Die großen Fragen der Liebe: Muss er ihre Tränen verstehen?

Jede Woche beantwortet unser Paartherapeut eine große Frage der Liebe. Diesmal: Wieviel Innigkeit darf der Maßstab sein? Von
ZEITmagazin Nr. 13/2017

Die Frage: Marianne steht mit beiden Beinen im Leben. Sie hat zwei Kinder großgezogen und arbeitet jetzt wieder in der Literaturagentur ihres Partners Klaus. Eines Abends sieht sie zusammen mit Klaus einen Spielfilm nach dem Roman Das doppelte Lottchen von Erich Kästner. Es geht um Zwillinge, die nach der Scheidung der Eltern getrennt wurden. Die beiden Mädchen treffen sich nach Jahren zufällig und beschließen, Vater und Mutter wieder zusammenzubringen, indem sie die Plätze tauschen. Klaus findet die Geschichte konstruiert. Marianne hingegen fängt plötzlich an zu weinen. Klaus will wissen, was sie hat; schließlich geht die Geschichte gut aus. "Du verstehst mich einfach nicht so, wie ich dich verstehe", schluchzt Marianne. "Ich an deiner Stelle wüsste, warum du weinst."

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Das Zwillingsepos Das doppelte Lottchen ist nicht ohne Grund so oft verfilmt worden: Es spricht eine Sehnsucht nach symbiotischer Nähe an, die in manchen Menschen schläft. In der Geschichte wird diese Sehnsucht nicht nur erfüllt, sie verändert auch die Welt, in der die alleingelassenen Zwillinge leben. Marianne hat sich damit abgefunden, dass sie mit Klaus gut zusammenleben kann, aber immer auch einen gewissen Abstand zu seinem Denken und Fühlen spürt. Der Film über die Trauer der Trennung und das Glück der engsten Verbindung rührt sie zu Tränen. Indem Klaus so sachlich nach dem Grund für ihre Tränen fragt, vertieft er Mariannes Gefühl, dass sie mit ihrer Sehnsucht allein ist. Klaus könnte sagen: "Sorry, ich bin nicht deine verlorene Hälfte, aber ich liebe dich, auch wenn ich dich nicht durchweg verstehe!"

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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