafs fühlte ich mich unausgeglichen. Mein Hausarzt fand, das sei nicht normal. Er wollte der Sache auf den Grund gehen und eine Erkrankung ausschließen. Auf seinen Rat hin begab ich mich in ein Schlaflabor. Zwei Tage blieb ich dort. Mein Kopf wurde mit Elektroden verkabelt, die meine Gehirnaktivität aufzeichnen sollten.

Die Untersuchung ergab keinen pathologischen Befund. Auffällig war nur eine überdurchschnittlich rege Gehirntätigkeit. Wenn also mein Gehirn während meiner Träume so aktiv ist wie bei anderen Menschen in Wachphasen, sind dann nicht meine Träume meine eigentliche Wirklichkeit? Dass ich zwei Alben veröffentlicht habe, dass ich mit Grönemeyer auf Tour war, das habe ich vielleicht nur geträumt. Vielleicht hat das alles nie stattgefunden, ist nur Teil meiner Fantasie – und in Wirklichkeit stehe ich in einer Bäckerei und backe Brötchen.

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