Tierarten Die Republik der Tiere

ZEITmagazin: Man versucht ja auch gerade, Auerochsen wieder zu züchten und in einer Art Urzeit-Park in den Niederlanden wieder anzusiedeln.

Haszprunar: Diese Sekundärzüchtungen sind Rinder, die dem Auerochsen ähnlich sehen, die aber genetisch keine Auerochsen sind. Der Auerochse ist verloren. Den könnten wir nur wiederbekommen, wenn es uns gelingt, aus den Genomstücken, die noch da sind, ein Komplettgenom zu machen und dieses dann zum Leben zu erwecken. Was eine Schweinearbeit ist, weil man ja in den Knochen immer nur weitgehend zerfallene Stücke des Genoms findet, und die muss man dann wieder zusammensetzen. Was uns beim Neandertaler auch schon gelungen ist, und für das Mammut werden wir es wohl auch bald haben. Da finden wir noch sehr gut erhaltene tiefgefrorene Stücke in der Tundra. Aber was bisher noch nicht gelang, ist, diesen Informationen wieder Leben einzuhauchen.

ZEITmagazin: Könnte das je gelingen?

Haszprunar: Es hängt ein bisschen davon ab, wie genetisch verschieden diese Tiere von den heute noch lebenden Verwandten sind. Die vielversprechendste Methode ist gene editing, wo man ganz gezielt aus dem Erbgut eines möglichst nahen Verwandten die entsprechenden Genstücke rausschneidet und durch die Genstücke des ausgestorbenen Tieres ersetzt. Zum Ausbrüten brauchen Sie dann eine Leihmutter, die genetisch nicht allzu weit entfernt sein sollte.

ZEITmagazin: Welches Tier wäre denn der beste Kandidat für eine Wiederauferstehung?

Haszprunar: Ich würde mit alten Rinderrassen oder Ziegenrassen beginnen, einfach weil das noch immer die gleiche Art ist. Aber es wird ganz schwierig sein, genetisch sehr isolierte Arten wiederzubeleben, wie beispielsweise den Tasmanischen Tiger. Da gibt es keine nahen Verwandten.

ZEITmagazin: Und Saurier, wie in dem Film Jurassic Park?

Haszprunar: Kann man vergessen. Die allermeisten Dinosaurier sind vor über 65 Millionen Jahren ausgestorben, da ist gar kein Genmaterial mehr da. Das Älteste, was im Moment möglich ist, wäre die Eiszeit, also Mammut und Wollnashorn. Oder eben der Neandertaler, wo man aus sehr vielen Funden das Genom wieder zusammengesetzt hat. Aber das ist natürlich eine ganz große ethische Frage: Darf ich einen Neandertaler züchten? Sie müssten ja hier mit Menschenmaterial arbeiten, das Sie mit Neandertaler-Genen bestücken. Davon abgesehen: wozu eigentlich? Wie der körperlich aussah, wissen wir. Was uns wirklich interessiert, wäre seine Geisteswelt. Dazu reicht ein Neandertaler aber nicht, dazu brauchen Sie eine Gruppe.

ZEITmagazin: Ihr Institut ist Teil eines weltweiten Verbunds, der die Gencodes aller Tierarten in einer Datenbank sammeln will. Wozu?

Haszprunar: Zunächst einmal, weil wir die Bestimmung von Tierarten dadurch stark vereinfachen können, und zwar in jedem Zustand, vom Ei über die Larve bis oftmals lange nach dem Tod. Denken Sie an Parasiten. Vor ein paar Jahren hatten wir den Fall eines Touristen, der aus dem Himalaya zurückkam, mit Fliegenlarven im Arm. Da konnten wir in die globale Datenbank schauen und relativ schnell feststellen, was für eine Fliegenart das war.

ZEITmagazin: Wie viele Einträge haben Sie schon?

Haszprunar: In Deutschland haben wir jetzt etwa 20.000 Tierarten so zugeordnet. Alle Wirbeltiere, alle Bestäuber, alle größeren Wasserinsekten, praktisch alle Schmetterlinge und Wildbienen und fast alle Käfer.

ZEITmagazin: Wer sammelt für Sie?

Haszprunar: Zum Teil Profis aus den Umweltbüros, zum Teil Fachamateure, die sich aus Liebhaberei für eine bestimmte Tiergruppe interessieren.

ZEITmagazin: Gab es Überraschungen?

Haszprunar: Ja, gerade hier in München konnten wir kürzlich ein altes Rätsel lösen: Sie wissen ja, dass es Zecken gibt, die Hirnhautentzündung übertragen. Ganz Süddeutschland ist ein Hochrisikogebiet, mit einer Ausnahme: Es gibt im Osten von München eine Enklave, wo das Ansteckungsrisiko geringer ist. Man wusste nicht, wieso. Jetzt wissen wir’s: weil es nämlich eine andere Zecke ist, die hier offensichtlich Fuß gefasst hat. Das hat man über die Genetik herausgefunden. Und wir haben auch einige Käfer- und Schmetterlingsarten wiedergefunden, die bereits seit Jahrzehnten als verschollen galten.

ZEITmagazin: Manche Wissenschaftler vergleichen den derzeitigen Verlust an Tier- und Pflanzenarten mit den fünf großen Aussterbewellen, die es in den letzten 500 Millionen Jahren gegeben hat und bei denen 70 bis 90 Prozent der Spezies starben. Sie glauben, dass der Mensch gerade eine sechste Welle verursacht. Geht es bei Ihrem Projekt auch darum, die Tierwelt zumindest als DNA für die Nachwelt zu konservieren?

Haszprunar: Eine ausgestorbene Art zum Leben zu erwecken wäre ungeheuer aufwendig und würde Zigmillionen Euro kosten. Es wäre viel sinnvoller, mit einem Bruchteil davon Lebensräume unter Schutz zu stellen. Das Problem ist ja nicht so sehr der Verlust von Einzelarten, das Hauptproblem heißt Rodung der Regenwälder und Zerstörung der Korallenriffe. Dort verlieren wir wirklich unglaubliche Mengen an Arten. Die meisten davon haben wir nie kennengelernt.

ZEITmagazin: Gab es jemals zuvor eine Spezies, die die eigenen Lebensgrundlagen so untergraben hat wie der Mensch?

Haszprunar: Ja. Sehr früh. Denken Sie bitte zwei Milliarden Jahre zurück. Da gab es de facto nur Bakterien. Einige davon konnten Licht als Energiequelle nutzen. Als Abfallprodukt dieses Stoffwechsels entstand Sauerstoff. Die Bakterien und später auch die ersten Einzeller vertrugen aber keinen Sauerstoff. Sie vermehrten sich trotzdem und produzierten immer mehr Sauerstoff, und ab etwa einem Prozent Sauerstoff in der Luft wurde die Welt für sie giftig. Das war die erste große Umweltkatastrophe. 90, 95 Prozent aller Anaerobier fielen ihr zum Opfer. Es gab allerdings auch Bakterien, die lernten, den Sauerstoff zu nutzen, einige davon wurden von den Einzellern quasi versklavt. Das war der Durchbruch der frühen Einzeller und des höheren Lebens, wie wir es heute auf der Erde kennen.

ZEITmagazin: Könnte auch das Ende der Menschheit der Durchbruch für etwas anderes sein?

Haszprunar: Ich glaube nicht, dass die Menschheit ganz aussterben wird. Nicht einmal bei einem großen Artensterben. Doch das Leben danach ist vermutlich kein schönes.

ZEITmagazin: Kann man es nicht sehen wie bei den Anaerobiern – es ist der Lauf der Welt, daraus wird etwas anderes entstehen?

Haszprunar: Ja – aber im Gegensatz zu den Anaerobiern wissen wir um diese Zusammenhänge. Die Evolution hat keine Moral. Moral gibt es nur bei Einsicht. Und Einsicht haben nur Menschen. Daraus erwächst Verantwortung. Wenn Sie religiös sind, können Sie das als Bewahrung der Schöpfung titulieren.

ZEITmagazin: Wieso eigentlich Bewahrung? Bedeutet Evolution denn nicht, dass sich immer alles verändert?

Haszprunar: Bewahrung heißt eben auch, die Dynamik zu erhalten. Wenn wir eine hohe Biodiversität haben, ist das System wesentlich besser gegen Störungen geschützt. Und das ist auch für uns gut. Was uns droht, ist sowieso keine Naturkatastrophe, sondern eine Menschenkatastrophe.

Die Wildkamerabilder sind Aufnahmen einer Forschungsgruppe der Uni Göttingen. Das Luchsprojekt der Uni Göttingen wurde im Herbst 2014 ins Leben gerufen, um den Bestand einer kleinen Teilpopulation des Eurasischen Luchses in Nordhessen zu schätzen und zu überwachen. Außerdem stellen sie die Fotos aus den Wildfallen Schulklassen zur Verwendung im Unterricht zur Verfügung. Auf diese Weise soll anschaulich ein Stück deutschen Waldes in die Klassenzimmer transportiert werden.

Hinter der Geschichte: Die Zoologische Staatssammlung München mutet wie ein verwunschener Ort an, auf den Gängen sieht man ausgestopfte Krokodile und Affen. In dem vierstündigen Gespräch erzählte Gerhard Haszprunar, dass er seine Liebe zur Natur in der Grundschule entdeckte: Seine Lehrerin stellte jede Woche Pflanzen aufs Pult und ließ sie von der Klasse bestimmen.

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