Harald Martenstein Über den sachlichsten Vermittler auf Erden

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 12/2017

In der ZEIT stand ein Artikel über Ayn Rand. Natürlich stammte der Text von einer Amerikanerin. Ich fürchte fast, ich bin der einzige deutsche Medien- und Kulturschaffende, der Ayn Rands Roman Der Streik persönlich gelesen hat, alle 1.260 klein bedruckten Seiten. Dieses Buch gehört, trotz einer Weitschweifigkeit, die es locker mit jeder Wagneroper aufnehmen kann, zu den einflussreichsten der Geschichte, es ist auch seit Jahrzehnten eines der meistgelesenen. Zurzeit verkauft es sich etwa eine Million Mal pro Jahr. Der Streik ist die Bibel der Neocons, der Neoliberalen, der Libertären und aller, die nach herrschender Meinung des Teufels sind. Wie man sich zu Trump, zur Anti-EU-Stimmung oder zum Brexit irgendwie kompetent äußern kann, ohne Ayn Rand zu kennen, ist mir deshalb ein Rätsel. Das ist so, als ob man einen wütenden Artikel über den "Mai 68" und den bösen Rudi Dutschke schreibt, ohne von Marx, Ho Chi Minh oder Lenin auch nur den blassesten Schimmer zu haben – ist damals ja oft gemacht worden.

Rand wurde 1905 in St. Petersburg mit dem Namen Alissa Rosenbaum geboren. Sie erlebte die Oktoberrevolution, ihr Vater wurde enteignet, die Familie verarmte. 1926 emigrierte sie in die USA, sie wurde eine Freundin von Alan Greenspan sowie eine glühende Anwältin des Kapitalismus und des Individualismus, beides hielt sie für moralisch besser begründbar als Kollektivismus und Sozialismus. Sie dachte liberal, konservativ war sie eigentlich nicht, feministisch schon eher. Ihr neuer Name sollte keine Rückschlüsse auf ihr Geschlecht zulassen. In Der Streik ist die Heldin eine junge Unternehmerin, umgeben von unfähigen Männern, das immerhin ist eine Brücke zum Mainstream von heute und natürlich nicht trumpgemäß.

Die Grundidee lautet, dass der Kapitalismus am besten in der Lage ist, Reichtum zu schaffen, und dass davon letztlich alle profitieren. Egoismus ist gut, weil er den mächtigsten Ansporn zu Leistung darstellt. Das Leistungsprinzip ist gerecht, wenn alle die gleichen Chancen haben, Umverteilung ist ungerecht. Der Streik beschreibt ein Amerika, in dem korrupte Politiker die Unternehmer und Erfinder immer mehr gängeln und ihnen immer mehr Kapital wegnehmen, um sich mit Sozialleistungen die Gunst der Massen zu erkaufen. Dabei verarmt das Land allerdings, was die Politiker zu neuen, mit Fake-News gespickten Hasstiraden gegen die Kapitalisten anspornt. Diese machen irgendwann nicht mehr mit, alle Tüchtigen hauen ab und gründen in den Bergen ein Utopia des Leistungsprinzips. Die Wirtschaft der USA bricht zusammen, ähnlich wie Sowjetunion und DDR.

Die Wirkung des Romans beruht darauf, dass er sehr schöne, wiedererkennbare Porträts von Sozialdemagogen, Opportunisten und Schmarotzern enthält und den empörten Umverteilungsjargon perfekt trifft. Insgesamt halte ich Der Streik für genauso falsch oder richtig wie das Kommunistische Manifest, es ist die radikale Gegenpolemik. Man kapiert, wieso die Trump-Wähler – das Buch ist wirklich Massenware – es großartig finden, von Milliardären regiert zu werden statt von Sozis. Und ich habe bei der Lektüre wieder mal gemerkt, wie gespalten die Welt inzwischen ist. Zwischen Ayn-Rand-Fans und, sagen wir mal, Hillary Clinton oder Martin Schulz gibt es keine Berührungspunkte, fast kein Satz ist denkbar, den beide Seiten unterschreiben könnten. Der Kalte Krieg war dagegen eine Wertegemeinschaft. Der Einzige, der beide Welten gut kennt und sachlich bleibt, scheine ich zu sein. Ich kann gerne vermitteln.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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