Gesellschaftskritik Über Handzeichen

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 13/2017

Auch uns befällt zuweilen die Einsicht: Die Welt wäre kuscheliger, wenn alle Menschen im Dinosaurierpyjama herumlaufen müssten. Besonders, wenn wir von dramatischen Ereignissen hören, wie neulich beim Fußballspiel der Premier League, als José Mourinho, der Trainer von Manchester United, von Fans seines ehemaligen Vereins Chelsea als "Judas" beschimpft und minutenlang ausgebuht wurde. Weil Mourinho aber ein Gentleman ist, schimpfte er nicht zurück, sondern zeigte mit drei Fingern in die Luft, und dann war, nach allem, was man so hört, verständige Ruhe. Für Begriffsstutzige erklärte Mourinho hinterher die Bedeutung seiner Geste: Er habe mit Chelsea drei Titel gewonnen, und solange kein anderer mit dem Verein vier gewinne, sei er die Nummer eins beziehungsweise der Größte. Bevor die Geste als Mourinhos typische Arroganz gedeutet wird, möchten wir das Kunststück loben, einen solch komplexen Sachverhalt mit einer einfachen Handbewegung darzustellen. Immerhin enthält sie Vergangenheit, Konjunktiv, Selbstbejahung und eine einzigartige Interpretation abendländischer Religionsgeschichte: Judas, ein Held statt ein Verräter. Und das ist nicht nur weit mehr, als bei Twitter so hinpasst, sondern auch mehr, als das Gestenrepertoire auf dem Fußballplatz sonst hergibt, das ja gewöhnlich aus "Schwalbe!", "Abpfeifen!" oder "Huhu, meine Frau ist schwanger" besteht. Dem als vornehm geltenden Carlo Ancelotti fiel gegenüber pöbelnden Fans nur der Mittelfinger ein. Und die Handbewegungen von Pep Guardiola sehen oft hieroglyphisch aus.

Mourinho hingegen könnte uns wahrscheinlich auch beibringen, wie wir im Café mit einem Handstreich ein anständiges Stück Apfelkuchen herbeigestikulieren können, dazu einen entkoffeinierten Kaffee und eine moldawische Zeitung, aber nur das Feuilleton, weil heute Donnerstag ist. Überall Entumständlichung aller Kommunikation. Ja, von Reisen nach Spanien oder Indien wissen wir: Die alten Handzeichen, die zu Hause noch als freundlich für "Na, du alte Hundelunge" aufgefasst werden, sind zwei Breitengrade weiter schon eine Beleidigung sämtlicher Familienmitglieder. Aber genau deswegen ist es an der Zeit, über neue Gesten nachzudenken und von Mourinho zu lernen, wie ein paar flüchtig hochgereckte Finger einen ganzen Roman erzählen können. Das Schwierige ist das Einfache, das Vielschichtige ist das Eindeutige. Friede und Verständigung, das will Mourinho in Wahrheit.

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